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"Irak geht in Richtung Spaltung"

Die irakischen Kurden hätten bereits alle Elemente eines eigenen Staates, die Schiiten wollten das auch: louis sako, chaldäisch-katholischer Erzbischof von Kirkuk im Nordirak, ist pessimistisch in Bezug auf die Zukunft des Irak als ein gemeinsamer Staat. Ein Gespräch über die schwierige Lage der Christen und über ein Land in einer mehr als schwierigen Lage.

Die Furche: Viele Christen verlassen den Irak, wird berichtet ...

Erzbischof Louis Sako: ... und das stimmt, denn die Sicherheit ist nicht gewährleistet - vor allem in Bagdad und Mossul. Viele Familien sind weggegangen. Jeden Tag gibt es im Irak 100 Tote, und dabei sind auch Christen. Wir sind eine Minderheit, und jeder sucht nach einem sicheren Ort für die Zukunft. Aber zurzeit können wir keine Zukunft sehen: es gibt keine Politik, keine Strategie für die nahe Zukunft im Irak. Der Konflikt zwischen Schiiten, Sunniten, Kurden, Arabern nimmt zu, und die Christen fühlen sich wie in einem Sandwich dazwischen.

Die Furche: Und die Lage in Ihrer Erzdiözese Kirkuk ...?

Sako: ... ist viel besser, denn in Kirkuk existieren keine Konflikte zwischen Religionen und ethnischen Gruppen. Manchmal gibt es Explosionen, die von Leuten aus Bagdad stammen. Aber im Vergleich zu anderen Städten im Irak ist es in der Stadt ruhig.

Die Furche: Wie können Christen im Irak heute überleben?

Sako: Zuallererst müssen wir einig sein. Denn im Irak sind auch die Kirchen gespalten. Wenn wir aber mit einer Stimme sprechen, dann werden wir stärker sein. Christen können dann die Rolle der Versöhner zwischen anderen spielen, etwa zwischen Schiiten und Sunniten. Aber die Mentalität ist, uns aus den politischen Dingen heraus zu halten. Ich habe schon zweimal bei Spannungen in Kirkuk Vertreter aller Gruppen eingeladen - Sunniten, Schiiten, Kurden, Araber, Turkmenen - sie sind gekommen und haben miteinander gesprochen. Das war die einzige Möglichkeit für sie, zusammenzukommen. Man sieht: Wir könnten viel bewirken. Aber wir Christen müssen einig sein.

Die Furche: Warum tun sich auch die Christen schwer, einig zu sein?

Sako: Weil jeder im Irak nur auf seine Interessen schaut, auf die sehr kleine eigene Gruppe. Plötzlich gibt es bei uns die große Freiheit: da muss jeder zeigen, wer er ist, und da hat er vor allem auf seine eigene Identität im Blick. Das ist ein neues Phänomen.

Die Furche: Wie kann man aus dieser Situation nun herauskommen?

Sako: Erstens sollte eine gute Armee aufgestellt werden. Denn viele Mitglieder des alten Regimes sind noch in der Armee und in der Polizei; zweitens sollte eine technokratische Regierung gebildet werden; drittens sollten sich die Religionen und die Medien für Versöhnung einsetzen. Wir haben 35 Jahre ohne Freiheit hinter uns, ohne Möglichkeit das auszudrücken, was wir wollen. Jetzt ist das alles anders, aber wir wurden darauf nicht vorbereitet. Es herrscht Chaos. Wir müssen Demokratie und Freiheit erst lernen.

Die Furche: Lernen - aber wie?

Sako: In den Schulen, in den Kirchen, vor allem in den Moscheen. Es ist die Aufgabe der Imame, Versöhnung zu propagieren und nicht Rache zu üben. Und neue Beziehungen aufzubauen, die Vergangenheit zu vergessen und in die Zukunft loszugehen. Die Imame könnten eine Menge bewirken, denn wir Christen sind eben nur eine Minderheit.

Die Furche: Nach dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samara haben Sie für deren Wiederaufbau gesammelt. Warum haben Sie das getan?

Sako: Wir brauchen Zeichen, um das Zusammenleben zu stärken. Wir sind in der Lage, da etwas zu tun. Bei den Muslimen hingegen gibt es keine Autorität, die so etwas anregen könnte. Denn jeder Imam ist für sich allein. Wir haben eine Hierarchie. Also haben wir Geld für Moscheen, die zerstört wurden, gesammelt, denn die Moscheen gehören zu unserer gemeinsamen Geschichte. Jetzt im Ramadan habe ich die Imame zu einem großen Fastenbrech-Mahl eingeladen. Solche Zeichen sollen den Muslimen zeigen: Wir sind da, wir nehmen euch an, wir sind Geschwister. Die Religion darf uns nicht trennen, sondern sollte uns einander näher bringen: Es ist wie in einem Garten, in dem viele Blumen blühen.

