Koran - © Fauzan My / Pixabay

Islam - Die Religion des Terrors?

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Die Attentäter von World Trade Center und Pentagon werden den Islamisten zugeordnet: Wieviel Religion steckt hinter dem Terror?

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Die Attentäter von World Trade Center und Pentagon werden den Islamisten zugeordnet: Wieviel Religion steckt hinter dem Terror?

Und kämpft gegen sie [die Ungläubigen], bis es keine Verführung mehr gibt, und bis die Religion gänzlich nur noch Gott gehört." Worte - für Muslime: Gottesworte - wie dieser Koranvers (Sure 38,29) rufen zum Kampf auf. Andere Sätze versprechen den Glaubensstreitern reichen Lohn: "Und wer auf dem Weg Gottes kämpft und daraufhin getötet wird oder siegt, dem werden Wir großartigen Lohn zukommen lassen." (Sure 4,74)

Es gibt diese - und andere - Koranverse, aus denen ein muslimischer Attentäter, der Terror gegen "Ungläubige" verbreitet, seine Rechtfertigung zu beziehen sucht. Angesichts der Katastrophe von New York, bei der die Ermittler in praktisch allen Stellungnahmen vom Werk islamistischer Täter ausgehen, stellt sich aufs Neue die Frage, ob dem Islam die Bodenbereitung für die schlimmsten Attentate seit Menschengedenken anzulasten ist.

Solche Frage mag unangenehm sein, sie geistert aber nicht erst seit dem 11. September durch die (Vor-)Urteile der nichtmuslimischen Welt. Unangenehm mag auch sein, dass es keine simplen Antworten darauf gibt.

Terroristen wie die Selbstmordattentäter von New York und Washington müssen tief in einer Religion verwurzelt sein: Jemand der bereit ist, mit dem Wissen zu "kämpfen", dass das eigene Leben dabei verloren geht, braucht einen Halt und eine Vision, die das Irdische hinter sich lassen - etwa das Versprechen von einem Jenseits, in dem die "Märtyrer", die um des Glaubens willen Umgekommenen, bevorzugt werden.

Attentäter, die sich auf den Islam berufen, können sich auf solch ein Weltbild stützen. Da-rüber hinaus gibt es weitere Aspekte, die einen Terrorismus, der sich den Islam auf die Fahnen heftet, zu stützen scheinen:

  • Kaum eine andere Weltreligion versteht sich so wie der Islam als alle Lebensbereiche durchdringend, eine Trennung in Profan und Säkular ist unbekannt; in letzter Konsequenz ist Politik so auch Glaubenssache.
  • Viele ungelöste regionale und globale politische Konflikte betreffen Weltgegenden mit muslimischer Bevölkerung. Nicht zuletzt erweist sich der weiter eskalierende Nahostkonflikt als eine der Lunten für den internationalen Terrorismus.
  • Schließlich erleben sich islamisch dominierte Gesellschaften oft auch politisch und ökonomisch an den Rand gedrängt - ebenfalls ein Nährboden für Radikalismus, der auch religös geprägt ist. Das schürt Sympathien für Extremisten ebenso wie einen latenten bis offenen Antiamerikanismus, der nicht selten synonym für die Ablehnung des Westens steht.

All das sind Indizien, dass Terrorismus in einem islamischen Umfeld gedeihen kann - und offenbar auch gedeiht.

Dennoch kann daraus nicht abgeleitet werden, dass der Islam per se eine gewaltbereite Religion ist. Terroristen sind - siehe oben - einer Religion, einer religiösen Haltung verhaftet. Die Religion des Terrors ist jedoch keinesfalls "der" Islam, auch wenn Täter wie die Massenmörder von New York den Islamisten zugerechnet werden.

Die Religion des Terrors verleugnet nämlich die Weite einer Weltreligion. Ihre verkleinerte Sicht nimmt die Facetten vielfältiger Religiosität nicht wahr. Die Attentate in den USA mögen auf das Konto von Menschen mit einem intensiven islamischen Hintergrund gehen. Wie die jüdische und die christliche Bibel ist jedoch auch der Koran kein monolithisches Buch, auch er bedarf der Interpretation. Dass es in einigen muslimischen Staaten wegen einer zunehmend rigorosen Auslegung der heiligen Schriften des Islam zu Schwierigkeiten mit westlichen Demokratie- und Menschenrechtsvorstellungen kommt, soll nicht verschwiegen werden.

Dennoch sind diese Schwierigkeiten nicht dasselbe wie Terroranschläge: Muslimische Stellungnahmen haben weltweit auf das islamische Verbot, Unschuldige zu töten, hingewiesen: "Wenn jemand einen Menschen tötet, ... so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet." Auch das steht im Koran (Sure 5,32).

