Im Land der unvollendeten Kriege

Was ist Bosnien-Herzegowina sich selbst und was ist es für Europa? Gedanken über ein historisches Eroberungsopfer und ein Schlachtfeld von Ethnien, das zum blinden Fleck der EU geworden ist.

Die Volksgruppen Bosnien und Herzegowinas (in der Folge Bosnien genannt; Anm.) haben weder einen gemeinsamen Blick auf die Geschichte und die Zukunft des eigenen Landes, noch eine einhellige Perspektive auf Europa. Zwar sehen alle Europa als Chance, aber die Blickwinkel sind sehr unterschiedlich: Die katholisch-kroatische Seite und der Großteil der bosnisch-herzegowinischen Bevölkerung erleben Europa als etwas ihr nahes, eigenes. Für Teile der muslimisch-bosniakischen und der orthodox-serbischen Bevölkerung ist es aber das entfernte "christliche“ beziehungsweise "katholische“ Europa. Gleichzeitig ist auch das Verhältnis Europas zu Bosnien nicht eindeutig. Die gemeinsame Geschichte ist jedenfalls voll von trennenden Brüchen.

Als sich Mitte des 15. Jahrhunderts das bosnische Königreich dem Einfall des mächtigen Osmanischen Reiches gegenübersah, wurde es von den zerstrittenen Herrschern Europas seinen Eroberern überlassen. Von 1463 bis 1878 gehörte Bosnien deshalb in den osmanischen Kulturkreis - in dem sich die bosnisch-herzegowinische religiöse und kulturelle Pluralität ausformte. Die Eroberung Bosniens durch die Osmanen hat jedenfalls den europäischen Weg des Landes gestoppt - wie auch jenen der gesamten Region. Die Prozesse der Aufklärung, Modernisierung und Säkularisierung blieben verschlossen, was anbrach, war die "versiegelte Zeit“ (Dan Diner).

Der gewaltsame Anschluss

Ähnlich gewaltsam, wie Bosnien ein Teil des Osmanischen Reiches wurde, gestalteten sich später, im Jahr 1878, auch der Anschluss an Österreich-Ungarn und das Ende dieser Zeit mit dem aus Belgrad orchestrierten Attentat von Sarajevo auf den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, das den Beginn des ersten Weltkriegs markierte. In dieser Art ging es weiter. Nach 1918 befand sich Bosnien-Herzegowina im Verband mit gleich drei Staaten: erst im serbisch-monarchistischen Königreich Jugoslawien (1918-1941), dann im ustascha-faschistischen "Unabhängigen Staat Kroatien“ und schließlich im kommunistisch-sozialistischen Jugoslawien (1945-1991). Anfang der Neunzigerjahre nutzte Slobodan Milosˇevi´c die Situation in Europa aus: Der Kontinent sah sich gerade mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Osteuropa mit all seinen Folgen konfrontiert. Unter dem Motto "Alle Serben in einem Staat“ fing Serbien in den Neunzigerjahren die Kriege am Balkan an. In diesen traumatischen Jahren blieb eine konkrete Reaktion Westeuropas jedoch aus - weil es die großserbische Aggression in Bosnien-Herzegowina häufig als "Bürgerkrieg“ qualifizierte.

Die traumatische Erfahrung des Krieges und Europas Schweigen sind bis heute nicht verarbeitet, besonders unter bosnisch-herzegowinischen Muslimen - selbst wenn europäische Staaten vielen Flüchtlingen Zuflucht geboten haben, ist der bittere Nachgeschmack des Verrats des "christlichen“ Europas geblieben. Gleichzeitig hat sich Bosnien zu dieser Zeit noch stärker als Symbol für Barbarei in Europas Gedächtnis eingebrannt - und nicht als Ort der Begegnung von Kulturen und Religionen, als das es seit den Zeiten des Römischen Reiches gegolten hatte.

Heute erlebt Europa Bosnien als Ballast. In Bosnien hingegen herrscht Einigkeit darüber, dass Europa das Hereinbrechen nationalistischer Interessen Großserbiens über dieses Land und die gesamte Region zugelassen hat. Ebenso einig ist man sich über den kalten amerikanischen Pragmatismus, der Bosnien durch den Friedensvertrag von Dayton im Jahr 1995 in ein nichtfunktionierendes Land verwandelt hat - ausgenommen die serbisch-nationalistische Politik, die durch Dayton mit der Republika Srpska einen nahezu vollständig ethnisch gesäuberten Landesteil erhalten hat, der quasi wie ein Staat im Staat eigenständig funktioniert.

