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Internet & Krise spalten die Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die klassische bürgerliche Mitte schlittert als Folge der Krise in eine Spaltung - Charakteristika der Unterschicht: Hohe Toleranz für Gewalt, zunehmende Resignation. Andere Jugendliche werden zunehmend pragmatischer.

Werte und Einstellungen ändern sich - und mit ihnen die Gesellschaft. "Diese Veränderungen passieren seit 1945 kontinuierlich, daher müssen Forschungsmodelle wie die Sinus-Milieus, die die Gesellschaft hinsichtlich grundlegender Werte segmentieren, überprüft und angepasst werden“, sagt Sozialforscher Marin Mayr. In Österreich war dies 2011 soweit, da das Modell aus 2001 nicht mehr trennscharf genug war. Was zeigte sich?

Ab dem Jahr 2000 habe eine Entwicklung hin zum "Regrounding“ eingesetzt, zum "pragmatischen Realismus“, erläutert Mayr, stellvertretender Geschäftsführer des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes INTEGRAL: Familie, Heimat und Gesundheit aber auch Ordnung und Disziplin spielten wieder eine wichtigere Rolle im Leben, ergeben die Studien zu den Sinus-Milieus. Auch in Österreich prägen die Krisenerfahrungen und das neue Medium Internet die Milieus in einer neuen Form. Und beide Entwicklungen scheinen die Gesellschaft stärker zu spreizen, die Milieus strikter und weiter voneinander abzugrenzen.

Lässt sich Lebensstandard halten?

Diese Veränderungen seien eine Folge der ab 2000 einsetzenden Entwicklungen und Ereignisse. Dazu zählten die Internet-Blase, die Anschläge des 11. September 2001, die Immobilien- und die Bankenkrise, dann die Finanz- und die Wirtschaftskrise. Die Menschen fragen sich: Wo kommt das her? Wer ist schuld daran? Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg stehe, so Mayr, eine Generation vor der Frage, ob sie den Lebensstandard der Eltern halten können wird.

Die klassischen, traditionellen Werte bekämen "ein neues Gewicht“. Junge Leute würden Werte wie Disziplin und Pflichterfüllung neu interpretieren: Sie sagten, es gebe einen Bereich in ihrem Leben, für den diese notwendig seien, etwa Ausbildung und Beruf. Zugleich seien sie aber extrem mobil, in ihrer Freizeit sogar "hedonistisch“, wie Mayr erläutert. Das sei neu, denn früher hätte sich das Traditionelle, wenn schon dann auf sämtliche Lebensbereiche erstreckt. Das sei vorüber, zumindest für die jungen "adaptiv Pragmatischen“, die quantitativ einem Zehntel der Bevölkerung entsprächen. Hier habe sich in der Mitte der Gesellschaft "etwas getan“, die Jungen seien "ernsthafter geworden“. Das scheint aber nur für den oberen Teil von ihnen zu gelten, denn am unteren zeigte sich eine andere Entwicklung.

Die Milieus der mittleren Unterschicht und der Unterschicht seien "im Vergleich zu früher deutlich resignativer“ geworden - als eine Folge der gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem jhahr 2000.

