Digital In Arbeit

Im Sterben nicht alleingelassen

1945 1960 1980 2000 2020

Drei Jahre Hospiz der Caritas Socialis in Wien zeigen, daß der Ruf nach Einführung der Sterbehilfe, den wahren Bedürfnissen des Menschen widerspricht.

1945 1960 1980 2000 2020

Drei Jahre Hospiz der Caritas Socialis in Wien zeigen, daß der Ruf nach Einführung der Sterbehilfe, den wahren Bedürfnissen des Menschen widerspricht.

dieFurche: Sie begleiten hier im Hospiz Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wie geschieht diese Betreuung?

Barbara Schwarzmann: Wir kümmern uns hier vorwiegend um krebskranke Menschen. Sie kommen zu uns, wenn klar ist, daß sie - um ein häßliches Wort zu gebrauchen - "austherapiert" sind. Die Medizin sagt dann: Wir können nicht mehr weiter helfen. Dann treten meistens Angehörige, manchmal der Patient selber oder Sozialarbeiter aus dem Krankenhaus an uns heran. Einer unserer Ärzte geht dann zur Begutachtung zu dem Patienten, klärt ab, was dieser möchte und erklärt, was wir hier können. Vor allem macht er klar, daß wir keine Heilung versprechen, sondern gute und professionelle Pflege sowie Schmerztherapie und Bekämpfung sonstiger Begleitsymptome (Erbrechen, Übelkeit ...). Wir können Patienten, die interessiert sind, sehr schnell aufnehmen - oft noch am selben Tag.

dieFurche: Die meisten fürchten ja vor allem heftige Schmerzen. Kann man da wirklich helfen?

Schwarzmann: Die Schmerztherapie ist heute eine sehr gut ausgebaute, eigene Profession. Es gibt sehr gute Schmerzmittel, auch Morphine, die mit anderen Medikamenten kombinierbar sind, je nach dem, woher die Schmerzen kommen (von Weichteilen, Knochen oder inneren Organen ...). Da kann man gezielt einwirken, gute Kombinationen zusammenstellen. Sie ermöglichen den Menschen schmerzfrei oder fast schmerzfrei zu werden, jedenfalls erträglich. In den meisten Fällen, bekommt man die Patienten ganz schmerzfrei.

dieFurche: Ist das mit Bewußtseinstrübungen verbunden?

Schwarzmann: Die große Sorge, daß man süchtig wird oder nur mehr vor sich hindämmert, ist unberechtigt. Es kann sein, daß der Patient zwei Tage müder ist. Danach aber hat er den Kopf frei und beginnt wieder zu denken, ja zu leben, lenkt doch der Schmerz sämtliche Energien, die ein Mensch besitzt, auf den betroffenen Punkt. Es ist so wichtig, daß Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase stehen, mit den Gedanken frei sind, um sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Sie können dann beginnen, Abschied zu nehmen, ihre Angelegenheiten zu regeln.

dieFurche: Wie leben ihre Patienten mit der Perspektive zu sterben?

Schwarzmann: Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt eben darauf an, wie der Mensch gelebt hat. Was wir insgesamt sehr wohl erleben, ist, daß die Menschen hier oft noch etwas aufblühen. Sie finden hier viel Ruhe und Frieden. Die im Krankenhaus häufig erlebte Hektik fällt weg. Wir bemühen uns, nicht in Krankenhausstrukturen zu geraten und bemühen uns sehr, den Tagesablauf auf den Patienten abzustimmen. Wer schläft, wird nicht geweckt. Wir stellen uns auch, was die Zeiten für Körperpflege und Mahlzeiten anbelangt, auf die Patienten ein. Das trägt dazu bei, daß sich die Menschen selbst finden können.

dieFurche: Gibt es viel Rebellion gegen das eigene Schicksal?

Schwarzmann: Es gibt mehrere Phasen des Lebensausklangs, die zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlicher Länge kommen. Irgendwo ist das ein Kreislauf, den man auch mehrfach durchläuft. Man kann an einem Tag recht gut zurechtkommen und am darauffolgenden recht verzweifelt sein. Die Sinnfragen treten da sehr in den Vordergrund. Unterschiedlich ist auch, wie weit ein Mensch wirklich kommt in dem Annehmen seines Schicksals. Insgesamt habe ich das Gefühl, daß der Großteil der Patienten schon im Frieden gehen kann. Ganz dramatische Situationen habe ich bisher nicht erlebt.

dieFurche: Werden die Patienten seelsorglich betreut?

Schwarzmann: Wir haben ein interdisziplinäres Team von Mitarbeitern: Ärzte, Krankenschwestern, Pflegehelfer, Seelsorger arbeiten mit. Der Seelsorger des Hauses verrichtet einen Großteil seiner Arbeit im Hospiz. Jeder aber, der dort arbeitet, muß sehr hellhörig sein. Denn die Patienten deuten oft nur mit kleinen Zeichen an, daß sie ein Gespräch suchen. Da muß man sensibel sein, stehen bleiben, sich hinsetzen und auf das Gespräch eingehen, sonst ist die Gelegenheit vorbei. Man muß dazusagen, daß nicht jeder Patient täglich ein Gespräch sucht. Oft sind die Gespräche nur kurz, sie können aber auch eine ganze Nacht dauern. Wichtig ist, daß man es sich so einteilen kann.

dieFurche: Wie groß ist die Herausforderung für die Betreuer?

