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Im Ort des guten WILLENS

Für mich ist Gallneukirchen der Himmel", sagt Omar Shehabi, und sein Gesicht erhellt sich. "Die Leute hier vergessen in ihrem Engagement für uns fast ihr eigenes Leben." Im Herbst kam er mit seiner Frau und vier Kindern aus Syrien in die 6000-Einwohner-Gemeinde im Mühlviertel. Seither werden sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Bürgerinitiative "Gemeinsam in Gallneukirchen"(GIG) betreut. Angesprochen auf die Hilfeleistungen der Freiwilligen, sprudelt es nur so aus dem 49-Jährigen heraus: "Sie helfen uns beim Übersetzen von Briefen, beim Gang zu Behörden, sie bieten Deutschkurse und Nachhilfe an, bringen alle Flüchtlinge zu Ausflügen, Grillereien, Schwimmbädern, zum Bowling, sie haben uns Freikarten für den Bus und für Veranstaltungen besorgt." Erstmals seit fünf oder sechs Jahren habe seine Familie wieder Spaß gehabt.

Die Shehabis sitzen um den Küchentisch versammelt. Das Haus wirkt etwas veraltet, aber es ist auf jeden Fall besser als ein Zelt. Sie sind froh, dass sie mit Hilfe der Bürgermeisterin von Gallneukirchen eine Bleibe gefunden haben. Vor Ausbruch des Krieges konnte der Import-Export-Manager seiner Familie ein gutes Leben ermöglichen. Nun sucht er dringend einen neuen Job. Die Miete für das Einfamilienhaus verschlingt den Großteil der Sozialhilfe, der Rest geht für Lebensmittel und Transportkosten drauf.

Der Irrwitz des Systems

Sechs ehrenamtliche Arbeitsgruppen sind in Gallneukirchen zu den Themen Wohnen, Alltagsbewältigung, Spracherwerb, Arbeit, Freizeit und Öffentlichkeitsarbeit für die Flüchtlinge aktiv. "Schwierig ist vor allem das Beschaffen von bezahlbarem Wohnraum", sagt GIG-Mitarbeiterin Carmina Soler-Mataix. Hier herrsche viel Skepsis seitens der Vermieter. Zudem sind die erforderlichen drei Monatsmieten Kaution oft schwer zu beschaffen. Eine weitere bürokratische Hürde: Nach Erhalt eines positiven Asylbescheids kann man erst zum Zeitpunkt des Ausziehens aus der Grundversorgung um Mindestsicherung ansuchen. Dafür sind jedoch ein unterschriebener Mietvertrag und die Meldebescheinigung der Gemeinde notwendig. "Danach dauert es mehrere Wochen, bis die Mindestsicherung ausgezahlt wird", kritisiert Soler-Mataix. Bis dahin muss der Flüchtling aber Kaution, Miete, Betriebskosten und Lebensunterhalt bestreiten -was ohne Hilfe der Caritas oder privat organisierter Überbrückungs-Finanzierungen kaum möglich ist.

Die Familie Shehabi ist froh, trotz all dieser Schwierigkeiten soviel Hilfe zu erhalten und nach vier Kriegsjahren in Österreich angekommen zu sein. Im Krieg haben sie mehrere Familienmitglieder verloren, andere Angehörige sind vermisst. Ehefrau Mana musste sich alleine und mittels Schleppern von Syrien nach Österreich durchschlagen. Nur ungern und mit leiser Stimme erzählt die Frau mit dem rosa Kopftuch von ihrer Flucht. Eineinhalb Jahre sollte es dauern, bis sie ihre Kinder und ihren Mann in Österreich wieder in die Arme schließen konnte. 14.000 US-Dollar kostete der sechsköpfigen Familie die Flucht nach Europa.

