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Inmitten religiöser Vielfalt

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In Asien sind die Katholiken eine kleine Minderheit. Die eigene kulturelle Umgebung prägt und fordert heraus - und provoziert Konflikte.

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In Asien sind die Katholiken eine kleine Minderheit. Die eigene kulturelle Umgebung prägt und fordert heraus - und provoziert Konflikte.

Erstmals wurde vergangenes Jahr die beeindrukkende Zahl von einer Milliarde Katholiken weltweit geschätzt. Damit sind 17,3 Prozent der Weltbevölkerung katholisch. In Asien, dem bevölkerungsreichsten Erdteil, ist dieser Anteil aber nur drei Prozent.

1998 Jahr fand in Rom die vielbeachtete Asienbischofssynode statt. Papst Johannes Paul II. bezeichnete sie in seiner Schlußrede als "historisches Ereignis". Die Synode bot die Möglichkeit eines außergewöhnlichen Gemeinschaftserlebnisses. Darüber hinaus bot sie Raum zum Kennenlernen und eine Plattform die wichtigen pastoralen Zukunftsfragen gemeinsam zu erörtern. Mit Spannung wird das Schlußdokument erwartet, das Papst Johannes Paul II. bei einer seiner nächsten Asienreisen präsentieren wird.

Die Aufbruchsstimmung, die in Rom herrschte, kann über bestehende Schwierigkeiten nicht hinwegtäuschen. Denn gerade in Asien polarisieren Theologen mit ihren Versuchen das Christentum in ihren Ländern zu beheimaten. Das Zauberwort lautet: "Inkulturation". Dieser Begriff, der jahrzehntelang vor allem Experten in Lateinamerika und Afrika beschäftigte, hat einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren. Längst geht es nicht mehr darum, die Liturgie mit ein wenig mehr Lokalkolorit zu versetzten, sondern darum, die wesentlichsten Aspekte einer Gesellschaft, einer Kultur, mit dem Christentum in Einklang zu bringen.

Als verschwindende Minderheit in der religiösen Vielfalt Asiens sind die Christen einem starken Legitimationsdruck ausgesetzt. Und die Religionen - Buddhismus, Hinduismus, Shintoismus und viele andere -, die sie umgeben, sind im Leben der Menschen verankert, haben auch im Alltag ihren selbstverständlichen Raum.

Der srilankische Jesuit Aloysius Pieris lebt in einem Vorort der Hauptstadt Colombo. Er ist Gründer des christlich-buddhistischen Begegnungszentrums "Tulana" in Sri Lanka. Als erster Christ und katholischer Priester promovierte er 1972 in buddhistischer Philosophie an der Universität im ehemaligen Ceylon. Er ortet den Grund für viele Mißverständnisse zwischen Christen und Buddhisten im mangelnden gegenseitigen Verständnis auf inhaltlicher Ebene. Und fordert eine Begegnung auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Das setzt aber eine Investition in das Studium der jeweils anderen Religion voraus. Aber würde einerseits den Dialog der Religionen erleichtern, andererseits eine adäquate Form von Inkulturation ermöglichen.

Auf der Asiensynode wurde von den Teilnehmern unter anderem gefordert, einen stärkeren Gebrauch von neuen, für europäische Christen ungewöhnlichen Namen für Jesus zu ermöglichen: "Lehrer der Weisheit", "Erleuchteter", "mitleidsvoller Freund der Armen" sind einige davon. Sie greifen Traditionen der jeweiligen Länder auf, die von den dort vorherrschenden Religionen geprägt sind, wollen in solchen Worten über den biblischen Jesus von Nazareth sprechen.

In letzter Zeit sind drei asiatische Theologen von Rom gemaßregelt worden. Laut katholischer Presseagentur wegen "einer zu starken Annäherung an den religiösen Relativismus der asiatischen Kulturen", ein Vorwurf der darauf hinausläuft, den Theologen zu unterstellen, sie würden die christlichen Lehren nicht als endgültig annehmen.

Der srilankische Oblatenpater Tissa Balasuriya hatte der Theologie ein "asiatisches Gesicht" geben wollen und dies in seinem Buch "Mary and human liberation" auf unorthodoxe Weise zum Ausdruck gebracht. Seine Exkommunikation erfolgte im Jänner 1997. Knapp ein Jahr später kam es zur Aussöhnung mit dem streitbaren Pater, der sich immer der katholischen Kirche zugehörig gefühlt hatte und auch bereit war, das mit der Ablegung des Glaubensbekenntnisses Pauls VI. zu bekräftigen. Allerdings verwies er auch mit Nachdruck darauf, daß in der Theologie eine wissenschaftliche Weiterentwicklung möglich sein müßte. Ihm war aus der ganzen Welt eine Welle der Solidarität entgegengebracht worden, und seine Exkommunikation wurde aufgehoben.

