#Pius XII.

Pius XII.

Hubert Wolf - © Foto: KNA
Religion

Hubert Wolf: "Wissen nur Bruchteil über Pius XII."

1945 1960 1980 2000 2020

Kirchenhistoriker Hubert Wolf über seine Erkenntnisse zu Eugenio Pacelli: Der spätere Papst schloss 1933 als Kardinal-Staatssekretär das Konkordat mit dem Deutschen Reich.

1945 1960 1980 2000 2020

Kirchenhistoriker Hubert Wolf über seine Erkenntnisse zu Eugenio Pacelli: Der spätere Papst schloss 1933 als Kardinal-Staatssekretär das Konkordat mit dem Deutschen Reich.

Lange war der Umgang des Heiligen Stuhls mit dem Dritten Reich von Spekulationen und Mythen umrankt. Jetzt legt Hubert Wolf, Kirchengeschichtler an der Universität Münster, im Buch "Papst und Teufel" neue Erkenntnisse zum Verhältnis von Vatikan und Nationalsozialismus für die Zeit bis 1939 vor.

DIE FURCHE: Verändern die neuen Quellen das Bild von Eugenio Pacelli, dem Nuntius in Deutschland (1917-29), Kardinalstaatssekretär (1929-39) und späteren Papst?
Hubert Wolf:
Wir wissen bis jetzt nur einen Bruchteil über ihn, nämlich das, was an Quellen bis 1939 vor- liegt. Wir sollten uns hüten, darüber zu spekulieren, was er als Papst über den Holocaust gewusst hat. Klar ist: Pacelli war mehr als ein bloßer Taktiker; er war zuerst Seelsorger.

DIE FURCHE: Welche neuen Erkenntnisse haben Sie über das Reichskonkordat gewonnen, das 1933 zwischen dem Vatikan und dem NS-Regime geschlossen wurde?
Wolf:
Pacelli strebte schon 1918 ein Reichskonkordat an, aber nicht so, wie es dann kommen sollte. Oft wurde geargwöhnt, es gebe einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Abschluss des Reichskonkordats einerseits und der Rücknahme der bischöflichen Warnungen vor dem Nationalsozialismus und der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz andererseits. Das hat sich nicht bestätigt. Die Bischöfe zum Beispiel handelten definitiv nicht in Absprache mit dem Vatikan. Mit der Rücknahme der Verurteilung des Nationalsozialismus hatten sie vielmehr ohne Not einen entscheidenden Trumpf aus der Hand gegeben. Der Grund war: Sie hatten Angst vor einem zweiten Kulturkampf, bei dem die Katholiken hätten ins Getto gedrängt werden können.

DIE FURCHE: War der Preis, den die Kirche fürs Konkordat zahlte, zu hoch?
Wolf:
Man darf nicht vergessen: Die katholische Kirche blieb dadurch die einzige Institution, die sich der Gleichschaltung weitgehend erfolgreich entziehen konnte. Kein katholischer Pfarrer wurde wegen einer jüdischen Großmutter suspendiert, keine katholische Gruppierung unterstützte - wie auf evangelischer Seite die "Deutschen Christen" - die Rassegesetze der Nazis. Doch der Preis dafür war hoch: Rom legte sich dem Vertragspartner gegenüber vielleicht zu viel Zurückhaltung auf.

DIE FURCHE: Und warum hat der Vatikan das Reichskonkordat dann doch geschlossen?
Wolf:
Weil ihm keine andere Wahl blieb. Das war wirklich die "Pistole am Kopf", von der Pacelli gesprochen hat. Er war überrascht vom Vorgehen der deutschen Bischöfe. Aber hätte der Vatikan das Reichskonkordat nicht geschlossen, dann wäre es wohl für lange Zeit zu keiner Vereinbarung mit Deutschland mehr gekommen - mit unabsehbaren Folgen.

Lange war der Umgang des Heiligen Stuhls mit dem Dritten Reich von Spekulationen und Mythen umrankt. Jetzt legt Hubert Wolf, Kirchengeschichtler an der Universität Münster, im Buch "Papst und Teufel" neue Erkenntnisse zum Verhältnis von Vatikan und Nationalsozialismus für die Zeit bis 1939 vor.

DIE FURCHE: Verändern die neuen Quellen das Bild von Eugenio Pacelli, dem Nuntius in Deutschland (1917-29), Kardinalstaatssekretär (1929-39) und späteren Papst?
Hubert Wolf:
Wir wissen bis jetzt nur einen Bruchteil über ihn, nämlich das, was an Quellen bis 1939 vor- liegt. Wir sollten uns hüten, darüber zu spekulieren, was er als Papst über den Holocaust gewusst hat. Klar ist: Pacelli war mehr als ein bloßer Taktiker; er war zuerst Seelsorger.

DIE FURCHE: Welche neuen Erkenntnisse haben Sie über das Reichskonkordat gewonnen, das 1933 zwischen dem Vatikan und dem NS-Regime geschlossen wurde?
Wolf:
Pacelli strebte schon 1918 ein Reichskonkordat an, aber nicht so, wie es dann kommen sollte. Oft wurde geargwöhnt, es gebe einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Abschluss des Reichskonkordats einerseits und der Rücknahme der bischöflichen Warnungen vor dem Nationalsozialismus und der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz andererseits. Das hat sich nicht bestätigt. Die Bischöfe zum Beispiel handelten definitiv nicht in Absprache mit dem Vatikan. Mit der Rücknahme der Verurteilung des Nationalsozialismus hatten sie vielmehr ohne Not einen entscheidenden Trumpf aus der Hand gegeben. Der Grund war: Sie hatten Angst vor einem zweiten Kulturkampf, bei dem die Katholiken hätten ins Getto gedrängt werden können.

DIE FURCHE: War der Preis, den die Kirche fürs Konkordat zahlte, zu hoch?
Wolf:
Man darf nicht vergessen: Die katholische Kirche blieb dadurch die einzige Institution, die sich der Gleichschaltung weitgehend erfolgreich entziehen konnte. Kein katholischer Pfarrer wurde wegen einer jüdischen Großmutter suspendiert, keine katholische Gruppierung unterstützte - wie auf evangelischer Seite die "Deutschen Christen" - die Rassegesetze der Nazis. Doch der Preis dafür war hoch: Rom legte sich dem Vertragspartner gegenüber vielleicht zu viel Zurückhaltung auf.

DIE FURCHE: Und warum hat der Vatikan das Reichskonkordat dann doch geschlossen?
Wolf:
Weil ihm keine andere Wahl blieb. Das war wirklich die "Pistole am Kopf", von der Pacelli gesprochen hat. Er war überrascht vom Vorgehen der deutschen Bischöfe. Aber hätte der Vatikan das Reichskonkordat nicht geschlossen, dann wäre es wohl für lange Zeit zu keiner Vereinbarung mit Deutschland mehr gekommen - mit unabsehbaren Folgen.