Indien, China und die Zukunft

Zwei neue Bücher für westliche Leser, die lernen wollen, indische und chinesische Mentalitäten zu verstehen.

Die größte Demokratie der Welt steht vor einer Zerreißprobe. Wenn es den radikalen Hindus gelingt, ihr Normensystem allen Indern aufzuzwingen, also auch den seit vielen Jahrhunderten in Indien lebenden Muslims und Christen, wird das viel gepriesene Land der Toleranz in Chaos und Gewalt versinken. Machen sich seine inneren Spannungen derzeit nach außen Luft?

Seit 1964 reist Gerhard Schweizer durch Asien. Er schrieb über Indien, den Iran, Syrien, den Dauerkonflikt zwischen Islam und Abendland. In seinem neuesten Buch "Indien & China: Asiatische Wege ins globale Zeitalter" arbeitet er Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde heraus. Trotzdem trägt es auch zum Verständnis der Krise zwischen Indien und Pakistan bei. Die Methode des in Wien lebenden Schweizers verdient Beachtung. Er studierte in Tübingen empirische Kulturwissenschaft, hat also ein Fundament. Er reist allein, wo nötig mit einem Dolmetscher. Ungeprüfte Internet-Informationen sind nicht seine Sache.

Sein Augenmerk gilt drei Themen. Erstens untersucht er die Religionen Indiens und Chinas: "Nichts kann westliche Beobachter derart verblüffen wie die Tatsache, dass weder im indischen noch im chinesischen Sprachschatz ein Wort für ,Religion' in unserem Sinn vorhanden ist, ebensowenig für ,sakral' (,heilig') und ,profan' (,weltlich'). Statt dessen gebrauchen die Inder den Begriff ,Dharma' und die Chinesen ,Dao' (die frühere, weniger korrekte Schreibweise ist ,Tao'). Es sind Begriffe, die das Sakrale und Profane gleichermaßen umfassen. Inder wie Chinesen scheinen demnach nicht wie wir strikt zwischen religiöser Sphäre einerseits, sozialer und politischer Sphäre andererseits trennen zu können. Überraschen muss auch, dass ,Dharma' und ,Dao' nahezu dieselbe Wortbedeutung haben: ,Weg', ,Bahn', ,richtige Lebensweise'. Solche Entdeckungen vermitteln eine erste Ahnung von den tiefer liegenden Gemeinsamkeiten im ,östlichen' Denken der Inder und Chinesen."

In Indien beherrscht das Kastendenken des Hinduismus das Leben - und zwar nicht nur der Hindus, sondern auch der Zwölf-Prozent-Minderheit der Moslems und der zwei Prozent Christen: "Bei den Hindus gibt es oft mehr Toleranz gegenüber anderen Religionen als gegenüber Hindus aus anderen Kasten ... Fast kein Hindu möchte das Kastensystem beseitigt sehen." Chinesisches Denken wurde 2.500 Jahre, bis zur Machtübernahme der Kommunisten, von den Lehren des Konfuzius beherrscht. Statt des Kastensystems herrschte die Sippe, in der Gehorsam als höchste Tugend galt. Die Kommunisten ersetzten das System der Sippe durch das der "Danwei", was Grundeinheit bedeutet. Statt des Sippenrats weist im kommunistischen China der Danwei-Rat die Arbeit zu und verteilt die Löhne. In beiden Kulturen wird der westliche Individualismus abgelehnt Er gilt als Synonym für Ich-Bezogenheit, Egoismus und Chaos.

Ein zweites Thema: Das Staatsverständnis. Indien ist ein Land mit 15 Hauptsprachen und 720 amtlich registrierten Dialekten. Außerdem hat es elf Schriftsysteme (in Europa sind es drei, die lateinische, griechische und die kyrillische Schrift). Und China?

Zwar gilt überall dieselbe Schrift, doch wie in Indien gibt es keine Einheitssprache. Wir sagen fünf, die Engländer five, die Spanier cinco, Chinas Sprachen sind nicht weniger verschieden. Anders als in Indien, das über Jahrhunderte aus Einzelreichen bestand, hat sich in China jedoch die Idee eines politisch geeinten Reiches mit einem Kaiser als zentraler Macht durchsetzen können, danach der Kommunismus.

Schweizer wagt einen Ausblick auf die Zukunft Indiens und Chinas. Auch dabei rückt er so manche schiefe Vorstellung zurecht. Für China deckt er ein wichtiges Problem auf. Westliche Chinareisende schwärmen von gewaltigen Entwicklungssprüngen, etwa in der Hotellerie. Sie kommen aber kaum je nach Zentralchina, wo 150 Millionen Bauern ebenso arm sind wie in Indien. Und diese Bauern strömen, wie vor 50 Jahren in Indien, in die großen Städte, nach Shanghai, Bejing, Kanton. Das bedeutet Slums und Massenelend. Indien und China haben mehr gemeinsam, als im Westen wahrgenommen wird.