Schwarzmann: Die Arbeit ist mit Sicherheit sehr belastend. Sie sind dauernd mit Sterben konfrontiert. Dieses Begleiten in der letzten Lebensphase ist sehr beziehungsintensiv. Man kommt den Menschen meist sehr, sehr nahe. Die Mitarbeiter sind ständig mit Abschiednehmen beschäftigt, mit Trauer. Das nimmt her. Bei der Bewältigung dessen werden sie unterstützt. Sterben drei, vier Leute hintereinander - das kommt leider öfter vor -, dann gibt es häufig auch Tränen. Dann setzt man sich zusammen und redet über all das. Einmal im Monat gibt es eine Teambesprechung, davor eine halbe Stunde gemeinsames Gebet, in dem der Verstorbenen gedacht wird.

dieFurche: Hospiz also als Antwort auf die Befürwortung der Euthanasie?

Schwarzmann: Ich habe früher auf einer Bauchchirurgie gearbeitet und dort erlebt, wie für meine Begriffe sorglos große Chirurgie betrieben wird, ohne zu überlegen, wie die Lebensqualität nach der Operation ausschaut. Oft hatte ich das Gefühl, das sei völlig daneben. Wozu einem Achtzigjährigen den Bauchbereich ausräumen? Er hat nichts anderes davon als ein qualvolles Jahr, in dem er sich nicht erholen kann. Das vor einigen Monaten herausgekommene Manifest für Sterbehilfe weckt in mir das Gefühl, daß es zu einer Vermischung kommt: das, was eine High-Tech-Medizin ohne nachzudenken selbst produziert mit dem, was der normale Lauf der Dinge ist: Menschen werden alt, vielleicht auch krank. Die Zeit läuft ab. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß jemand, dessen Lebensuhr abläuft und den man begleitet, nach Sterbehilfe oder Hilfe zum Selbstmord verlangt. Ich habe das nie erlebt. Daß jemand mit Schmerzen mal sehr verzweifelt ist und äußert: "Ich mag nimmer", das schon. Nimmt man sich dann für die Person Zeit, redet und vermittelt, es ist ja jemand da, dann kommen diese Fragen nicht mehr. Bekommt man die Schmerzen in den Griff, schaut alles wieder anders aus. Man darf das jedenfalls nicht vermischen mit dem, was High-Tech-Medizin produziert.

dieFurche: Soll man also in manchen Situationen auf medizinisches Eingreifen verzichten?

Schwarzmann: Technisch ist heute so gut wie alles machbar. Aber es geht da jeweils um Menschen und nicht um ein Stück Fleisch und um Organe, an denen man herumbaut. Mir fehlt das Überlegen vor einem Eingriff: Was hat das für Konsequenzen? Unsere Gesellschaft hat vergessen, daß zum Leben eben auch der Tod gehört. Das Schöne an der Hospiz-Bewegung ist, daß sie sagt: Man lebt, bis der Tod eingetreten ist. Unsere Gesellschaft ist zu schnellebig, da zählt nur Jugend, Produktivität und Schönheit. Krankheit und Sterben werden tabuisiert. Und das schafft die Probleme. Es darf nicht passieren, daß Leute, die alt werden, unter Druck geraten, sie müßten sich vorzeitig selbst aus dem Weg schaffen. Das darf nicht sein! Mir gruselt, wenn ich höre, was in Holland passiert. Dort hält man sich vielfach nicht an die Vorschriften und jeder - Angehörige, Pfleger, Ärzte - scheint irgendwie zu entscheiden. Das kann es nicht sein!

dieFurche: Der Papst kommt zu Besuch ins Hospiz: Freuen sich die Bewohner?

Schwarzmann: Nur wenige wissen es. Die jetzt gerade da sind, werden den Besuch hoffentlich erleben. Viele Patienten sind nur kurze Zeit bei uns. Gestern habe ich mit einer Dame gesprochen, die sich schon sehr freut. Auch im übrigen Haus sind viele schon in Vorfreude. Wir müßten mehr Erste-Reihe-Plätze haben ...

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person Leiterin der Pflegedienstes im Hospiz der Caritas Socialis Barbara Schwarzmann ist in Wien geboren, aber in Oberösterreich aufgewachsen, an verschiedenen Orten: Im Mühlviertel, in Kremsmünster, Gmunden und Windischgarsten.

Seit vielen Jahren ist sie nun in Wien tätig. Bevor sie zur Caritas Socialis kam, bei der sie nun seit zehn Jahren tätig ist, war sie als Schwester in der Chriurgischen Klinik eines Wiener Spitals tätig. Schwarzmann ist Mutter von zwei Kindern und die erste Leiterin des Pflegedienstes, die nicht CS-Schwester ist.

Derzeit leitet sie den Pflegedienst des Caritas-Socialis-Zentrums in Wien-Landstraße, in dem rund 260 Mitarbeiter tätig sind. Sie ist dort verantwortlich für den gesamten stationären Bereich: Pflegeheim, Multiple-Sklerose-Zentrum und Hospiz - und für das Tageszentrum.

FURCHE-Navigator Vorschau