Islam entdecken

Christen wissen im Übrigen aus ihrer eigenen Religionsgeschichte, wie religiöse Aussagen "terroristisch" missbraucht werden können: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenwahn, Judenverfolgung sind nur ein paar Stichworte für diese dunklen Kapitel. Dass das Christentum heute - wegen einiger schwer verständlicher Bibelstellen, die oft auch aus ihrer Zeit heraus zu interpretieren sind - als Religion des Terrors denunziert würde, ist kaum vorstellbar.

In gleicher Weise sollte man sich hüten, dies dem Islam zu unterstellen - unabhängig von aller Terrorbekämpfung, die notwendig und rechtens ist.

Was also tun nach dem Schock des 11. September? In der westlichen Welt grassiert zur Zeit die Sehnsucht nach einfachen Antworten und Lösungen (amerikanische Politiker teilen die Welt in Gut und Böse ein, Präsident Bush will Osama Bin Laden "dead or alive") - und die Gefahr besteht, dass Muslime zu Sündenböcken werden.

Eine der dringlichen Strategien, solcher Gefahr zu begegnen, ist die verstärkte Auseinandersetzung des Westens mit dem Islam. Muslime leben auch in Österreich, vom Interesse der Alteingesessenen an den muslimischen Migranten (und vice versa) spürt man bis dato wenig. Das ist fatal.

Denn erst wenn die Muslime darüber im Bild sind, was Lebensart und Denkweise der Nichtmuslime ausmacht - und umgekehrt: erst wenn die Nichtmuslime sich für muslimisches Leben und Denken interessieren, können vorgefasste Meinungen durch die authentischeren Erfahrungen des Zusammenlebens ersetzt werden (vgl. dazu auch die furche-Serie "Islam in Österreich").

Was in weiterer Folge zur Deeskalation der polarisierenden Situation beitragen sollte: Wenn österreichische Muslime sich hierzulande angenommen wissen, werden sie entsprechende Signale an die Welt, aus der sie kommen, senden können. Bleiben sie ausgegrenzt, darf sich niemand wundern, wenn weiterhin Negatives über die westliche Gesellschaft in die islamische Welt dringt.

Was für Österreich billig ist, gilt gleichermaßen für Europa - und für das durch die Anschläge gedemütigte Amerika.

Und wäre - neben der Suche nach den Verantwortlichen - eine der vielen notwendigen Antworten auf den Terror. Keine einfache Antwort. Aber eine solche gibt es ohnehin nicht.

Und kämpft gegen sie [die Ungläubigen], bis es keine Verführung mehr gibt, und bis die Religion gänzlich nur noch Gott gehört." Worte - für Muslime: Gottesworte - wie dieser Koranvers (Sure 38,29) rufen zum Kampf auf. Andere Sätze versprechen den Glaubensstreitern reichen Lohn: "Und wer auf dem Weg Gottes kämpft und daraufhin getötet wird oder siegt, dem werden Wir großartigen Lohn zukommen lassen." (Sure 4,74)

Es gibt diese - und andere - Koranverse, aus denen ein muslimischer Attentäter, der Terror gegen "Ungläubige" verbreitet, seine Rechtfertigung zu beziehen sucht. Angesichts der Katastrophe von New York, bei der die Ermittler in praktisch allen Stellungnahmen vom Werk islamistischer Täter ausgehen, stellt sich aufs Neue die Frage, ob dem Islam die Bodenbereitung für die schlimmsten Attentate seit Menschengedenken anzulasten ist.

Solche Frage mag unangenehm sein, sie geistert aber nicht erst seit dem 11. September durch die (Vor-)Urteile der nichtmuslimischen Welt. Unangenehm mag auch sein, dass es keine simplen Antworten darauf gibt.

Terroristen wie die Selbstmordattentäter von New York und Washington müssen tief in einer Religion verwurzelt sein: Jemand der bereit ist, mit dem Wissen zu "kämpfen", dass das eigene Leben dabei verloren geht, braucht einen Halt und eine Vision, die das Irdische hinter sich lassen - etwa das Versprechen von einem Jenseits, in dem die "Märtyrer", die um des Glaubens willen Umgekommenen, bevorzugt werden.