Meister Kong

Der berühmteste Chinese der Welt? Nein, nicht der Große Vorsitzende Mao kann darauf Anspruch erheben. Es ist Meister Kong, dessen Namen die Jesuitenmissionare im 17. Jahrhundert latinisierten: Konfuzius, der Inbegriff und die Verkörperung fernöstlicher Weisheit. An konfuzianischen Traditionen orientieren sich bis heute die Chinesen in Taiwan, die chinesischen Minderheiten in Singapur, Indonesien, Thailand und auf den Philippinen, viele Bewohner der Chinatowns von New York bis San Francisco, aber auch Koreaner, Japaner, Vietnamesen, Mongolen. Die große Ausnahme bildet nur die Heimat des Meisters Kong, die Volksrepublik China, in der eine neue, westliche Ideologie die 2.500 Jahre alte konfuzianische Tradition ersetzen will, oder vielleicht sollte man heute schon sagen: wollte.

"Konfuzius für Gestresste" heißt ein soeben im Insel Verlag erschienenes Taschenbuch. Konfuzius, geboren 551 v. Chr., kam aus kleinen Verhältnissen: "Ich hatte eine harte Jugend durchzumachen." Er lebte in einer Zeit des Umbruchs, in der nicht mehr allein die Herkunft für die beruflichen Aussichten eines Menschen den Ausschlag gab, erklärt die Herausgeberin des Buches, Ursula Gräfe, in ihrem Vorwort. Konfuzius glaubte an die Macht der Bildung, doch nicht lebenslanges Lernen bloß um des beruflichen Fortkommens willen war sein Ziel. Das konfuzianische Ideal hat die Heranbildung des "Edlen" im Auge: "Der Edle hat für nichts auf der Welt eine unbedingte Voreingenommenheit oder eine unbedingte Abneigung. Das Rechte allein ist es, auf dessen Seite er steht."

Uns Gestressten, unter vielfältigem, auch selbst erzeugtem Druck Stehenden, können die Gedanken des Konfuzius den Blick öffnen für das Wesentliche. Konfuzius war kein religiöser Denker: "Wenn man noch nicht einmal das Leben versteht, was kann man dann schon vom Tod wissen?" Mit diesen Worten warnte er seine Schüler vor der Beschäftigung mit metaphysischer Spekulation.

Meister Kong war, wie die Überlieferung berichtet, in seinen 72 Lebensjahren kein großer äußerer Erfolg beschieden, was damals hieß, eine einflussreiche Stellung bei Hof zu bekleiden. Um so größer ist die Wirkung seiner Lehren geblieben. Die verwendete Übersetzung stammt von dem Sinologen Richard Wilhelm (1873-1930), dem Gründer und Professor des China-Instituts in Frankfurt am Main. 22 Jahre lang wirkte dieser Gelehrte als Missionar in China. Nachfolgende Fachleute haben bestätigt, dass er sich hervorragend in das konfuzianische Denken eingelebt hatte und sich auch nicht scheute, die Beratung von chinesischen Konfuzius-Kennern anzunehmen.

Die Auswahl des kleinen Bandes ist den überlieferten Gesprächen des Philosophen mit seinen Schülern entnommen. Die Themen umfassen Menschenkenntnis, Kultivierung der Persönlichkeit, Freundschaft, Politik und Regierung, Lernen und Denken, die Bedeutung der Formen im Umgang mit einander und das Verhältnis von Eltern und Kindern. Gerade die konfuzianischen Lehren bezüglich der Kindespflicht mögen heute so manchen befremden.

Da ist nämlich eindringlich die Rede von bedingungsloser Ehrfurcht vor den Eltern: "Heutzutage kindesliebend zu sein, das heißt, die Eltern ernähren können. Aber Ernährung können alle Wesen bis auf Hunde und Pferde herunter haben. Ohne Ehrerbietung: Was ist da für ein Unterschied?" In einer Zeit, in der die Alten, oft auch die eigenen alten Eltern, von den Jungen belächelt, vernachlässigt, finanziell ausgenommen werden, zeigen die Forderungen nach Kindesliebe, wie fern Konfuzius ist. Oder ist er näher, als es uns lieb ist? Ein Aufrüttler des Gewissens? Eine Stimme der Einsicht, die den Gestressten Not tut?

Den vom Ehrgeiz Zerfressenen sagt er: "Nicht das soll einen bekümmern, dass man kein Amt hat, sondern das muss einen bekümmern, dass man dafür tauglich werde. Nicht das soll einen bekümmern, dass man nicht bekannt ist, sondern danach muss man trachten, dass man würdig werde, bekannt zu werden." Über Bildung: "Wer täglich weiss, was ihm noch fehlt, und monatlich nicht vergisst, was er kann, der kann ein das Lernen Liebender genannt werden." Den Politikern aber schrieb er ins Stammbuch: "Ist ein Land auf rechter Bahn, so habe man sein Einkommen. Ist ein Land nicht auf rechter Bahn und man genießt dennoch ein amtliches Einkommen: das ist Schande."

Indien & China: Asiatische Wege ins globale Zeitalter

Von Gerhard Schweizer

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001

284 Seiten, geb., e 20,13/öS 277,-

Konfuzius für Gestresste

Ausgewählt von Ursula Gräfe

Insel Verlag, Frankfurt/M. 200l

120 Seiten, Tb., e 6,83/öS 94,-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau