Religiöse Vielfalt - wie geht das? - © iStock/frimages

Ich erkläre dir, wie es bei mir läuft

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Die Religionswissenschaftler Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer haben zuletzt die Herausforderungen für ein Schulfach Ethik skizziert - und für Lehrende eine "weitgehend neutrale Position" eingemahnt. Ein Gegenvorschlag.

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Die Religionswissenschaftler Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer haben zuletzt die Herausforderungen für ein Schulfach Ethik skizziert - und für Lehrende eine "weitgehend neutrale Position" eingemahnt. Ein Gegenvorschlag.

Dass es die Einführung eines Schulfachs braucht, das ethische und weltanschauliche Fragen behandelt, steht angesichts der in den letzten Jahrzehnten entstandenen soziografischen, kulturellen und religiösen Vielfalt wohl außer Diskussion. Es stellen sich aber zwei zentrale Fragen, die vor jeder Einführung zu klären sind:

Dass es die Einführung eines Schulfachs braucht, das ethische und weltanschauliche Fragen behandelt, steht angesichts der in den letzten Jahrzehnten entstandenen soziografischen, kulturellen und religiösen Vielfalt wohl außer Diskussion. Es stellen sich aber zwei zentrale Fragen, die vor jeder Einführung zu klären sind:

1. Wir reden immer von Ethikunterricht, auch wenn die Gesamtheit der vorhandenen religiösen Gruppierungen/Weltanschauungen und die damit verbundenen Themen behandelt werden sollen. Vorab wäre also die für dieses Fach notwendige Beziehung zwischen Religion und Ethik zu bestimmen, um sie im Lehrplan adäquat aufbereiten zu können. Ebenso müsste eine Bezeichnung für den Gegenstand gefunden werden, die der im Kommentar von Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer geforderten inhaltlichen Vielfalt entspricht.

2. Nach der Implementierung des Faches „Ethik“ als Schulversuch im Jahre 1997 stand zunächst der Gedanke im Vordergrund, der steigenden Zahl an Schülerinnen und Schülern, die an keinem schulischen Religionsunterricht teilnehmen, einen entsprechenden Ersatz zu bieten; später sprach man von einer Alternative. Bevor Lehr- und Ausbildungspläne konkretisiert werden, muss geklärt werden, um welche Form von Ethikunterricht es sich nun handeln soll: Alternative oder Verpflichtung für alle, also auch jene, die an einem konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen? Letztere Variante hätte auf jeden Fall weitgehende finanzielle und organisatorische Konsequenzen.

Gefahr des „Otherings“

Ein Blick in die europäische Realität zeigt, wie breit und unterschiedlich ein solches Fach benannt und konzipiert werden kann: Multireligiös; mit starken philosophischen und ethischen Anteilen, oder mit Akzent auf Lebensgestaltung. Diese Modelle verstehen sich als meist verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler und haben teilweise den (konfessionellen) Religionsunterricht abgelöst bzw. in ein Wahlfach umgewandelt. Ein strikt nach Konfessionen getrennter Religionsunterricht (eine europäische Minderheit) will hingegen neben Sachinformationen über Religion(en) und religiöse Phänomene (learning about) Kindern und Jugendlichen etwa die wesentlichen Elemente christlichen Glaubens in der jeweiligen konfessionellen Prägung erschließen und in ihre ethnische und/oder kulturelle Identität einführen, sodass sie ihre religiöse Basis verstehen, begründen und im Idealfall leben können (learning from). Das kann allerdings dazu führen, von Menschen, die nicht der eigenen Konfession oder Religion angehören oder als ‚nicht-religiös‘ eingestuft sind, als den Anderen zu sprechen. Dieses Othering schafft Parallelgesellschaften (Wir und die jeweils Anderen) und wird sichtbar in Inklusions- und Exklusions-Bewegungen (Wir sind nicht die Anderen).

