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Islamistinnen für Frauenrechte

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In islamischen Ländern kämpfen Frauen für eine Verbesserung ihrer rechtlichen und sozialen Situation - mit unterschiedlichen Mitteln und Wegen.

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In islamischen Ländern kämpfen Frauen für eine Verbesserung ihrer rechtlichen und sozialen Situation - mit unterschiedlichen Mitteln und Wegen.

Diskussionen in westlichen Medien über die Stellung der islamischen Frau beschränken sich häufig auf Themen wie die Kopftuchfrage oder die Beschneidung von Mädchen. Um einen Einblick in die vielfältige Lebenswirklichkeit muslimischer Frauen zu geben, hat das Afro-Asiatische Institut in Graz vor kurzem ein Symposium zum Thema "Umbrüche - Die Rolle der Frau in islamischen Welten" veranstaltet.

Tatsächlich sind die Situationen islamischer Frauen höchst unterschiedlich, je nach Land, sozialer Schichtzugehörigkeit und Bildungsgrad. Fast überall finden sich jedoch Frauen, die für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Lage kämpfen. Denn die meisten Staaten, auch wenn sie sich als demokratisch-säkular verstehen, beziehen sich gerade im Familien- und Personenstandsrecht auf die Scharia, das religiöse Gesetz. Und hier gibt es deutliche Benachteiligungen von Frauen. So ist dem Mann das direkte und uneingeschränkte Scheidungsrecht gegeben, d.h. er kann jederzeit die Scheidung aussprechen, während die Frau diese nur bei Gericht beantragen kann. Weiters ist die Unterhaltspflicht des Mannes im Fall einer Scheidung in den einzelnen Ländern höchst unterschiedlich geregelt.

Das nächste Problem bei einer Scheidung ist das Sorgerecht für Kinder. Diese werden nur bis zu einer bestimmten Altersgrenze der Mutter zugesprochen. So erlaubt beispielsweise das iranische Gesetz, daß Mädchen bis zum siebenten Lebensjahr bei der Mutter bleiben können, während Buben bereits ab dem zweiten Lebensjahr zum Vater kommen. In Ägypten wiederum liegen die Altersgrenzen bei 17 bzw. 15 Jahren. Bei Wiederverheiratung der Frau erhält der Vater jedoch auf jeden Fall das Sorgerecht. Und nach wie vor ist in einigen islamischen Ländern die Polygamie erlaubt.

Die aus Ägypten stammende, in Deutschland lebende Journalistin Cherifa Magdi wies in Graz darauf hin, daß kaum ein Staat in der arabischen Welt einen ernsthaften Versuch unternimmt, dieses antiquierte Familienrecht zu ändern, unter dem Vorwand, daß es sich um ein gottgegebenes sakrales Gebot handle, das die Menschen nicht verändern dürften. Doch längst hat sich die Lebensrealität muslimischer Frauen gewandelt. Da diese in den meisten Ländern Zugang zu Bildung und damit zu fast allen Berufen haben, tragen viele zum Familieneinkommen bei - und fordern rechtliche Gleichstellung mit dem Mann.

Waren es jedoch bis vor einigen Jahren säkulare Frauenbewegungen, die sich an der Aufklärung und an westlich-demokratischen Prinzipien orientierten, so sind es nun islamistische Frauengruppen, die für Verbesserungen eintreten. "Die säkularen Frauen geraten zwischen zwei Mühlsteine. Denn einerseits verordnen laizistische Regierungen unter dem Druck wachsender fundamentalistischer Gruppen eine Islamisierung von oben, die diese Frauen ausgrenzt. Andererseits werden sie von islamistischen Geschlechtsgenossinnen angegriffen, die eine Rückkehr zu religiösen Idealen verlangen", so Magdi.

Letztere fordern eine Neubewertung ihrer gesellschaftlichen Rolle auf der Grundlage des Korans. Sie bemühen sich um eine neue frauenfreundliche Interpretation des Korans. Die Religionspädagogin Amina Erbakan, die in Köln das Zentrum für islamische Frauenstudien leitet, argumentierte, daß der Koran jahrhundertelang nur von Männern ausgelegt wurde. Diese hätten einzelne Koranstellen dazu benutzt, um ihre Machtpositionen zu zementieren. "Der Koran selbst enthält einen emanzipatorischen Ansatz, da er zum Zeitpunkt seiner Offenbarung die gesellschaftliche Stellung der Frau deutlich verbessert hat. Jetzt gilt es, diese Texte weiterzudenken und für die heutige Zeit lebbar zu machen."

Amina Erbakan weist jedoch daraufhin, daß die Frauen oft eine große Hemmschwelle hätten, den Koran überhaupt zu studieren. Wie sollten sie sich seiner als Argumentationshilfe bedienen? Doch selbst wenn Musliminnen ihre Forderungen mit religiösen Aussagen begründen, so können auch sie nicht leugnen, daß bestimmte Koranverse eindeutig die Unterordnung der Frau unter den Mann festschreiben. Der Koran gibt dem Mann sogar das Recht, seine Frau zu schlagen, wenn sie ungehorsam ist.

Für die aus Bangladesch geflüchtete Schriftstellerin Taslima Nasrin ein wichtiger Grund, sich vom Islam als einem Unrechtssystem abzugrenzen. Sie war als Überraschungsgast zum Grazer Symposium geladen und erinnerte in ihrem Vortrag daran, daß in einigen islamischen Ländern Frauen immer noch durch Steinigung getötet werden. Sie glaubt, daß eine Befreiung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit aufgrund eigener Berufstätigkeit und diese wiederum nur durch entsprechende Ausbildung möglich sei. Als rechtlicher Rahmen ist für sie ein säkulares Staatssystem unabdingbar.

So zog sich der Zwiespalt zwischen religiösem Fundamentalismus und säkularem Feminismus quer durch die in Graz versammelten Musliminnen. Und bot damit einen Einblick in das Kaleidoskops islamischer Wirklichkeit zwischen Tradition und Moderne.

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