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Internist, Erbe, Intendant

Über Peter Fabjan (und damit naturgemäß auch über sich) hat der Bruder Thomas Bernhard in einem Brief festgehalten: Er sei "ein grossartiger Arzt und Internist", dem "ich das genau so wenig jemals gesagt habe wie er mir, dass ich ein ebenso grosser Schriftsteller bin". Liest man diese Äußerung im Wissen um die Invektiven Bernhards gegen die Medizin im Allgemeinen und die Ärzte im Besonderen, ist der Schluss klar: Die Beziehung zwischen beiden war, jenseits der Brudergefühle, von gegenseitiger, wenn auch indirekter Hoch- und Höchstschätzung geprägt. Voraussetzung hierfür waren die geschiedenen Betätigungsfelder.

Am 15. April 1938 im bayrischen Traunstein geboren, erlebt Peter Fabjan mit, wie sich Thomas Bernhard von Emil Fabjan, dem Ehemann der Mutter, distanziert und sich durch den Bruder zurückgesetzt fühlt (er habe, schrieb er in seiner Autobiographie, "einen Bruder, der von allen geliebt werde"). Nach der Übersiedlung der Familie in die Salzburger Radetzkystraße 1946 trifft Peter Fabjan die Entscheidung über seine Lebensrichtung: gegen die Schriftstellerexistenz, für Abitur, Studium der Medizin in Wien, Ausbildung zum Internisten in Wels. Schließlich übernimmt er 1975 in Gmunden, wenige Kilometer entfernt vom Bernhardschen Vierkanthof, eine internistische Praxis, die er bis zum Jahr 2001 führt und zu deren Patienten der inzwischen berühmte Schriftsteller zählt. Der ärgert sich dann, wenn in Gmunden der Arzt erkannt und gegrüßt, der Schriftsteller ignoriert wird.

Mit dem Testament, das ihn zum Universalerben und Testamentsvollstrecker bestimmt, verordnet Thomas Bernhard nach seinem Tod im Februar 1989 dem Bruder eine riskante Rolle: Unter genauester Beobachtung der Öffentlichkeit seinen letzten Willen umzusetzen, also jegliche Aufführung, Lesung oder Publikation des eigenen Werkes in Österreich zu unterbinden und "jede Annäherung dieses österreichischen Staates meine Person und meine Arbeit betreffend" zu unterbinden.

Peter Fabjan hat demnach zwei sich gegenseitig ausschließende Aufgaben zu erfüllen: das Werk Bernhards lebendig zu halten, zugleich die im Testament niedergelegten Restriktionen zu beachten. Ein solches Double-Bind macht bekanntlich handlungsunfähig: Um ihm zu entkommen, befolgt er seit 1998 einen testamentarischen Wunsch Bernhards nicht mehr: Das Aufführungsverbot für Österreich wird aufgehoben. Zugleich ruft er im selben Jahr die international ausgerichtete Thomas-Bernhard-Privatstiftung ins Leben. Sie arbeitet an der "weltweiten Ausstrahlung" Thomas Bernhards und unterhält etwa in Gmunden das Thomas-Bernhard-Archiv, in dem der Nachlass des Autors aufgearbeitet wird. Finanziell Unterstützung erhält sie vom österreichischem Staat, dem Land Oberösterreich sowie den Städten Wien und Gmunden. Die Thomas Bernhard Privatstiftung verhindert somit "jede Annäherung meine Person und meine Arbeit betreffend durch den österreichischen Staat".

In einem hat Peter Fabjan seinen Bruder übertroffen: Der liebäugelte erfolglos mit einer Intendanz (am Burgtheater). Peter Fabjan hingegen ist Intendant der Sommerfestspiele in der von ihm zum Theater ausgebauten Scheune des Ohlsdorfer Vierkanthofs.

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