Deshalb brauchen wir schulische Räume, in denen durch die Anwesenheit aller Schülerinnen und Schüler einer Klasse eine gemeinsame dialogische Auseinandersetzung mit authentisch eingebrachten und gelebten religiösen Überzeugungen, Weltanschauungen und daraus resultierenden Praktiken möglich wird. Hier erleben alle, dass es divergierende Umgangsformen mit Religion im Alltag sowie eine Vielfalt an Glaubenspraxis nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Konfessionen und Religionen gibt, wie auch eine Vielzahl an weltanschaulichen Sichtweisen (inklusive Atheismen).

Wie kann das jedoch bei Aufrechterhaltung eines monokonfessionellen Religionsunterrichts gelingen? Ein Konsens könnte im Wechselspiel verschiedener Lern- und Diskursräume für eine Klasse bestehen: Konfessionelle Stunden, in denen Schüler desselben Glaubens ihre Fragen stellen und Antworten zu ihrer Identität erhalten, in einer festzulegenden Abfolge mit Ethikstunden, wo gemeinsames Lernen durch authentisch eingeführte religiöse und weltanschauliche Perspektiven in Dialog und gegenseitiger Achtung stattfindet. Authentisch im Sinne eines persönlichen, subjektiven und verantwortungsbewussten Erklärens dessen, was jede/r Einzelne persönlich (nicht) glaubt und wie sie/er daraus lebt.

Ein Konsens wäre folgendes Wechselspiel: Konfessionelle Stunden, in denen Schüler desselben Glaubens ihre Fragen stellen, und ,Ehikstunden‘ mit gemeinsamem Lernen

Die Vorstellung, dass eine einzelne Lehrkraft – wenn auch optimal durch Aus- und Fortbildung kompetent gemacht – die Diversität an Religionen, Bekenntnisgemeinschaften und Weltanschauungen aus einer wie im Beitrag beschriebenen religions-
und kulturwissenschaftlichen Perspektive vergleichend – noch dazu neutral – (ich würde hier mit Robert Jackson den Begriff unvoreingenommen/impartial präferieren) adäquat präsentieren und vertiefend erklären kann, scheint etwas blauäugig.

Im 2018 abgeschlossenen Erasmus+ Projekt READY (Religious Education and Diversity), das aus einer Zusammenschau von Religions- und Ethikunterricht in verschiedenen europäischen Ländern Perspektiven für die Gestaltung dieser Fächer benannt hat, äußerten Lehrkräfte eines gemeinsamen (Religions-)Unterrichts (wie in England) Besorgnis darüber, inwieweit ihr erworbenes Wissen über eine zu unterrichtende Religion oder Weltanschauung dem Glaubensverständnis und der (religiösen) Praxis der anwesenden Schülerinnen und Schüler dieser Religion bzw. Weltanschauung entspricht (und dies auch tun kann). Deshalb bedarf es im ethischen/ interreligiösen Bereich des Einsatzes authentischer Vertreter der jeweiligen Weltanschauungen – und das nicht nur als eine Doppelstunde lang anwesende Gäste.

Kommunikative Kompetenz gefordert

Die Ausbildung von zukünftigen Lehrkräften dieses neuen Fachs muss somit zentrale Kompetenzen eines adäquaten classroom management zum Ziel haben: vor allem kommunikative Kompetenz, die einen friedlichen und sensiblen Umgang miteinander in gegenseitigem Respekt ermöglicht, sowie fachliche und didaktische Kompetenzen, um zu einem tiefergehenden, auch persönlich herausfordernden Gespräch zu kommen.

Religions- und Ethikunterricht in der beschriebenen Kombination könnten so Lernende befähigen, ohne Diskriminierung, Intoleranz oder Zuschreibungen Welt und Menschen aus mehreren Perspektiven zu sehen und dabei auch gezielt in die Betrachtungsweise anderer zu wechseln. Die Modelle eines konfessionell-kooperativen und dialogisch-konfessionellen Unterrichts sowie eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts im Klassenverband in Öster reich und Deutschland sind zwar erste Schritte in diese Richtung, würden aber erst in Form eines oben beschriebenen Wechselspiels den beschriebenen gesellschaftlichen Notwendigkeiten entsprechen.

Der Autor war bis 2017 Institutsleiter Fortbildung Religion an der KPH Wien/Krems und 2015–2018 österr. Leiter von READY.

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