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Religion

Ich will leben, wie es mir gefällt...

1945 1960 1980 2000 2020

Immer mehr Österreicher wollen nach ihrer eigenen Fasson glücklich werden. Eine neue Wertestudie zeigt einen Trend in Richtung "Rosinenmensch".

1945 1960 1980 2000 2020

Immer mehr Österreicher wollen nach ihrer eigenen Fasson glücklich werden. Eine neue Wertestudie zeigt einen Trend in Richtung "Rosinenmensch".

Dieser Tage ist eine Studie erschienen, die uns endgültig aus dem Halbschlaf des ewigen Weitermachens reißen sollte: In Österreich versuchen immer mehr Menschen, sich aus allen Lebenssituation das für sie Beste und Interessanteste herauszupicken. Allerdings ohne allzu große Anstrengungen. Man will natürlich und gesund leben, aber auf ein hohes Maß an Bequemlichkeit nicht verzichten. Es gibt weniger Neigung zu bewusstem Verzicht oder zum Teilen. Man will eine interessante Arbeit, aber sie muss auch gut bezahlt werden. Umweltschutz, Mitbestimmung und neue Formen der politischen Beteiligung werden als wichtig angesehen. Aber aktiv mitmachen? Nicht unbedingt ...

"Der Rosinenmensch ist im Kommen", fasste einer der Autoren, der Pastoraltheologe Paul. M. Zulehner, den "Wertewandel der ÖsterreicherInnen 1990-2000" zusammen: Dieser "neue Österreicher" (in seiner weiblichen ebenso wie in seiner männlichen Ausführung) interessiert sich hauptsächlich für sich selbst und erstrebt alles, was ihm zur Entfaltung seiner Persönlichkeit nützt. Ansonsten will er eher unbehelligt bleiben. Die Überschrift der österreichischen Trendanalyse, die Teil einer Europäischen Wertestudie 1990-2000 ist, lautet auch dementsprechend: "Im Mittelpunkt das lch."

Wie sollst Du leben, hieß es früher. Wie mag Ich leben, heißt es jetzt. Immer mehr Menschen streben also auch in Österreich danach, nach ihrer eigenen Fasson glücklich zu werden und nicht durch die Befolgung von traditionellen Regeln, Rezepten, Mustern und Vorstellungen. Werte der Selbstentfaltung und Selbstinszenierung werden oberstes Prinzip. Es wird genau bedacht, wo und wie man sich im Leben plaziert. Allerdings - die neue Freiheit will dann auch ungestört genossen werden. Denn eines zeigt die Studie klar: Auf den gewohnten sozialen Sicherheitsdienst will - bei allem Freiheitsstreben - auch der "Rosinenmensch" nicht verzichten. Der Staat soll für die Absicherung der Grundbedürfnisse sorgen, die Chancengleichheit im Bildungssystem garantieren und die Einkommensunterschiede nicht gar zu groß werden lassen ...

Starke Worte Was ist von dieser neuen Wertewelt der Österreicher zu halten? Zunächst sollte eines nicht übersehen werden: Noch nie gab es so viele und so starke Schlagworte wie heute, wenn es um die Beschreibung der Zukunft geht. Auch die Wissenschaftler sind um griffige Wortschöpfungen nicht mehr verlegen. Der "Rosinenmensch" hat erwartungsgemäß bereits die Runde durch die heimischen Medien gemacht (in Deutschland wird er als "Ich-Generation" oder "Ichling" bezeichnet). Solche Ausdrücke können allerdings auch zu Missverständnissen führen: Sie suggerieren, dass die stärkere Ich-Werdung und Ich-Bezogenheit auch zwangsläufig eine Verstärkung des Egoismus bedeutet. Dafür gibt es in der neuen Werte-Studie aber im Grunde gar keine schlüssigen Belege. Rückgang des Kirchenbesuches, Desinteresse an der traditionellen Kirche und der Politik, Rückzug von den Institutionen, Abnahme beruflicher Motivation, zunehmende Ablehnung der Ehe - das alles bedeutet noch nicht, dass hemmungslose Selbstsucht im Vormarsch ist.

Natürlich drängt sich auch in den Alltagserfahrungen eine solche Einschätzung auf. Die wachsende Zahl der Singles und Scheidungen, die abnehmende Zahl der Kinder, die mangelnde Solidarität gegenüber Schwächeren, das Nachlassen des Hineinfühlen-Könnens in die Bedürfnisse anderer Menschen, das breite Interesse an Spaß und Genuss ...

Aber das ist nur die eine Seite. Immer noch stehen laut Wertestudie Ehe, Familie und Freunde bei den Österreichern ganz hoch im Kurs. Die Familie wird sogar noch mehr geschätzt als früher, wird sie doch als Hort von Solidarität gegenüber einer erkaltenden Gesellschaft empfunden. In den Beziehungen zählen gegenseitiger Respekt, Treue, Verstehen und Toleranz. Mehr Menschen als noch vor zehn Jahren bezeichnen sich heute auch als "religiös" ...