Im Sommer 1998 verurteilte die Glaubenskongregation die Schriften des indischen Jesuiten Anthony de Mello. In seiner, auch in Österreich beliebten Weisheitsliteratur, fänden sich zu viele Ungereimtheiten über die Person Jesu. Seine Rolle in der Heilsgeschichte als Sohn Gottes, als Messias, werde von Anthony de Mello, der 1987 gestorben ist, nicht anerkannt. Die Glaubenskongregation war weiters zur Überzeugung gekommen, daß in de Mellos Büchern ein persönlicher Gott "ignoriert und praktisch geleugnet" worden sei. Die Jesuiten Indiens protestierten gegen diese Vorwürfe.

Und im November 1998 war der belgische Jesuitenpater Jacques Dupuis, der über 25 Jahre in Indien gelebt hatte und seit vielen Jahren an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrte, aufgefordert worden, über einige seiner theologischen Aussagen eine Klarstellung abzugeben. Er beendete seine Lehrtätigkeit. Mit seinen Versuchen "Wege zu einer christlichen Theologie des religiösen Pluralismus" zu finden, war er der Glaubenskongregation offensichtlich zu weit gegangen. Ebenso wie Tissa Balasuriya hat er bei den Themen der "Einzigartigkeit der Erlöserrolle Jesu Christi" und der "Heilsnotwendigkeit der Zugehörigkeit zu der Kirche" Schwierigkeiten bekommen.

Wieso sehen manche katholische Theologen Asiens gerade darin eine Schwierigkeit? Warum erschwert das buddhistische oder hinduistische Umfeld, das fraglos völlig divergierende Vorstellungen in gerade diesem Bereich vertritt, die Rezeption römischer Definitionen? (Es geht hier nicht um eine Infragestellung der Dogmen! Das bestreiten diese Theologen vehement!)

Eine Geschichte aus dem Alltag Vietnams kann das Problem verdeutlichen: An Priester wurde von neugetauften Christen, Konvertiten, die besorgte Frage gestellt: was denn mit ihren Ahnen geschehen werde, die noch nicht das Glück hatten Christen zu sein. Sind sie, weil nicht getauft und deshalb Heiden, der ewigen Verdammnis überantwortet? Wahrscheinlich kein Problem für aufgeschlossene Christen, die an den gütigen, den barmherzigen Gott glauben, dessen Gnade das menschliche Fassungsvermögen übersteigt. Liest man aber die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils (vor allem die Kirchenkonstitution Lumen Gentium und die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen) auf Punkt und Komma, steht dort, daß, wer die Gelegenheit gehabt hätte, die Einzigartigkeit der Heilsbedeutung Jesu zu erkennen (war ein Missionar in der Gegend?) und sich nicht dafür entscheiden konnte, eine Entscheidung getroffen habe, die vom ewigen Heil trennt. Mag manches der Probleme für im westlichen Kulturkreis Lebende skurril, eigenartig, überraschend anmuten - die Menschen Asiens haben derartige Fragen an das Christentum. An die europäisch geprägte Theologie. Fragen, die die Weltkirche aber wohl nicht in ihren Grundfesten erschüttern, die aber in unterschiedlichen kulturellen Situationen unterschiedliche Antworten notwendig machen.

Die Bedeutung etwa von Familie, von Ahnen, ist im gesamten asiatischen Raum unvergleichlich höher als in Mitteleuropa. Nicht zuletzt deshalb ist auch für Tissa Balasuriya das Problem der ungetauften Kinder wichtig genug, um weiter über die Heilslehre der katholischen Kirche nachzudenken.

Im Westen erfährt die Kirche die östlichen Religionen als eine Bedrohung. Die vielen Menschen, die von einer Esoterikwelle mitgenommen, sich für Aspekte der Weisheitsliteratur und der alten Religionen begeistern, sind für die Kirche ein Verlust. Aloysius Pieris sieht als Grund für diese Hinwendung "den Verlust des Absoluten aus dem Horizont menschlichen Handelns, den Verlust des Gespürs für das Geheimnisvolle im menschlichen Leben, die Entweihung des Heiligtums menschlicher Liebe, das bevorstehende Schwinden der Kunst mit der Natur im Einklang zu sein" im Westen.

Diese Attraktion, die östliche Weisheit auf westliche Menschen ausübt, hat aber oft nur wenig mit dem in der jeweiligen Religion gelebten Alltag zu tun. Im umgekehrten Sinn gilt das auch für die Katholiken in den Ländern in denen sie zur absoluten Minderheit gehören. Sie gehen unter erschwerten Bedingungen ihren Weg.

Und in einem Interview bat Aloysius Pieris einmal um "etwas Zeit für Asien", um einen katholischen und asiatischen Weg für die Kirche und ihre Menschen finden zu können.

Die Autorin ist Religionsjournalistin im ORF-Fernsehen.

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