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In Trance vergeht der Schmerz

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am 22. März, dem schiitischen nouruz-Fest, vollziehen die "heulenden" Derwische des Kosovo ein Ritual, um Geist und Körper zu trennen.

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am 22. März, dem schiitischen nouruz-Fest, vollziehen die "heulenden" Derwische des Kosovo ein Ritual, um Geist und Körper zu trennen.

"Was ist ein menschlicher Körper nach der Geburt?", fragt Scheich Adrihusein Sheh mit tiefer Stimme. Das Oberhaupt eines Derwischordens im kosovarischen Prizren lässt gar keine Zeit, die Frage zu beantworten. "Zuerst entsteht der Mensch, aber ohne eine Seele, so wie ein Krug ohne Wasser darin." Nach den Lehren des Sufismus gilt es, diesen leeren Körper mit Weisheit und Liebe zu füllen. Der religiöse Führer des Rifai'i Ordens, einer im 12. Jahrhundert in Basra gegründeten Sufi-Bruderschaft, bereitet seine Gemeinde auf das Frühlings-und Neujahrsfest Nouruz vor. Es ist ein besonderer Tag für Schiiten, markiert der Tag doch den Geburtstag von Imam Ali, Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Für Sufis ist der Imam der Ausgangspunkt einer kontinuierlichen Übertragung des spirituellen Erbes des Propheten.

Der Sufismus ist ein mystischer Kult des Islam, der auch mit Kritik an einer allzu materialistischen Gesellschaft verbunden ist. "Es ist unsere Aufgabe, gegen das falsche Selbst in uns anzukämpfen und den Weg zur Vervollkommnung zu gehen", erklärt Adrihusein Sheh die Lehren seines Ordens. Es geht dem Scheich darum, dass der Mensch die in jedem Herzen verborgene göttliche Eigenschaft erkennen kann, um sich somit die ständige Präsenz Gottes klarzumachen. Dazu bedienen sich die Derwische aller Orden dem gemeinschaftlichen Gebetsritual, dem dhikr. Eine zwingende Vorgehensweise für den dhikr, was "Gedenken an Gott" bedeutet, gibt es nicht. Dem westlichen Kulturkreis am bekanntesten ist der Trancetanz des Mevlevi-Ordens in Konya und Istanbul, welcher durch den islamischen Philosophen und Mystiker Rumi im 13. Jahrhundert begründet wurde. Werden die Anhänger Rumis gerne als "tanzende" Derwische bezeichnet, gelten die Sufis des Rifai'i Ordens als "heulende" Derwische. Ihr dhikr ist lauter und ekstatischer und gerade zu Nouruz mit einem noch weitaus spezielleren Ritual verbunden.

"Mit reinem Herzen Gott erkennen"

In der Tekke, dem Gebetshaus der Sufis, reinigen die Gläubigen antike religiöse Werkzeuge, die aussehen wie lange, verzierte Metallnägel mit einem hölzernen Knauf am Ende. Am Höhepunkt des dhikr werden die Derwische in Trance damit ihre Wangen und andere Körperteile durchstechen, um "mit reinem Herzen die Möglichkeit zu erlangen, Gott zu erkennen". Immer wieder müssen die Sufis ihre mystische Auslegung des Islam gegen Kritik verteidigen. "Für viele Menschen ist unsere Zeremonie nur Humbug", beklagt der Scheich die negative Wahrnehmung des alljährlichen Rituals seiner Gemeinschaft. Anfeindungen kommen vor allem von Muslimen im eigenen Land. Die muslimischen Kosovaren sind größtenteils Sunniten und haben für die Religionsausübung der Derwische oft nur Ablehnung über. "Sufismus ist für uns eine ganz besondere Lebensweise und eine ständig andauernde Reise der Vervollkommnung", erläutert der Sufi-Meister. Der Scheich führt den Orden seit dem Tod seines Vaters und wird die Verantwortung nach seinem eigenen Ableben an seinen ältesten Sohn weitergeben. In der Tekke hängt eine uralte Schriftrolle, auf der die Genealogie der Abstammung des spirituellen Führers niedergeschrieben steht. Die Transmissionskette reicht bis zum Propheten selbst zurück.

