Israels bleibende Erwählung

50 Jahre "Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit": Auch nach einem halben Jahrhundert sind die Kirchen von angemessenem Verhältnis zum Judentum immer noch "deutlich" entfernt.

Kurt Schubert hätte eigentlich kein II. Vatikanum gebraucht. Denn was dort über das christlich-jüdische Verhältnis diskutiert wurde und letztlich im Dekret "Nostra Aetate" seinen Niederschlag fand, war für ihn auch schon vorher klar: Die bleibende Erwählung des Volkes Israel und dass es keine kollektive Schuld der Juden am Tod Jesu gibt.

Etwas Anderes hat der umtriebige damals junge Judaist aber doch gebraucht: eine organisatorische Drehscheibe für seine Initiativen im Dienst der christlich-jüdischen Verständigung.

Zunächst waren das Orientalistik-Institut der Universität Wien und das Katholische Bildungswerk die Plattform für seine Aktivitäten. Noch in den 40er Jahren versuchte die "World Brotherhood", in Österreich christlich-jüdische Gesellschaften nach dem Vorbild Deutschlands zu installieren. Es zeigte sich aber, dass es nicht möglich war, Sozialisten und Katholiken in einer Organisation zusammenzuschließen. So gründete Schubert 1949 eine österreichisch-israelische Kulturgesellschaft, die auch Themen des christlich-jüdischen Dialogs wahrnahm. In der Folge konstituierte sich 1956 eine Arbeitsgruppe "Christen und Juden" innerhalb der katholischen Friedensbewegung Pax Christi: das Geburtsdatum des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Zur selben Zeit war die "Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich" mit ihrer mehr gesellschaftlich-politischen Ausrichtung entstanden. Die "Aktion" war Gründungsmitglied des Internationalen Rats der Christen und Juden ICCJ, ihr Vorsitzender Kurt Pordes eine zeitlang auch ICCJ-Präsident.

Ein neues Verhältnis

In der Aufbruchszeit des Konzils war klar, dass die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses nur als ökumenische Initiative gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde möglich war. So bat Prälat Karl Rudolf, Seelsorgeamtsleiter der Erzdiözese Wien, im März 1962 auf Wunsch von Kardinal König zu einem Treffen: Um die formelle Gründung einer christlich-jüdischen Organisation zu besprechen, waren u.a. Kurt Schubert, Leopold Ungar, Otto Mauer, Rabbiner Meir Koffler, Otto Herz und der evangelische Theologe Wilhelm Dantine geladen. Am 17. Mai 1962 wurde der heutige Name gefunden, knapp drei Jahre später fand die Vereinsgründung statt.

Durch die säkulare Organisationsstruktur sind im Vorstand christliche und jüdische Mitglieder auch formal gleichberechtigt vertreten. Christlich-jüdische Lokalkomitees arbeiten heute in Eisenstadt, Graz, Linz und Innsbruck. Die Arbeit wird von etwa 400 Mitgliedern sowie kirchlichen und öffentlichen Förderungen getragen. Die Kollekte des "Israelsonntags" im Sommer ist in der evangelischen Kirche der christlich-jüdischen Zusammenarbeit gewidmet.

Zu den Vorsitzenden gehörten im Lauf der Jahre Kurt Schubert, die Sionsschwester Hedwig Wahle und der evangelische Kirchenhistoriker Alfred Raddatz Seit 2003 ist der frühere Superintendent der methodistischen Kirche, Helmut Nausner, Präsident des Koordinierungsausschusses. Die jüdischen Mitglieder des Präsidiums waren zu Beginn Misrachi-Rabbiner Meir Koffler und Otto Herz, später unter anderem Jacob Allerhand, der Salzburger Kultusgemeinde-Präsident Marko M. Feingold, später der Grazer Kantor Richard Ames.

"Wir sind zwar nur eine kleine Initiative, aber unsere Bemühungen werden geschätzt und zeigen auch Früchte. Das gegenseitige Vertrauen zwischen Christen und Juden ist dadurch gewachsen", meint der derzeitige Präsident Helmut Nausner: "Eine erneuerte Theologie liegt in der Verantwortung der Kirchen, aber wir sind uns im Kampf gegen jegliche Form der Judenfeindschaft auch unserer gesellschaftlichen Wirksamkeit bewusst."

Wann wird der oder die erste Vorsitzende aus der jüdischen Gemeinde kommen? Bislang herrschte von jüdischer Seite im Vorstand eher Zurückhaltung in dieser Frage. Christlich-jüdische Erneuerung sei zuallererst eine Aufgabe der Kirchen und diese sollten dies auch vornehmlich repräsentieren, erzählt Nausner.

