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Islamophobie wächst

Nicht nur - aber besonders - in Dänemark ist ein neues Feindbild entstanden. Der Islamwissenschafter peter heine über Hintergründe der Muslim-Proteste.

Peter Heine ist Professor für Islamwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität. Er gehört zu den Herausgebern des bei Herder erschienenen "Islam-Lexikon" und ist Autor von "Terror in Allahs Namen" (2004), "Kulturknigge für Nichtmuslime (2001) und zahlreicher weiterer Publikationen zum Thema Islam.

Die Furche: Meinungsfreiheit versus Religionsfreiheit - ist das tatsächlich der Kern der Aufregungen um die Mohammed-Karikaturen?

Peter Heine: Die Sache ist viel komplexer, als man zuerst meint. Und das Ganze gehört auch in den Kontext der Globalisierung. Wir wissen, dass in Dänemark spätestens mit der Regierung Rasmussen eine, vorsichtig formuliert, unfreundliche Politik gegenüber den Muslimen betrieben wird, die sich auch auf die Öffentlichkeit auswirkt. Das ist natürlich religiösen Führern in der islamischen Welt durchaus bekannt. So wird jetzt diese Karikatur zum Anlass genommen, darauf aufmerksam zu machen.

Man muss aber festhalten: Für traditionelle Muslime gibt es ein sehr lebhaftes Bild des Propheten; er wird ihnen auch durch die Prophetentraditionen, die ja eine Rechtsquelle des islamischen Gesetzes sind, ganz wach gehalten: Man kann vom Propheten träumen, er ist eine sehr viel präsentere Figur, als das möglicherweise für den durchschnittlichen mitteleuropäischen Christen Jesus von Nazaret wäre. Und in einer Situation, in der die islamische Welt in ihrer Gesamtheit sich vom Westen angegriffen fühlt, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Die Furche: Der Anlassfall liegt ja schon einige Monate zurück ...

Heine: Das liegt daran, dass viele Leute, beispielsweise die Botschafter islamischer Staaten in Dänemark, versucht haben, das zunächst relativ niedrig zu halten. Sie sind ja bei Rasmussen vorstellig geworden, und der hat dann abfällig reagiert. Die Entscheidungen, die Botschafter zurückzuziehen und die entsprechenden Meldungen in den verschiedenen islamischen Ländern - das hat offenbar alles ein bisschen gedauert.

Die Furche: Sie kritisieren also vor allem das Verhalten der Europäer ...

Heine: ... aus der muslimischen Perspektive - egal, ob es sich um konservative, radikale oder liberale Muslime handelt: Die Vorstellung, dass der Prophet in dieser Art verunglimpft wird, kritisieren alle gleichermaßen.

Die Furche: Wie sollte sich ein westlich orientierter, aufgeklärter Europäer also verhalten?

Heine: Man sollte sich grundsätzlich überlegen - und zwar unabhängig von jeder Religion - ob man so mit den Gefühlen von Gläubigen spielen soll. Zusätzlich müssen wir einfach feststellen, dass etwa seit der Jahrtausendwende sich Muslime insgesamt unter verstärkter Beobachtung und auch Aggression durch den Westen empfinden. Das ist nur zurückzufahren in einem - ich muss nun das langweilige Wort nennen - Dialog zwischen den Kulturen und den Religionen, der dann eben auf allen Ebenen stattfinden muss, nicht nur unter Spezialisten.

Die Furche: In Bezug auf Antisemitismus ist Europa relativ sensibel. Es gibt da eine Beobachtungsstelle der Europäischen Union, die schnell reagiert. Wenn aber die Situation in Dänemark schon länger latent ist. Wird da zuwenig getan?

Heine: Es gibt eine wachsende Islamophobie. Das muss man so akzeptieren. Ich habe mich auch immer dagegen gewehrt und die Debatten um Kopftücher etc. als Marginalien gesehen. Ich muss mittlerweile aber sagen: Da ist ein neues Feindbild entstanden. Das ist höchst besorgniserregend - und weitgehend verschlafen worden.

Die Furche: Gibt es Parallelen der gegenwärtigen Aufregungen zum Mord am niederändischen Filmemacher Theo van Gogh im November 2004?

Heine: Auch da lag ein klassisches Beispiel dafür vor, wie man mit einer Religion nicht umgehen sollte. Vor vielen Jahren hat Claudia Schiffer bei einer Modeschau ein Kleid mit Koranversen getragen: Schon das hat zu entsprechenden problematischen Reaktionen geführt, die dann aber nicht so schlimm wurden, weil man erstens sich sofort entschuldigt hat und zweitens, weil es da natürlich um eine wichtige Konsumentengruppe ging - die wohlhabenden orientalischen Frauen, die sich in der Haute Couture einkleiden.

Wenn nun in einem der Filme von van Gogh auf den nackten Körper einer Frau ein Text geschrieben wird, der für Muslime das "unerschaffene Wort Gottes in arabischer Sprache", wie sie sagen, ist, darf es nicht verwundern, wenn es zu negativen Reaktionen kommt. Dieser Aspekt ist in der ganzen Debatte um die Ermordung Theo van Goghs relativ wenig beleuchtet worden.

Man muss einfach sagen: Die Situation schaukelt sich hoch, und das ist ganz problematisch. Ich würde mich nicht wundern, wenn es jetzt auch in den Banlieus und in den Vorstädten, wo Europas Muslime leben, zu entsprechenden gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt.

Die Furche: Und die Affäre Rushdie?

Heine: Die ist nicht direkt vergleichbar. Denn hier ist von islamischer Seite, dem Ajatollah Khomeini, ein literarisches Sakrileg hervorgezogen und an den Pranger gestellt worden. Natürlich wurde auch da selektiv wahrgenommen: Es gibt sogar in der modernen iranischen Literatur eine ganze Reihe von Texten, in denen der Prophet negativ dargestellt wird, auch der Koran - die hätten genauso "verfolgt" werden können, das ist aber dann nicht geschehen.

Die Furche: Spielt da wie dort aber nicht auch das politische Moment eine große Rolle? Der Iran braucht Verbündete in seinem Atomstreit - und da kommen die Aufregungen ganz zupass.

Heine: Gar nicht ausgeschlossen. Das Ganze sieht zwar spontan aus; ich sehe diese Demonstrationen aber auch unter dem Gesichtspunkt, dass das eine Möglichkeit der Bevölkerung in vielen muslimischen Staaten ist, sich überhaupt zu äußern. Sie nehmen das wahr und können vor den entsprechenden Demonstrationen nicht zurückgehalten werden, weil es ja einen politisch "neutralen" Anlass gibt. Wenn ich höre, dass in Damaskus, wo praktisch nicht demonstriert werden darf, Hunderte Leute auf die Straße gegangen sind, dann macht das auch deutlich, dass die gegen das System sind - in diesem Fall ein mehr oder weniger säkulares -; und das System kann sich dagegen nicht wehren.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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