Derwisch leitet sich vom Wort dari (Tor) ab und bezeichnet jemanden, der von Tür zu Tür geht. Die frühen Sufis sind vor allem durch ihren asketischen Lebenswandel und den Verzicht auf alles Materielle aufgefallen. Daher wurde für sie auch oft der Name faqir (arm vor Allah) verwendet.

Alljährlich, am 22. März, füllt sich die Tekke mit besonders vielen Gläubigen. Die Derwische sind in schwarze und weiße Gewänder gehüllt. Das Schwarz steht als Symbol für das Grab, das Weiß als Zeichen des Todes und die Fez-artige Kopfbedeckung soll einen Grabstein darstellen.

Der wichtigste dhikr des Ordens beginnt wie ein simples Gebet in einer Moschee. Scheich Adrihusein Sheh liest aus dem Koran, die Gläubigen verneigen sich und wiederholen dabei die Worte des Sufi-Meisters. Gemeinsam sprechen sie immer wieder den Namen Gottes aus und beschränken sich dabei keineswegs rein auf das Wort Allah, sondern bedienen sich aus den im Koran genannten neunundneunzig weiteren Anrufungen Gottes. Am Anfang sitzen die Derwische, beten langsam und leise. Doch bald ist zu erkennen, dass das Tempo zunimmt und sich die Sufis in einen tranceartigen Zustand versetzen. "Nur wer es schafft, den Geist vom Körper zu trennen, dem gelingt es auch das Göttliche in sich selbst zu erkennen", so der Scheich. Langsam näheren sich die Derwische dem Scheich, begleitet von rhythmischen Trommelgeräuschen, um den einzigartigen Glaubensbeweis anzutreten.

Einzigartiger Glaubensbeweis

Nach und nach führt er einen der antiken Metallnägel durch seinen Mund, befeuchtet das rituelle Werkzeug mit seiner Zunge und durchsticht die Wangen der Männer mit einem kurzen Ruck. Das Ritual wiederholt sich ein Dutzend Mal, bevor zwei ältere Derwische die Mitte der Tekke betreten. Sie nehmen die spirituelle Handlung an sich selbst vor. Tanzend wandeln sie durch den Raum, von einer Ecke zur anderen, unter ständiger rhythmischer Begleitung durch Trommeln und den Gebetsgesang der anderen. Immer wieder lassen sie die spitzen Metallnägel auf ihren Hälsen balancieren, während Musik und Gebetsrufe noch manischer werden. Plötzlich machen die beiden hastige Bewegungen, nehmen die Stangen in die Hand und stechen sich damit seitlich in den Bauch. Die ekstatischen Geräusche nehmen ab, doch niemand schreckt auf. Die Derwische sind erfahren und wissen, wie weit sie gehen können. Einer der beiden lässt sich auf die Knie fallen. Der Ausdruck in seinen Augen lässt die Ekstase erahnen, in der er sich befindet. Der Mann nimmt den Metallnagel und legt ihn an sein Gesicht, kurz darauf durchsticht er beide seiner Wangen in einem Ruck.

"Mit diesem Ritual zeigen wir, dass unser Glaube aufrichtig ist und Allah uns erkennt und beschützt, wenn wir ihn erkennen", erklärt der Scheich die Bedeutung des dhikr. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich um keine Selbstverstümmelung handelt, sondern um einen Weg der Erleuchtung. Tatsächlich scheinen die Wunden nicht zu bluten und Narben sucht man in den Gesichtern der Älteren vergeblich. Auch scheint keiner der Gläubigen von Schmerzen geplagt. Dann drängt sich einer der Derwische durch die Menge, zückt ein Taschentuch und reicht es einem Jungen. Etwas Blut ist am Ende doch geflossen.

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