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Homo fabricatus

Homo faber" lautet der Titel eines 1962 erschienenen Romans von Max Frisch. Der Titelheld ist ein Techniker, dessen rationale Weltsicht durch tragische Verwicklungen aus den Fugen ge-rät. Auch andere Romanfiguren des 20. Jahrhunderts waren Ingenieure, zum Beispiel Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften in Robert Musils gleichnamigem Roman. Der Techniker gilt als Inbegriff der Moderne. Nicht nur die Literatur, auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich intensiv mit dem Wesen moderner Technik auseinandergesetzt. Besonders radikal fällt die Technikkritik bei Martin Heidegger aus, der vor 25 Jahren am 26. Mai 1976 gestorben ist. Schonungslos - Kritiker sagen: einseitig - hat Heidegger das berechnende Wesen und die Gewalttätigkeit der modernen Technik im Umgang mit der Natur und ihre Auswirkungen auf das Selbstverständnis des Menschen analysiert.

Einen neuen Entwicklungsschritt markiert die Gentechnik. "Life sciences" ist der Name für den biowissenschaftlich-technischen Komplex des 21. Jahrhunderts, der sich von der Landwirtschaft bis zu molekularen Medizin erstreckt. Die Biotechnologie führt zu neuen tiefgreifenden Veränderungen unseres Welt- und Menschenbildes. Aus dem Homo Faber wird der Homo fabricatus. Jüngstes Beispiel ist ein in den USA im Reagenzglas gezeugtes Kind, welchem bei der Befruchtung neben den Genen seiner Eltern zu therapeutischen Zwecken auch noch einige Fremdgene beigegeben wurden.

Was bedeutet es für das eigene Selbstverständnis, wenn ein Mensch sich künftig als das technisch erzeugte Produkt anderer Artgenossen begreifen muss? Wird er noch in, mit und unter den technischen Begleitumständen seiner Menschwerdung zu dem Glauben finden, den Luther in seinem Kleinen Katechismus so ausgedrückt hat: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen"?

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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