Attentäter, die sich auf den Islam berufen, können sich auf solch ein Weltbild stützen. Da-rüber hinaus gibt es weitere Aspekte, die einen Terrorismus, der sich den Islam auf die Fahnen heftet, zu stützen scheinen:

  • Kaum eine andere Weltreligion versteht sich so wie der Islam als alle Lebensbereiche durchdringend, eine Trennung in Profan und Säkular ist unbekannt; in letzter Konsequenz ist Politik so auch Glaubenssache.
  • Viele ungelöste regionale und globale politische Konflikte betreffen Weltgegenden mit muslimischer Bevölkerung. Nicht zuletzt erweist sich der weiter eskalierende Nahostkonflikt als eine der Lunten für den internationalen Terrorismus.
  • Schließlich erleben sich islamisch dominierte Gesellschaften oft auch politisch und ökonomisch an den Rand gedrängt - ebenfalls ein Nährboden für Radikalismus, der auch religös geprägt ist. Das schürt Sympathien für Extremisten ebenso wie einen latenten bis offenen Antiamerikanismus, der nicht selten synonym für die Ablehnung des Westens steht.

All das sind Indizien, dass Terrorismus in einem islamischen Umfeld gedeihen kann - und offenbar auch gedeiht.

Dennoch kann daraus nicht abgeleitet werden, dass der Islam per se eine gewaltbereite Religion ist. Terroristen sind - siehe oben - einer Religion, einer religiösen Haltung verhaftet. Die Religion des Terrors ist jedoch keinesfalls "der" Islam, auch wenn Täter wie die Massenmörder von New York den Islamisten zugerechnet werden.

Die Religion des Terrors verleugnet nämlich die Weite einer Weltreligion. Ihre verkleinerte Sicht nimmt die Facetten vielfältiger Religiosität nicht wahr. Die Attentate in den USA mögen auf das Konto von Menschen mit einem intensiven islamischen Hintergrund gehen. Wie die jüdische und die christliche Bibel ist jedoch auch der Koran kein monolithisches Buch, auch er bedarf der Interpretation. Dass es in einigen muslimischen Staaten wegen einer zunehmend rigorosen Auslegung der heiligen Schriften des Islam zu Schwierigkeiten mit westlichen Demokratie- und Menschenrechtsvorstellungen kommt, soll nicht verschwiegen werden.

Dennoch sind diese Schwierigkeiten nicht dasselbe wie Terroranschläge: Muslimische Stellungnahmen haben weltweit auf das islamische Verbot, Unschuldige zu töten, hingewiesen: "Wenn jemand einen Menschen tötet, ... so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet." Auch das steht im Koran (Sure 5,32).

Islam entdecken

Christen wissen im Übrigen aus ihrer eigenen Religionsgeschichte, wie religiöse Aussagen "terroristisch" missbraucht werden können: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenwahn, Judenverfolgung sind nur ein paar Stichworte für diese dunklen Kapitel. Dass das Christentum heute - wegen einiger schwer verständlicher Bibelstellen, die oft auch aus ihrer Zeit heraus zu interpretieren sind - als Religion des Terrors denunziert würde, ist kaum vorstellbar.

In gleicher Weise sollte man sich hüten, dies dem Islam zu unterstellen - unabhängig von aller Terrorbekämpfung, die notwendig und rechtens ist.

Was also tun nach dem Schock des 11. September? In der westlichen Welt grassiert zur Zeit die Sehnsucht nach einfachen Antworten und Lösungen (amerikanische Politiker teilen die Welt in Gut und Böse ein, Präsident Bush will Osama Bin Laden "dead or alive") - und die Gefahr besteht, dass Muslime zu Sündenböcken werden.

Eine der dringlichen Strategien, solcher Gefahr zu begegnen, ist die verstärkte Auseinandersetzung des Westens mit dem Islam. Muslime leben auch in Österreich, vom Interesse der Alteingesessenen an den muslimischen Migranten (und vice versa) spürt man bis dato wenig. Das ist fatal.

Denn erst wenn die Muslime darüber im Bild sind, was Lebensart und Denkweise der Nichtmuslime ausmacht - und umgekehrt: erst wenn die Nichtmuslime sich für muslimisches Leben und Denken interessieren, können vorgefasste Meinungen durch die authentischeren Erfahrungen des Zusammenlebens ersetzt werden (vgl. dazu auch die furche-Serie "Islam in Österreich").

Was in weiterer Folge zur Deeskalation der polarisierenden Situation beitragen sollte: Wenn österreichische Muslime sich hierzulande angenommen wissen, werden sie entsprechende Signale an die Welt, aus der sie kommen, senden können. Bleiben sie ausgegrenzt, darf sich niemand wundern, wenn weiterhin Negatives über die westliche Gesellschaft in die islamische Welt dringt.

Was für Österreich billig ist, gilt gleichermaßen für Europa - und für das durch die Anschläge gedemütigte Amerika.

Und wäre - neben der Suche nach den Verantwortlichen - eine der vielen notwendigen Antworten auf den Terror. Keine einfache Antwort. Aber eine solche gibt es ohnehin nicht.

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