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Religion

"Im Rot schläft die Heimat“

1945 1960 1980 2000 2020
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Der Osttiroler Hans Salcher hat 20 Jahre lang eine Mautstelle geleitet und dabei gern Autofahrer genarrt. Heute arbeitet er mit Wörtern und kräftigen Pinselstrichen, verantwortet die grafische Linie von ServusTV - und versucht, sich selbst treu zu bleiben.

"Atelier Hans Salcher - hintendraußen“, steht auf dem Schild, das auf die Werkstatt des mittlerweile bekannten Autodidakten aufmerksam macht. "Hintendraußen, damit ist alles gesagt“, erklärt Salcher. "Wer mich finden will, findet mich auch!“ Manchmal sitzt er schließlich auch im benachbarten Lokal beim (koffeinfreien) Kaffee: "Ich habe gehört, ihr sucht einen Kellner? Ich könnte das gut! Soll ich mich bei euch vorstellen?“, witzelt dann der Schriftsteller und Maler, dessen klare, reduzierte Zeichnungen das Design des Fernsehsenders ServusTV prägen - und dessen "rote Bullen“ aus den Hochglanz-Magazinen von Red Bull springen.

Begonnen hat es vor drei Jahren, als Didi Mateschitz zu ihm in die Galerie gekommen ist. "Wir haben uns unterhalten, ganz richtig unterhalten, übers Malen und übers Leben. Sofort sind einige Reporter vor dem Fenster gestanden, aber die haben wir weggeschickt“, erzählt er. 20 Jahre lang hat der Osttiroler zuvor die Mautstelle von Bannberg in Richtung Hochstein geleitet - und dabei so manche Autofahrer, die im Sommer Richtung Berg wollten, mit subversiven Scherzen verunsichert: "Einmal habe ich die Devise ausgegeben, dass alle Hauben, Mützen aufsetzen müssen: Es käme ein Schneesturm und ich wäre verantwortlich dafür, dass niemand Erfrierungen erleidet. Ich habe also die Mützen an die Autoinsassen verteilt, die Maut kassiert und mich auf die Gesichter gefreut, wenn die Autos wieder ins Tal kommen. Das war eine Gaudi!“

Neben dem Schranken der Mautstelle hat er stets Schilder aufgestellt, immer mit einem Motto versehen: "Auf die Berge, ihr Zwerge“ stand da etwa einen Sommer lang auf der Mautstraße - im bekannten, schwarzen, Salcher’schen Pinselstrich.

Der 56-Jährige selbst hat in seinem Leben nicht nur Erheiterndes, sondern so manche Niederlagen erlebt - und ist doch immer wieder aufgestanden. Mit sechs Brüdern ist er aufgewachsen, die einzige Schwester ist früh gestorben: "Darüber ist bei uns nie geredet worden“, erinnert er sich. "Zu viel zu reden galt als gefährlich. Lieber ging man zum Alltag über, jeder hat sich so seine Gedanken gemacht, das war ziemlich einsam.“

Ehrlichkeit mit 0,0 Promille

Später beginnt er zu trinken. "Wie oft ich einen Entzug gemacht habe? Das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich bin schon sehr, sehr lange trocken“, erzählt er. "Es hat immer Menschen gegeben, die an mich geglaubt haben, die Christl, meine Frau, oder Freunde wie der Christoph Zanon (ein Osttiroler Schriftsteller, Anm.). Anderen wieder hat es gut gefallen, wenn man sich besoffen zum Deppen macht. Manche Wahrheit, die ich früher im Rausch gesagt habe - übers Leben hier, übers Dorf, über die Menschen - sage ich jetzt noch immer, nur mit 0,0 Promille!“

Doch Hans Salcher hat seinen Lebensstil radikal geändert: Alkohol, Zigaretten und starken Kaffee lässt er mittlerweile sein. "Mir ist meine Gesundheit etwas Wert geworden. Ich lebe nicht mehr so drauflos wie früher.“ Er zieht die Striche in kräftigem Schwarz über das handgeschöpfte Papier. Abgesehen von der Nichtfarbe Schwarz verwendet er nur Blau, Gelb und Rot. "Damit kann ich alles sagen“, erklärt er. "Im Rot schläft die Heimat.“