Zersplitterungen

Seitdem prägen den Staat asymmetrische Landesteile, so genannten Entitäten - der kleineren (monoethnischen) Republika Srpska und der größeren (multiethnischen) kroatisch-bosniakischen Föderation. Die Probleme Bosniens aus dem Vertrag von Dayton sind bis heute ungelöst: fehlender innerpolitischer Konsens, negativer Einfluss nationalistischer Politik aus den benachbarten Ländern Kroatien und Serbien - der "Reserveheimat“ der bosnischen Kroaten und Serben. Dazu kommt die Unmöglichkeit der Verständigung der internationalen Gemeinschaft über die Zukunft des Landes. Aus diesen angeführten Problemen resultieren alle anderen Probleme dieses Landes.

Das heutige Bosnien ist das Land der "unvollendeten Kriege“ (Ivan Lovrenovi´c), welche vom Schlachtfeld weg auf die Felder von Politik und Medien gewandert sind. Dem Land fehlen "kohäsive gesellschaftliche Formen und integrierende Modelle des Denkens und Handelns“ (Ivan Sˇarcˇevi´c). Es ist das Land des künstlichen Friedensvertrages von Dayton, der ethnische Säuberungen legitimiert hat und einen bitteren Beigeschmack der Ungerechtigkeit unter den Bürgern Bosniens hinterlassen hat. Damit einher gingen posttraumatische soziale Verarmung und die wirtschaftliche Vernichtung der Gesellschaft. Die "politischen Religionen“ Bosniens existieren in einer Kultur des Hasses und der Vergeltung, unfähig zur inneren Katharsis und Veränderung. Dabei hilft die gemeinsame jahrhundertelange Geschichte nur wenig. Die Verflechtung der Leben und die Verbundenheit wurden in den vergangenen zwanzig Jahren planmäßig vernichtet, entwertet und ausgerottet. Bosnien ist heute eine vormoderne Gesellschaft aus drei Ethnien mit einer starken Koppelung des Nationalen mit dem Religiösen - eine Gesellschaft, die sich Demokratie, die Bedeutung des Rechtsstaates, der Menschenrechte und Freiheit erst aneignet.

Keine Fortschritte - das Gegenteil

Das bisherige Engagement europäischer Politiker hat nicht die erwarteten Fortschritte gebracht. Europa kann und muss mehr tun. Bosnien hat eine geschichtliche Kontinuität ungeachtet aller Regime und innerer Verflechtungen seiner Vergangenheit. Über dieses Land wurde nahezu immer auf Weltkongressen und Abkommen entschieden - Berlin (1878), Versailles (1919), Jalta (1945) und Dayton (1995). Ist nun Brüssel an der Reihe? Und wie viel kann Europa überhaupt bewirken - in einem politisch und kulturell benachteiligten Land, belastet von historischem Hass, innerer Uneinigkeit, nationaler und religiöser Unreife?

Schlussendlich sind die Probleme Bosniens und dieser Region nicht nur "Balkan“-Probleme. Sie können potenziell auch Probleme aller multinationalen, multireligiösen und multikulturellen europäischen Völker sein. Denn niemand ist vor desintegrierenden, nationalistischen, fundamentalistischen und sezessionistischen Politiken gefeit. Somit sind die bosnisch-herzegowinischen Probleme und jene des Balkan gleichzeitig auch Probleme der europäischen Identität.

* Der Autor ist bosnischer Franziskaner, Theologe, Publizist und Direktor des Internationalen Multireligiösen Zentrums "Zajedno“ ("Gemeinsam“) - IMIC Sarajevo

Europas bosnisches Trauma

In wenigen Tagen beginnt das Gedenkjahr zum Ersten Weltkrieg. Dann werden sich die Augen auf Sarajewo richten, wo das Attentat gegen den Thronfolger Franz Ferdinand stattfand. Doch Europa sollte über das Bosnien von heute sprechen. Ein Land, das der Balkan-Krieg zerrissen hat, und dessen Wunden der Frieden nicht heilt.

Redaktion: Oliver Tanzer

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