Islamismus ist eine autoritäre Ideologie

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Islam ist mit der Demokratie vereinbar, sagt der prominente türkische Journalist und Autor Mustafa Akyol. Vorausgesetzt, man versteht ihn als individuell gelebten Glauben und nicht als System, das allen übergestülpt werden muss. Ein Gespräch in Zeiten von Erdogan und IS.

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Islam ist mit der Demokratie vereinbar, sagt der prominente türkische Journalist und Autor Mustafa Akyol. Vorausgesetzt, man versteht ihn als individuell gelebten Glauben und nicht als System, das allen übergestülpt werden muss. Ein Gespräch in Zeiten von Erdogan und IS.

Mustafa Akyol ist ein türkischer Journalist, der unter anderem als Kolumnist in den Tageszeitungen Star und Hürriyet Daily News schreibt. 2011 veröffentlichte er das Buch "Islam Without Extremes: A Muslim Case for Liberty", seit 2013 ist er auch Kolumnist in der New York Times.

Die Furche: Sie bemühen sich um eine Versöhnung von Islam, ja sogar von Islamismus und liberaler Demokratie. Seit Ihrem Buch "Islam Without Extremes", in dem Sie die Vereinbarkeit des Islam mit dem Konzept der bürgerlichen Freiheiten zeigen wollen, ist viel passiert: In Ägypten ging das islamistische Experiment schief, und wenn man die Vorgänge um die Terrormiliz IS betrachtet, wie kann man da von Vereinbarkeit reden?

Mustafa Akyol: Es stimmt, zurzeit schaut es nicht gut aus, insbesondere im Nahen Osten. Aber ich bleibe dabei, dass Islam und liberale Demokratie miteinander vereinbar sind. Die Türkei hatte das Potenzial dazu, sie entwickelt sich zurzeit aber nicht in diese Richtung. Tunesien ist ein anderes Beispiel, wo eine islamistische Partei einige Prinzipien der liberalen Demokratie akzeptiert. Ich versuche in meinem Buch zu zeigen, wie der Islam zu verstehen ist, um mit der Demokratie vereinbar zu sein. Die Frage ist natürlich, wie viele Menschen dem folgen. Aber es gibt ein Islamverständnis, das mit der individuellen Freiheit vereinbar ist: ein Islam, der sich um die persönliche Frömmigkeit dreht, und der nicht dem Staat eine bestimmte Religiosität überstülpt.

Die Furche: Westliche Islamkritiker sagen, der Islam sei per se mit der Demokratie unvereinbar.

Akyol: Zuerst müssen wir einmal definieren, was Islam und was Islamismus ist. Der Islam dreht sich in erster Linie um die persönliche Praxis. Ein guter Muslim betet, geht in die Moschee, fastet im Ramadan usw.: Wenn es um diese Dinge geht, dann gibt es keinen Grund, warum der Islam nicht mit der Demokratie vereinbar sein sollte. Und für viele Muslime ist der Islam genau das. Es gibt aber andere, für die der Islam ein System darstellt, eine Staatsform, soziale Normen, die allen überzustülpen sind. Hier handelt es sich um Islamismus, und der ist - wie etwa der Kommunismus -eine politische Ideologie. In meinem Buch argumentiere ich gegen den Islamismus und plädiere dafür, dass der Islam verstanden wird als individueller Glaube mit einigen sozialen Normen, denen man freiwillig folgen kann, die aber nicht den anderen aufgezwungen werden dürfen. Wenn also eine Muslima ihren Kopf aus religiösen Gründen bedecken will, dann hat sie das Recht dazu. Da ist nichts, was mit der Demokratie unvereinbar wäre. Aber wenn jemand kommt und sagt: Das ist eine islamische Gesellschaft und deshalb muss jede Frau ihren Kopf bedecken, dann handelt es sich um Islamismus. Und das ist autoritär.

Die Furche: Schließen Islamismus und Demokratie einander aus?

Akyol: Es gibt demokratische Islamisten, in dem Sinn, dass sie über Wahlen an die Macht kommen wollen, aber ihre Utopie bleibt auch dann eine autoritäre. Andere Islamisten setzen auf Gewalt und bewaffneten Kampf. Das sind die, die wir "Dschihadisten" nennen. Der sogenannte "Islamische Staat" ist die extremste Variante davon. Aber auch er gehört zum Bild, das der Islam bietet. Die Islamisten behaupten, das, was sie tun, sei reiner Islam. Wir argumentieren dagegen. Interessanterweise stimmen die Islamkritiker im Westen dieser Sicht zu, etwa dass der Islam die Frau unterdrückt: Die Islamisten und die Islamkritiker sagen da dasselbe.

Die Furche: Sie schreiben auch, wenn Islamisten demokratisch an die Macht kommen, ist das zu akzeptieren, aber man muss dann versuchen, sie zu verändern...

Akyol: dass sie, wenn sie an der Macht sind, moderater werden?