Es geht ihm um klare Linien, egal ob er einen roten Bullen malt - oder sein häufiges Motiv "Mutter mit Kind“. "Bei der Mautstelle habe ich viele Bilder hergeschenkt“, erinnert sich Salcher. "Jetzt hat einer, dem ich vertraut habe, die Bilder, die ich ihm im Laufe vieler Sommer geschenkt habe, verkauft. Das kränkt mich, es waren Geschenke. Ich hätte sie ihm auch abgekauft, wenn er in Not gewesen wäre. Es ist eben die Gier, die die Leute umtreibt.“ Seit Salchers Bilder beim traditionellen Adventkalender in den Fenstern der Liebburg, dem Rathaus in Lienz, ausgestellt sind und zu wohltätigen Zwecken versteigert werden, hat sich der Blick auf ihn verändert: "Jetzt tun sogar die Leute freundlich mit mir, die mich früher nicht einmal gegrüßt haben. Aber selbst das ärgert mich nicht mehr, ich durchschaue diese Spiele: Arm ist der, der mitspielt, ohne es zu merken!“

"Hauptsache, es macht Freude!“

Er selbst bleibt lieber ehrlich - und großzügig. Für Besucher seines Ateliers steht immer ein Aschenbecher bereit, wer will, kriegt auch einen Schnaps und den Kaffee gibt es mit und ohne Koffein. Der junge Mann, der heute kurz in der Galerie "hintendraußen“ vorbeischaut, scheint Hans Salcher gut zu kennen: "Hans, kannst du mir drei Bögen Papier geben?“ Salcher rollt gleich vier Bögen behutsam zusammen und gibt sie dem Besucher. Wer der junge Mann war? "Das weiß ich nicht. Ist aber gleich, wenn er damit etwas Sinnvolles tut oder einfach nur etwas ausprobiert - Hauptsache, es macht ihm Freude.“

Freude und Echtheit sind es auch, die ihn antreiben. Sein Lebensmotto lautet: "Sich selber treu bleiben! Sonst ist alles nichts wert!“ Hans Salcher weiß sehr genau, wo er hin will und woher er kommt: "Meine Heimat Bannberg, hoch oben ein Dorf, ein schöner Ort. Man stirbt hier ganz jung“, hat er mit kühnem Schwung in Schwarz aufs Büttenpapier geschrieben. "Damit ist alles gesagt!“

Der Osttiroler Hans Salcher hat 20 Jahre lang eine Mautstelle geleitet und dabei gern Autofahrer genarrt. Heute arbeitet er mit Wörtern und kräftigen Pinselstrichen, verantwortet die grafische Linie von ServusTV - und versucht, sich selbst treu zu bleiben.

"Atelier Hans Salcher - hintendraußen“, steht auf dem Schild, das auf die Werkstatt des mittlerweile bekannten Autodidakten aufmerksam macht. "Hintendraußen, damit ist alles gesagt“, erklärt Salcher. "Wer mich finden will, findet mich auch!“ Manchmal sitzt er schließlich auch im benachbarten Lokal beim (koffeinfreien) Kaffee: "Ich habe gehört, ihr sucht einen Kellner? Ich könnte das gut! Soll ich mich bei euch vorstellen?“, witzelt dann der Schriftsteller und Maler, dessen klare, reduzierte Zeichnungen das Design des Fernsehsenders ServusTV prägen - und dessen "rote Bullen“ aus den Hochglanz-Magazinen von Red Bull springen.

Begonnen hat es vor drei Jahren, als Didi Mateschitz zu ihm in die Galerie gekommen ist. "Wir haben uns unterhalten, ganz richtig unterhalten, übers Malen und übers Leben. Sofort sind einige Reporter vor dem Fenster gestanden, aber die haben wir weggeschickt“, erzählt er. 20 Jahre lang hat der Osttiroler zuvor die Mautstelle von Bannberg in Richtung Hochstein geleitet - und dabei so manche Autofahrer, die im Sommer Richtung Berg wollten, mit subversiven Scherzen verunsichert: "Einmal habe ich die Devise ausgegeben, dass alle Hauben, Mützen aufsetzen müssen: Es käme ein Schneesturm und ich wäre verantwortlich dafür, dass niemand Erfrierungen erleidet. Ich habe also die Mützen an die Autoinsassen verteilt, die Maut kassiert und mich auf die Gesichter gefreut, wenn die Autos wieder ins Tal kommen. Das war eine Gaudi!“

Neben dem Schranken der Mautstelle hat er stets Schilder aufgestellt, immer mit einem Motto versehen: "Auf die Berge, ihr Zwerge“ stand da etwa einen Sommer lang auf der Mautstraße - im bekannten, schwarzen, Salcher’schen Pinselstrich.