Diese konsumorientierte Basis habe zwar noch den Anspruch, sich gewisse Dinge leisten zu wollen: "Materialismus spielt in diesem Milieu eine Rolle, aber die Menschen sehen, dass es für sie immer unrealistischer wird, die angestrebten Dinge zu erreichen.“ Selbst wenn es gelingen sollte, sich Statussymbole wie Auto oder Fernsehapparate zu leisten, entstehe in diesen Milieus das Gefühl, die Entwicklung der Gesellschaft gehe an ihnen vorbei. Die Einstellung, "die Gesellschaft bringt mir nichts, Weiterbildung bringt mir nichts“, die ist "in diesen Milieus schon relativ stark vertreten“. Es scheint das Momentum der Resignation zu sein, welches den unteren Teil der bisherigen "bürgerlichen Mitte“ prägt, diese Mitte "zerreißt es momentan ein bisschen“, erklärt Mayr im FURCHE-Gespräch. Diese Gruppe von Personen der "konsumorientierten Basis“ hätte zwar teilweise eine "akzeptable Ausbildung“, habe es aber "offensichtlich nicht mehr geschafft“, unter geänderten Umständen im Wirtschafts- und im Berufsleben mitzukommen. Dort fände sich der größte Anteil an Arbeitslosen und an Frühpensionisten, aber auch an Personen, die aufgrund ihres Lebensverlaufes - etwa Scheidungen - nicht mehr in der Lage seien, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenfalls im Zeitvergleich resignativer innerhalb dieser "modernen Unterschicht“ seien die Hedonisten: Diese würden sich von der bürgerlichen Wertewelt "abgrenzen“, Disziplin "völlig ablehnen“, hingegen leichtfertig Kredite aufnehmen. So entstehe eine Spirale aus Frustrationen und Aggressionen. In diesem Milieu fänden sich die höchsten Werte bei Gewalttoleranz und Aggression. Die Einstellung, Probleme mit Gewalt zu lösen, sei dort überdurchschnittlich repräsentiert. "Auch die Frage, wer denn an den Umständen schuld sei, wird dort rasch erledigt“, berichtet Mayr aus der Feldforschung.

Anfällig für gewisse Botschaften

Die Entwicklung im Milieu der Hedonisten - ein Zehntel der Bevölkerung - sei "kritisch“: Die Personen würden zunehmend resignativer, obwohl sie überwiegend zwischen 20 bis 40 Jahre alt seien. Sie würden ihre gute Arbeitskraft weniger nutzen, hielten wenig von Weiterbildung und sagten in Interviews: "Bevor ich mich im Job schikanieren lasse, gehe ich in die Arbeitslose.“ Es seien nicht wenige, die diese Einstellung hätten. Gerade die Personen dieses Milieus seien "natürlich sehr anfällig für gewisse politische Botschaften“.

Zu den Veränderungen in den Sinus-Milieus gehört, dass das typisch ländlich-österreichische Milieu weggefallen ist: Es gibt es noch in Einzelfällen in der Realität, doch in der Soziodemografie ist es quantitativ nicht mehr erfassbar. Auch eine Folge des Wandels.

Die klassische bürgerliche Mitte schlittert als Folge der Krise in eine Spaltung - Charakteristika der Unterschicht: Hohe Toleranz für Gewalt, zunehmende Resignation. Andere Jugendliche werden zunehmend pragmatischer.

Werte und Einstellungen ändern sich - und mit ihnen die Gesellschaft. "Diese Veränderungen passieren seit 1945 kontinuierlich, daher müssen Forschungsmodelle wie die Sinus-Milieus, die die Gesellschaft hinsichtlich grundlegender Werte segmentieren, überprüft und angepasst werden“, sagt Sozialforscher Marin Mayr. In Österreich war dies 2011 soweit, da das Modell aus 2001 nicht mehr trennscharf genug war. Was zeigte sich?

Ab dem Jahr 2000 habe eine Entwicklung hin zum "Regrounding“ eingesetzt, zum "pragmatischen Realismus“, erläutert Mayr, stellvertretender Geschäftsführer des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes INTEGRAL: Familie, Heimat und Gesundheit aber auch Ordnung und Disziplin spielten wieder eine wichtigere Rolle im Leben, ergeben die Studien zu den Sinus-Milieus. Auch in Österreich prägen die Krisenerfahrungen und das neue Medium Internet die Milieus in einer neuen Form. Und beide Entwicklungen scheinen die Gesellschaft stärker zu spreizen, die Milieus strikter und weiter voneinander abzugrenzen.

Lässt sich Lebensstandard halten?

Diese Veränderungen seien eine Folge der ab 2000 einsetzenden Entwicklungen und Ereignisse. Dazu zählten die Internet-Blase, die Anschläge des 11. September 2001, die Immobilien- und die Bankenkrise, dann die Finanz- und die Wirtschaftskrise. Die Menschen fragen sich: Wo kommt das her? Wer ist schuld daran? Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg stehe, so Mayr, eine Generation vor der Frage, ob sie den Lebensstandard der Eltern halten können wird.