Die Furche: Das war die Hoffnung in Ägypten. Es funktionierte nicht.

Akyol: Meiner Meinung nach gibt es zwei Wege, dass Islamisten moderater werden: Sie können entweder überzeugt werden, dass an ihrer Ideologie einiges falsch ist, sodass sie diese prinzipiell verlassen. Oder indem sie pragmatisch zwar bei der Ideologie bleiben, aber erkennen: Wenn sie zu viel davon durchdrücken, ist es für alle schlecht. Von daher ist auch der politische Kontext wichtig. Wenn also Islamisten demokratisch an die Macht kommen, dann sollte man ihnen gestatten zu regieren, denn der Prozess des Regierens wird sie pragmatischer machen. Ob dieses Argument richtig oder falsch ist, wurde bislang noch nicht genügend erprobt - in Ägypten waren die Muslimbrüder ja nur ein Jahr an der Macht. Außerdem gibt es verschiedene Grautöne. Auch die Türkei zeigt keine guten Resultate.

Die Furche: Erdogan wurde anfänglich als Islamist betrachtetet...

Akyol: und behauptete, dass er dies abgelegt hat. Aber jetzt kehrt er zu seinen Wurzeln zurück. Es ist dennoch nicht klar, ob er zum Islamismus zurückkehrt oder einfach autoritär wird - so wie Putin in Russland. Ein säkularer Autoritarismus und ein religiöser sind im Endeffekt gleich. Unglücklicherweise kann die Türkei zurzeit nicht beweisen, dass man Islamisten verändern kann. Vor zwei Jahren war ich da optimistischer - heute bin ich es weniger. Das gebe ich zu.

Die Furche: Bis vor kurzem, war die extremste Form des Islamismus die Al Kaida, jetzt ist der IS.

Akyol: Ich habe mich bis jetzt auf moderatere Islamisten wie die Muslimbrüder bezogen. Al Kaida kann man nicht überzeugen. Das erste, was man tun müsste, wäre, sie von der Gewalt wegzubringen. Ich denke nicht, dass man ihnen damit kommen kann. Da braucht man militärische Mittel. Wenn sie bewaffnet sind und Menschen umbringen, soll man mit Waffen antworten. Der IS ist eine neue Weise von Al Kaida in Form eines Staats.

Die Furche: War der Aufstieg des IS überraschend für Sie?

Akyol: Dass es so schnell ging, ja. Obwohl es ähnliche Strömungen ja auch anderswo gibt - etwa Boko Haram in Nigeria. Aber die Geschwindigkeit, mit der der IS gewachsen ist, hat mich schon überrascht. Das hat seinen Grund auch darin, dass sowohl in Syrien als auch im Irak Regimes an der Macht sind, die die Sunniten in diesen Ländern unterdrückt haben. Und so strömten die Sunniten in diese Gruppen, was sie unter normalen Umständen wohl nicht getan hätten.

Die Furche: Kann es eine religiöse Lösung oder eine religiöse Hilfe zur Überwindung dieser Lage geben?

Akyol: Wenn mehr und mehr islamische Theologen diese Ideologie verdammen, was sie mittlerweile auch tun, hat der IS eine geringere Basis. Aber man darf nicht vergessen, dass der Islam nicht wie die katholische Kirche ist, wo der Papst sagen kann: Das ist unchristlich. Mögen auch viele Gelehrte sagen, das ist unislamisch, so kontert der Chef des IS: "Wer seid ihr, dass ihr so etwas behaupten könnt? Ich sage, was islamisch ist " Es ist eine falsche Hoffnung zu meinen, wenn zehn bedeutende Theologen den IS verdammen, dann verschwindet er am nächsten Tag. Dass es im Islam keine zentrale Autorität gibt, ist Teil des Problems.

Die Furche: Zurück zur Türkei: Wie könnte es dort weitergehen?

Akyol: Die Türkei ist eine Demokratie in dem Sinn, dass es Wahlen gibt, bis zu einem gewissen Grad ist sie ein Rechtsstaat. Aber es gibt nicht genug politischen Liberalismus. Die gegenwärtige Regierung ist im ökonomischen Sinn sehr erfolgreich, aber sie wird zunehmend autoritärer gegenüber der Opposition und den Medien. Aber derartige Probleme findet man auch anderswo - etwa in Ungarn, wo eine gewählte autoritäre Regierung am Ruder ist, gar nicht zu reden von Russland. Die Probleme der Türkei stehen aber nicht in Verbindung mit dem Islam. Wir kritisieren Erdogan nicht dafür, dass er die Scharia einführen würde: Der Autoritarismus ist das Problem - nicht die Religion. In religiöser Hinsicht ist das türkische Verständnis des Islam überwiegend ein friedvolles, tolerantes - nicht liberal in allen Nuancen, aber viel gemäßigter als in den Ländern rund um uns.

Das Gespräch führte Otto Friedrich

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