Etwas anderes sollte aber auch nicht übersehen werden - die neuen Werthaltungen kommen nicht von ungefähr. Der Ich-bezogene Mensch ist nicht plötzlich ausgerufen oder herbeigeredet worden, sondern muss im Zusammenhang mit den sozialen und ökonomischen Modernisierungsprozessen gesehen werden. Es ist doch ganz offensichtlich, dass die Menschen immer massiver vom Markt umworben und damit selbstherrlicher werden. Dazu Dynamik, Hektik und Wandel in allen Lebensbereichen. So viel gerät heute schon in den Bereich eigener Entscheidungen, angefangenen von der "richtigen" Pensionsvorsorge bis zum "günstigsten" Telefontarif, vom "richtigen" Partner bis zum "günstigsten" Termin für ein Kind. Im Grunde vollziehen die Menschen den Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen nun auch in ihren Köpfen und Einstellungen. Die Multi-Optionsgesellschaft verlangt nach einer multiplen Persönlichkeit, die je nach Situation ein neues Ich abberufen kann. Wandlungsfähige sind die Gewinner.

Was hilft es denn auch, mangelnde Solidarität in der Arbeitswelt zu beklagen, wenn die neue Flexibilität gar kein Wir-Gefühl mehr fordert oder belohnt? Was hilft es, den Babyschwund zu beklagen, wenn die Frauen sehen, wie unberechenbar Berufswelt und Ehe geworden sind?

Und das Du?

Natürlich wird sich angesichts der vielen starken Ichs in Zukunft die Frage stellen, welche Bedeutung das andere Ich, also das Du, haben wird. Die Gefahr besteht, dass sich das neue selbstbewusste Ich solidarischen Einsätzen und Selbstverpflichtungen tatsächlich immer mehr verschließen wird. Dass sich die "Rosinenmenschen" mit Vorliebe jenen zuwenden werden, die sie für ihre Selbstverwirklichung brauchen oder ausnützen können. (Dafür sind sie dann auch zur Gegenseitigkeit bereit).

Eine der großen Herausforderungen der Zukunft lautet sicherlich: Wie wird es der Gesellschaft gelingen, die verschiedenen Wünsche, Lebensentwürfe und Vorstellungen von Freiheit der Menschen unter einen Hut zu bringen? Werden Egoismus und gegenseitiges Ausnützen das dominierende Verhalten? Oder wird es Kräfte geben, die ein allzu hemmungsloses Ich im Zaum halten können?

Gesucht wird also in Zukunft vieles. Werden wir auch etwas finden ...?

Dieser Tage ist eine Studie erschienen, die uns endgültig aus dem Halbschlaf des ewigen Weitermachens reißen sollte: In Österreich versuchen immer mehr Menschen, sich aus allen Lebenssituation das für sie Beste und Interessanteste herauszupicken. Allerdings ohne allzu große Anstrengungen. Man will natürlich und gesund leben, aber auf ein hohes Maß an Bequemlichkeit nicht verzichten. Es gibt weniger Neigung zu bewusstem Verzicht oder zum Teilen. Man will eine interessante Arbeit, aber sie muss auch gut bezahlt werden. Umweltschutz, Mitbestimmung und neue Formen der politischen Beteiligung werden als wichtig angesehen. Aber aktiv mitmachen? Nicht unbedingt ...

"Der Rosinenmensch ist im Kommen", fasste einer der Autoren, der Pastoraltheologe Paul. M. Zulehner, den "Wertewandel der ÖsterreicherInnen 1990-2000" zusammen: Dieser "neue Österreicher" (in seiner weiblichen ebenso wie in seiner männlichen Ausführung) interessiert sich hauptsächlich für sich selbst und erstrebt alles, was ihm zur Entfaltung seiner Persönlichkeit nützt. Ansonsten will er eher unbehelligt bleiben. Die Überschrift der österreichischen Trendanalyse, die Teil einer Europäischen Wertestudie 1990-2000 ist, lautet auch dementsprechend: "Im Mittelpunkt das lch."

Wie sollst Du leben, hieß es früher. Wie mag Ich leben, heißt es jetzt. Immer mehr Menschen streben also auch in Österreich danach, nach ihrer eigenen Fasson glücklich zu werden und nicht durch die Befolgung von traditionellen Regeln, Rezepten, Mustern und Vorstellungen. Werte der Selbstentfaltung und Selbstinszenierung werden oberstes Prinzip. Es wird genau bedacht, wo und wie man sich im Leben plaziert. Allerdings - die neue Freiheit will dann auch ungestört genossen werden. Denn eines zeigt die Studie klar: Auf den gewohnten sozialen Sicherheitsdienst will - bei allem Freiheitsstreben - auch der "Rosinenmensch" nicht verzichten. Der Staat soll für die Absicherung der Grundbedürfnisse sorgen, die Chancengleichheit im Bildungssystem garantieren und die Einkommensunterschiede nicht gar zu groß werden lassen ...