Insgesamt 35 Flüchtlinge aus Kriegsund Krisengebieten sind derzeit in Gallneukirchen untergebracht, vorwiegend junge Männer aus Syrien. Für die staatliche Grundversorgung der Flüchtlinge sorgt das Diakoniewerk vor Ort (siehe Interview), sämtliche Betreuungsaufgaben übernehmen die Freiwilligen von GIG. Sie haben im Herbst die Initiative ergriffen, als Gemeinde, Diakoniewerk und Soziallandesrätin Gertraud Jahn beschlossen, Flüchtlinge im Ort zu beherbergen, um die Erstaufnahmestellen des Bundes zu entlasten. Der Verein will "gegen die vom Boulevard und von bestimmten Parteien verbreitete Meinung antreten, das Boot sei voll." Seit kurzem gibt es einen interkulturellen Stammtisch im Ort. "Für beide Seiten eine Bereicherung", meint Sprachlehrerin Soler-Mataix.

Wenige Meter entfernt von der Wohnung der Shehabis hilft seit kurzem ein junger syrischer Mann mit dunklen gegelten Haaren beim Friseur "Schnittpunkt" mit. Die Familie des 22-jährigen Yasser Kalaf führte in Syrien einen Haarsalon. Jeden Freitag darf er hier aushelfen. So kann er sich monatlich 240 Euro dazu verdienen. Am liebsten würde er jeden Tag kommen. "Ich mache Colorationen und schneide die Haare", erzählt er, während er einer Kundin die Haarfarbe aufträgt. Er möchte nächstes Jahr im Herbst gerne eine Friseurlehre beginnen, doch dafür muss er erst noch Deutsch lernen.

Bürgermeisterin ermöglicht Hilfsjobs

"Der Neustart beginnt für diese Menschen mit fehlenden Sprachkenntnissen, vielen Informationsdefiziten und Ängsten", erklärt Sprachlehrerin Soler-Mataix. Die gebürtige Spanierin weiß, wovon sie spricht. Sie fühlte sich als Immigrantin im Wien der Achtzigerjahre alles andere als willkommen. Heute unterstützt sie die Flüchtlinge. "Ihr Unverständnis ist groß, dass während des Asylverfahrens fast keine Arbeit möglich ist. Ebenso, dass sich die Verfahren teils sehr lange ziehen und bei den einzelnen Flüchtlingen so unterschiedlich lange dauern." Dank der Initiative von ÖVP-Bürgermeisterin Gisela Gabauer dürfen die Asylwerber zumindest 20 Stunden pro Monat für die Stadtgemeinde Gallneukirchen Hilfsarbeiten wie Gartenarbeit oder Reinigung erledigen.

Auch Kalafs Freund Loay al-Kafry kann sich so monatlich 100 Euro dazuverdienen. Er übersetzt das Gespräch im Friseursalon. Der 25-Jährige war schon fast mit dem Erdölingenieurs-Studium fertig, als er aus Syrien fliehen musste. "Als ich gerade eine Prüfung geschrieben habe, hat mein Vater angerufen und gesagt, dass wir noch in der Nacht in die Wüste nach Jordanien aufbrechen müssen", erinnert er sich. Für seinen elfjährigen Bruder kam die Flucht zu spät -er starb im Bombenhagel auf Homs. Al-Kafrys Familie verbrachte einen Monat im riesigen Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Nach verschiedenen Zwischenaufenthalten ging es mit einem Gummiboot von der Türkei nach Samos. "Als die Polizei kam, mussten wir das Boot zerstören und schwimmen, damit sie uns nicht zurück schicken können", erklärt er. Nun versucht GIG-Mitarbeiterin Soler-Mataix, al-Kafry den Studienabschluss an der Montanuni Leoben zu ermöglichen.

Als nächstes besucht die freiwillige Helferin die Wohngemeinschaft im Schallerhaus des Diakoniewerks, wenige Meter unterhalb des Friseursalons. Die Männer zwischen 26 und 46 freuen sich sichtlich über den Besuch. Sie tischen gerade für einheimische Gäste jede Menge orientalische Spezialitäten auf: Reis mit Nüssen, Spinat mit Linsen, Ofengemüse, Obst. Sie selbst essen nichts, denn es ist Ramadan. Es wird auf Englisch und Deutsch kommuniziert und viel gelacht.