Die Furche: Kommt diese Botschaft bei den Imamen an?

Sako: Das ist verschieden, es gibt wirklich gute Menschen unter ihnen, die auch mit uns zusammenarbeiten. In kleineren Städten wie Kirkuk funktioniert das. Ich habe auch schon oft im Fernsehen über christlich-muslimische Zusammenarbeit gesprochen.

Die Furche: Wie waren die Reaktionen auf die Regensburger Papstrede?

Sako: Muslime spüren, dass etwas passiert. Da war die Rede von Präsident Bush über einen Kreuzzug, dann der Karikaturenstreit, dann die Papstrede - all das verstärkte das Gefühl, es gebe im Westen einen Kreuzzug gegen den Islam. Wir werden dann mit dem Westen in einen Topf geworfen. Wir sagen den Muslimen: Die katholische Kirche war immer auf eurer Seite, der Vatikan war gegen den Irakkrieg usw. Ich habe im Fernsehen die Rede des Papstes erklärt, dass er sich gegen eine religiöse Rechtfertigung des Terrorismus gewandt hat. Allerdings hat mich ein wenig überrascht, dass der Papst zitiert hat, der Islam würde Gewalt anwenden, um sich zu verbreiten: Jede Religion hat ihre Geschichte und Gewalt angewendet ...

Die Furche: Kann der Irak als Staat überleben?

Sako: Das ist schwer zu sagen. Wir fürchten, dass der Irak zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden gespalten wird. Die Kurden haben bereits jetzt ihren Staat: sie haben ein Parlament, eine Verfassung, ihre Armee - die Peschmergas -, sie haben Minister, alles. Und nun wollen die Schiiten dieselben Privilegien haben. Wir bewegen uns also in Richtung Spaltung ...

Die Furche: ... das heißt: drei Staaten in einem ...?

Sako: ... für eine Weile in einer Entität, aber dann drei Staaten.

Die Furche: Was können die Menschen in Europa für Sie tun?

Sako: Europa sollte anwesend sein, nicht abwesend.

Die Furche: Jetzt ist es abwesend?

Sako: Ja. Die Amerikaner sind da. Aber Europa liegt näher an der arabischen Welt und könnte die Situation besser verstehen als die Amerikaner. Und Europa hat die Pflicht, dieselben Minderheitenrechte in Europa zu fordern. Flüchtlinge und muslimische Einwanderer in Europa haben viel mehr Rechte als wir in unserem Land, obwohl wir keine Einwanderer, sondern Einheimische sind! Europa muss Reziprozität fordern!

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Unermüdliche Stimme für Versöhnung im Irak

Sie feiern ihre Gottesdienste in Aramäisch, der Muttersprache Jesu: Die chaldäisch-katholische Kirche ist eine mit Rom unierte Ostkirche, die den ostsyrischen Ritus beibehalten hat. Vor dem Krieg zählte sie im Irak Hunderttausende Gläubige, heute hat sie der Exodus der Christen stark dezimiert. In der an der Grenze zwischen den irakischen Kurdengebieten und dem arabisch geprägten Landesteil gelegenen Erzdiözese Kirkuk ist die Zahl der chaldäischen Katholiken schon vor 2003 auf etwa 6.000 Gläubige gesunken. In diesem Jahr wurde der charismatische Pfarrer Louis Sako zum Erzbischof der Stadt gewählt. Obwohl die Gemeinde Sakos klein ist, stellt der 58-Jährige eine engagierte Stimme nicht nur für die Christen im Irak, sondern für eine umfassende Versöhnung im gewaltgeschüttelten Land dar. Letzte Woche nahm Sako in Wien an einer von der Stiftung Pro Oriente initiierten Konsultation der Kirchen der altsyrischen Tradition teil. - In Kirkuk scheint die Lage der chaldäischen Christen vergleichsweise erträglich, in anderen Landesteilen, nimmt die Dramatik zu: Das lässt sich auch aus der dürren Mitteilung des Vatikans vom vergangenen Samstag ersehen, nach der der Papst eine chaldäische Diözese in Australien errichtet und den bisherigen chaldäisch-katholischen Erzbischof von Basra im Südirak, Djibrail Kassab, zu deren Leiter ernannt hat. Beobachter interpretieren dies - zumal kein Nachfolger für Kassab benannt wurde - als Zeichen dafür, wie unhaltbar die Lage für die Christen im Südirak geworden ist.

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