Der 56-Jährige selbst hat in seinem Leben nicht nur Erheiterndes, sondern so manche Niederlagen erlebt - und ist doch immer wieder aufgestanden. Mit sechs Brüdern ist er aufgewachsen, die einzige Schwester ist früh gestorben: "Darüber ist bei uns nie geredet worden“, erinnert er sich. "Zu viel zu reden galt als gefährlich. Lieber ging man zum Alltag über, jeder hat sich so seine Gedanken gemacht, das war ziemlich einsam.“

Ehrlichkeit mit 0,0 Promille

Später beginnt er zu trinken. "Wie oft ich einen Entzug gemacht habe? Das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich bin schon sehr, sehr lange trocken“, erzählt er. "Es hat immer Menschen gegeben, die an mich geglaubt haben, die Christl, meine Frau, oder Freunde wie der Christoph Zanon (ein Osttiroler Schriftsteller, Anm.). Anderen wieder hat es gut gefallen, wenn man sich besoffen zum Deppen macht. Manche Wahrheit, die ich früher im Rausch gesagt habe - übers Leben hier, übers Dorf, über die Menschen - sage ich jetzt noch immer, nur mit 0,0 Promille!“

Doch Hans Salcher hat seinen Lebensstil radikal geändert: Alkohol, Zigaretten und starken Kaffee lässt er mittlerweile sein. "Mir ist meine Gesundheit etwas Wert geworden. Ich lebe nicht mehr so drauflos wie früher.“ Er zieht die Striche in kräftigem Schwarz über das handgeschöpfte Papier. Abgesehen von der Nichtfarbe Schwarz verwendet er nur Blau, Gelb und Rot. "Damit kann ich alles sagen“, erklärt er. "Im Rot schläft die Heimat.“

Es geht ihm um klare Linien, egal ob er einen roten Bullen malt - oder sein häufiges Motiv "Mutter mit Kind“. "Bei der Mautstelle habe ich viele Bilder hergeschenkt“, erinnert sich Salcher. "Jetzt hat einer, dem ich vertraut habe, die Bilder, die ich ihm im Laufe vieler Sommer geschenkt habe, verkauft. Das kränkt mich, es waren Geschenke. Ich hätte sie ihm auch abgekauft, wenn er in Not gewesen wäre. Es ist eben die Gier, die die Leute umtreibt.“ Seit Salchers Bilder beim traditionellen Adventkalender in den Fenstern der Liebburg, dem Rathaus in Lienz, ausgestellt sind und zu wohltätigen Zwecken versteigert werden, hat sich der Blick auf ihn verändert: "Jetzt tun sogar die Leute freundlich mit mir, die mich früher nicht einmal gegrüßt haben. Aber selbst das ärgert mich nicht mehr, ich durchschaue diese Spiele: Arm ist der, der mitspielt, ohne es zu merken!“

"Hauptsache, es macht Freude!“

Er selbst bleibt lieber ehrlich - und großzügig. Für Besucher seines Ateliers steht immer ein Aschenbecher bereit, wer will, kriegt auch einen Schnaps und den Kaffee gibt es mit und ohne Koffein. Der junge Mann, der heute kurz in der Galerie "hintendraußen“ vorbeischaut, scheint Hans Salcher gut zu kennen: "Hans, kannst du mir drei Bögen Papier geben?“ Salcher rollt gleich vier Bögen behutsam zusammen und gibt sie dem Besucher. Wer der junge Mann war? "Das weiß ich nicht. Ist aber gleich, wenn er damit etwas Sinnvolles tut oder einfach nur etwas ausprobiert - Hauptsache, es macht ihm Freude.“

Freude und Echtheit sind es auch, die ihn antreiben. Sein Lebensmotto lautet: "Sich selber treu bleiben! Sonst ist alles nichts wert!“ Hans Salcher weiß sehr genau, wo er hin will und woher er kommt: "Meine Heimat Bannberg, hoch oben ein Dorf, ein schöner Ort. Man stirbt hier ganz jung“, hat er mit kühnem Schwung in Schwarz aufs Büttenpapier geschrieben. "Damit ist alles gesagt!“