Starke Worte Was ist von dieser neuen Wertewelt der Österreicher zu halten? Zunächst sollte eines nicht übersehen werden: Noch nie gab es so viele und so starke Schlagworte wie heute, wenn es um die Beschreibung der Zukunft geht. Auch die Wissenschaftler sind um griffige Wortschöpfungen nicht mehr verlegen. Der "Rosinenmensch" hat erwartungsgemäß bereits die Runde durch die heimischen Medien gemacht (in Deutschland wird er als "Ich-Generation" oder "Ichling" bezeichnet). Solche Ausdrücke können allerdings auch zu Missverständnissen führen: Sie suggerieren, dass die stärkere Ich-Werdung und Ich-Bezogenheit auch zwangsläufig eine Verstärkung des Egoismus bedeutet. Dafür gibt es in der neuen Werte-Studie aber im Grunde gar keine schlüssigen Belege. Rückgang des Kirchenbesuches, Desinteresse an der traditionellen Kirche und der Politik, Rückzug von den Institutionen, Abnahme beruflicher Motivation, zunehmende Ablehnung der Ehe - das alles bedeutet noch nicht, dass hemmungslose Selbstsucht im Vormarsch ist.

Natürlich drängt sich auch in den Alltagserfahrungen eine solche Einschätzung auf. Die wachsende Zahl der Singles und Scheidungen, die abnehmende Zahl der Kinder, die mangelnde Solidarität gegenüber Schwächeren, das Nachlassen des Hineinfühlen-Könnens in die Bedürfnisse anderer Menschen, das breite Interesse an Spaß und Genuss ...

Aber das ist nur die eine Seite. Immer noch stehen laut Wertestudie Ehe, Familie und Freunde bei den Österreichern ganz hoch im Kurs. Die Familie wird sogar noch mehr geschätzt als früher, wird sie doch als Hort von Solidarität gegenüber einer erkaltenden Gesellschaft empfunden. In den Beziehungen zählen gegenseitiger Respekt, Treue, Verstehen und Toleranz. Mehr Menschen als noch vor zehn Jahren bezeichnen sich heute auch als "religiös" ...

Etwas anderes sollte aber auch nicht übersehen werden - die neuen Werthaltungen kommen nicht von ungefähr. Der Ich-bezogene Mensch ist nicht plötzlich ausgerufen oder herbeigeredet worden, sondern muss im Zusammenhang mit den sozialen und ökonomischen Modernisierungsprozessen gesehen werden. Es ist doch ganz offensichtlich, dass die Menschen immer massiver vom Markt umworben und damit selbstherrlicher werden. Dazu Dynamik, Hektik und Wandel in allen Lebensbereichen. So viel gerät heute schon in den Bereich eigener Entscheidungen, angefangenen von der "richtigen" Pensionsvorsorge bis zum "günstigsten" Telefontarif, vom "richtigen" Partner bis zum "günstigsten" Termin für ein Kind. Im Grunde vollziehen die Menschen den Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen nun auch in ihren Köpfen und Einstellungen. Die Multi-Optionsgesellschaft verlangt nach einer multiplen Persönlichkeit, die je nach Situation ein neues Ich abberufen kann. Wandlungsfähige sind die Gewinner.

Was hilft es denn auch, mangelnde Solidarität in der Arbeitswelt zu beklagen, wenn die neue Flexibilität gar kein Wir-Gefühl mehr fordert oder belohnt? Was hilft es, den Babyschwund zu beklagen, wenn die Frauen sehen, wie unberechenbar Berufswelt und Ehe geworden sind?

Und das Du?

Natürlich wird sich angesichts der vielen starken Ichs in Zukunft die Frage stellen, welche Bedeutung das andere Ich, also das Du, haben wird. Die Gefahr besteht, dass sich das neue selbstbewusste Ich solidarischen Einsätzen und Selbstverpflichtungen tatsächlich immer mehr verschließen wird. Dass sich die "Rosinenmenschen" mit Vorliebe jenen zuwenden werden, die sie für ihre Selbstverwirklichung brauchen oder ausnützen können. (Dafür sind sie dann auch zur Gegenseitigkeit bereit).

Eine der großen Herausforderungen der Zukunft lautet sicherlich: Wie wird es der Gesellschaft gelingen, die verschiedenen Wünsche, Lebensentwürfe und Vorstellungen von Freiheit der Menschen unter einen Hut zu bringen? Werden Egoismus und gegenseitiges Ausnützen das dominierende Verhalten? Oder wird es Kräfte geben, die ein allzu hemmungsloses Ich im Zaum halten können?

Gesucht wird also in Zukunft vieles. Werden wir auch etwas finden ...?