Die klassischen, traditionellen Werte bekämen "ein neues Gewicht“. Junge Leute würden Werte wie Disziplin und Pflichterfüllung neu interpretieren: Sie sagten, es gebe einen Bereich in ihrem Leben, für den diese notwendig seien, etwa Ausbildung und Beruf. Zugleich seien sie aber extrem mobil, in ihrer Freizeit sogar "hedonistisch“, wie Mayr erläutert. Das sei neu, denn früher hätte sich das Traditionelle, wenn schon dann auf sämtliche Lebensbereiche erstreckt. Das sei vorüber, zumindest für die jungen "adaptiv Pragmatischen“, die quantitativ einem Zehntel der Bevölkerung entsprächen. Hier habe sich in der Mitte der Gesellschaft "etwas getan“, die Jungen seien "ernsthafter geworden“. Das scheint aber nur für den oberen Teil von ihnen zu gelten, denn am unteren zeigte sich eine andere Entwicklung.

Die Milieus der mittleren Unterschicht und der Unterschicht seien "im Vergleich zu früher deutlich resignativer“ geworden - als eine Folge der gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem jhahr 2000.

Diese konsumorientierte Basis habe zwar noch den Anspruch, sich gewisse Dinge leisten zu wollen: "Materialismus spielt in diesem Milieu eine Rolle, aber die Menschen sehen, dass es für sie immer unrealistischer wird, die angestrebten Dinge zu erreichen.“ Selbst wenn es gelingen sollte, sich Statussymbole wie Auto oder Fernsehapparate zu leisten, entstehe in diesen Milieus das Gefühl, die Entwicklung der Gesellschaft gehe an ihnen vorbei. Die Einstellung, "die Gesellschaft bringt mir nichts, Weiterbildung bringt mir nichts“, die ist "in diesen Milieus schon relativ stark vertreten“. Es scheint das Momentum der Resignation zu sein, welches den unteren Teil der bisherigen "bürgerlichen Mitte“ prägt, diese Mitte "zerreißt es momentan ein bisschen“, erklärt Mayr im FURCHE-Gespräch. Diese Gruppe von Personen der "konsumorientierten Basis“ hätte zwar teilweise eine "akzeptable Ausbildung“, habe es aber "offensichtlich nicht mehr geschafft“, unter geänderten Umständen im Wirtschafts- und im Berufsleben mitzukommen. Dort fände sich der größte Anteil an Arbeitslosen und an Frühpensionisten, aber auch an Personen, die aufgrund ihres Lebensverlaufes - etwa Scheidungen - nicht mehr in der Lage seien, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenfalls im Zeitvergleich resignativer innerhalb dieser "modernen Unterschicht“ seien die Hedonisten: Diese würden sich von der bürgerlichen Wertewelt "abgrenzen“, Disziplin "völlig ablehnen“, hingegen leichtfertig Kredite aufnehmen. So entstehe eine Spirale aus Frustrationen und Aggressionen. In diesem Milieu fänden sich die höchsten Werte bei Gewalttoleranz und Aggression. Die Einstellung, Probleme mit Gewalt zu lösen, sei dort überdurchschnittlich repräsentiert. "Auch die Frage, wer denn an den Umständen schuld sei, wird dort rasch erledigt“, berichtet Mayr aus der Feldforschung.

Anfällig für gewisse Botschaften

Die Entwicklung im Milieu der Hedonisten - ein Zehntel der Bevölkerung - sei "kritisch“: Die Personen würden zunehmend resignativer, obwohl sie überwiegend zwischen 20 bis 40 Jahre alt seien. Sie würden ihre gute Arbeitskraft weniger nutzen, hielten wenig von Weiterbildung und sagten in Interviews: "Bevor ich mich im Job schikanieren lasse, gehe ich in die Arbeitslose.“ Es seien nicht wenige, die diese Einstellung hätten. Gerade die Personen dieses Milieus seien "natürlich sehr anfällig für gewisse politische Botschaften“.

Zu den Veränderungen in den Sinus-Milieus gehört, dass das typisch ländlich-österreichische Milieu weggefallen ist: Es gibt es noch in Einzelfällen in der Realität, doch in der Soziodemografie ist es quantitativ nicht mehr erfassbar. Auch eine Folge des Wandels.