Ein Kuchen und ein Wörterbuch

Jeden Freitag besucht das Ehepaar Reisinger die Männer-WG. Diesmal haben sie Marillenkuchen und ein deutsch-arabisches Wörterbuch mitgebracht. "Wir üben gemeinsam Konversation oder zeigen ihnen alltägliche Dinge, etwa, wie man bei uns Altstoff entsorgt", sagt Franz Reisinger, der sich auch bei GIG engagiert.

In der WG sind die verschiedensten Berufe vereint: Elektriker, Ökonom, Friseur, Techniker, Arzt, Bauarbeiter. Alle acht warten auf ihren Asylbescheid. Einer von ihnen ist der 27-jährige Obada Askar. Er hat noch in Syrien sein Medizinstudium abgeschlossen und hofft, die vier nötigen Prüfungen zur Anerkennung seines Studiums an der Med-Uni Wien bald absolvieren zu dürfen. Askar würde gerne Geld nach Hause schicken. Derzeit ist das nicht drin, er lebt von einem Taggeld von 5,50 Euro. Damit kann man nicht einmal mit dem Bus von Gallneukirchen nach Linz und zurück fahren. "Diese Fahrten sind nötig, um Termine bei der Bezirkshauptmannschaft oder dem AMS wahrzunehmen", erklärt Soler-Mataix, die Gratis-Tickets für die Flüchtlinge organisiert.

Die Aufnahme von Flüchtlingen hat in Gallneukirchen Tradition. Das Diakoniewerk hat mit seiner Flüchtlingsarbeit während des Ersten Weltkrieges begonnen. In den Neunzigerjahren sind Asylwerber aus Ex-Jugoslawien gekommen, die inzwischen gut integriert sind. Außerdem sind die Flüchtlinge in überschaubarer Anzahl auf kleine Wohneinheiten verteilt. Sie werden zentral untergebracht, sodass Geschäfte und Haltestellen gut zu Fuß erreichbar sind.

Der Grüne Landesrat Rudi Anschober präsentiert dieses Modell der Flüchtlingsbetreuung als Gegenentwurf zur aktuellen Asyldebatte. "Hinter dem parteipolitischen Hickhack und den Zeltlagern funktioniert die Betreuung von Asylwerbern in vielen Gemeinden Oberösterreichs sehr gut", betont er. Der Bezirk Urfahr-Umgebung erfüllt seine Asylquote, die sich auf 0,3 Prozent Flüchtlinge je Einwohner beläuft. "Wir gehen davon aus, dass wir kurzfristig weitere Quartiere in unserem Bezirk brauchen und sind gerade dabei, mit den Bürgermeistern weitere Kapazitäten zu schaffen", sagt Bezirkshauptmann Paul Gruber.

Vergangenes hinter sich lassen

Die Shehabis möchten den Menschen in Gallneukirchen gerne etwas zurückgeben. "Wir haben bei Festen aufgekocht und mitgeholfen und unsere Kinder haben gesungen und musiziert", erzählt Omar Shehabi. Immer wieder versucht GIG-Initiatorin und Psychologin Brigitte Fischerlehner Gelegenheiten zu schaffen, damit sich die Flüchtlinge nützlich machen können. "Die Leute sollen nicht nur Empfänger sein, sondern auch Selbstwert tanken können, weil sie etwas beitragen, das geschätzt wird."

Die 17-jährige Milan Shehabi besucht nun die International School Auhof in Linz. Das Mädchen mit den langen braunen Haaren hat sich für ein "START"-Stipendium beworben, das engagierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Matura ermöglicht. "In meiner Heimat hatte ich sehr gute Noten und hätte ein Studium beginnen können", schreibt sie in ihrem Motivationsschreiben. Sie versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Telefonate mit Familie und Freunden in Syrien meidet Milan. "Ich ertrage das nicht, weil sie jeden Moment sterben könnten. Wir müssen jetzt positiv denken und unser Leben weiterleben."

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