Religiöse Argumente

Das erste Ziel des Koordinierungsausschusses war, ein Memorandum zur "Darstellung des Judentums in der Katechese" zu erarbeiten. Dazu ging man im Stift Klosterneuburg in Klausur. "Ein von den Voraussetzungen des Alten Bundes isoliertes Christentum wäre undenkbar und häretisch. Da der Antisemitismus aber weiterhin mit religiösen Argumenten operiert, ist es eine vordringliche Aufgabe der christlichen Katechese, diese Argumente auf ihre Berechtigung hin zu überprüfen", heißt es in dem programmatischen Text.

Bei der Wiener Diözesansynode 1971 verfassten Kurt Schubert, Hedwig Wahle, Erika Weinzierl und Otto Mauer ein wegweisendes Leitbild für die christlich-jüdische Zusammenarbeit. 1972 rief der Koordinierungsausschuss seine Mitglieder dazu auf, die Zeuginnen und Zeugen aus aller Welt beim Kriegsverbrecherprozess gegen Franz Novak, Josef Ertl und Walter Dejaco zu betreuen.

Die Tätigkeitsbereiche sind heute wie damals ähnlich: Vorträge, Diskussionen, publizistische Arbeit, ab 1990 die Quartalsschrift Dialog-Du Siach und zuletzt - dank tatkräftiger Unterstützung von Fritz Voll, einem pensionierten Pastor in Kanada - der Auftritt im Internet: www.christenundjuden.org. Themen sind die Feier der Karwoche ohne Abwertung des Judentums oder die Abwehr folkloristischer Aneignung jüdischer Traditionen durch wohl meinende Christinnen und Christen.

Die "Großen" des christlich-jüdischen Gesprächs lud der Koordinierungsausschuss nach Wien ein - den jüdischen Theologen Schalom Ben Chorin, den Pionier christlich-jüdischer Verständigung, Johannes Oesterreicher, den jüdischen Dialogexperten Ernst Ludwig Ehrlich oder ICCJ-Präsidenten John T. Pawlikowski und den Pariser Kardinal Lustiger. Nachwuchsförderung wurde 1979 betrieben: Man wollte "Pauli Eisenberg" - so das Protokoll - kennen lernen und lud ihn zu einem Vortrag "Die Gottesfrage nach Auschwitz". Der Kontakt zum späteren Oberrabbiner ist bis heute bestens.

Die Kongregation der Sionsschwestern gab sich im Umfeld des Konzils neue Statuten: weg von der Judenmission hin zur christlich-jüdischen Verständigung. In vielen Ordensniederlassungen wurde ein "Informationszentrum im Dienst der christlich-jüdischen Verständigung" IDCIV eingerichtet, so 1967 auch durch Sr. Hedwig Wahle in Wien. 1990 schlossen die Sionsschwestern ihre Wiener Niederlassung, die Bibliothek ging in die Obhut des Koordinierungsausschusses über. Heute bietet diese in der Gentzgasse in Wien-Währing umfassende Informationen über das Judentum, christlich-jüdische Beziehungen und die vielen Aspekte der Judenfeindschaft.

Ein Stück Kirchengeschichte

Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf historische Denkmäler und kirchliche Kunst: Wie können sie Anstöße für eine Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses bieten. Der Anderl-von-Rinn-Kult oder der damalige Pfarrer Deckert-Platz in Wien, benannt nach dem antisemitischen Prediger des 19. Jahrhunderts, beschäftigten den Vorstand immer wieder. Seit 2000 ist der Koordinierungsausschuss organisatorische Drehscheibe für den "Tag des Judentums", den die christlichen Kirchen Österreichs alljährlich am 17. Jänner begehen. Für christliche Gäste am Synagogengottesdienst verfasste der Koordinierungsausschuss in den 80er Jahren ein Feierheft mit begleitenden Erklärungen, das heuer überarbeitet wurde.

"Die Geschichte des Koordinierungsausschusses ist der Beweis dafür, dass seine Gründung sinnvoll und notwendig war", blickt Kurt Schubert heute zurück. So ist der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein Stück österreichischer Kirchengeschichte geworden. Und hoffentlich auch ein Teil ihrer Zukunft. Viele christlich-jüdische Initiativen weltweit haben sich inzwischen dem abrahamitischen Dialog - Juden, Christen und Muslime - geöffnet.

Der Koordinierungsausschuss ist hier zurückhaltend. Helmut Nausner möchte das traditionelle Aufgabengebiet des Koordinierungsausschusses nicht gegen andere Bemühungen des interreligiösen Dialogs ausspielen: "Die Notwendigkeit der Beschäftigung mit dem Islam ist heute offensichtlich", meint er: "Doch gibt es zwischen Christen und Juden noch genügend Themen abzuarbeiten. Wir möchten mit unserer Arbeit auf die bleibende Notwendigkeit christlich-jüdischer Annäherung hinweisen." Denn noch sei man von einem Bewusstsein der Kirchen nach wie vor deutlich entfernt, zu dem Paulus im Römerbrief die Gläubigen aufrufe: "Ihr Heiden, freut euch mit seinem Volk!" (Röm 15,10)

Der Autor ist Theologe und seit 1996 Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

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