Islam
Religion

Ist der Islam „reformierbar“?

1945 1960 1980 2000 2020

Muslimische und christliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten sich auf die Suche nach Ausgangspunkten für Reformen oder eine Reformation in den sunnitischen Traditionen des Islam.

1945 1960 1980 2000 2020

Muslimische und christliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten sich auf die Suche nach Ausgangspunkten für Reformen oder eine Reformation in den sunnitischen Traditionen des Islam.

Die Debatten über „den Islam“ sind bisher vor allem von Extremen geprägt. Auf der einen Seite wird behauptet, dass eine Reformation im Islam sowieso unmöglich sei. Die Gegenseite meint in apologetischer Absicht, dass der Islam eine Reformation gar nicht benötige – denn er kenne keine Kirchenstrukturen oder die Probleme der muslimisch geprägten Gesellschaften hätten nichts mit dem Islam zu tun. Jenseits dieser Polemiken und Verzerrungen bemühte sich ein Team von Islamwissenschaftler(inne)n 2016 in Düsseldorf um eine differenziertere Betrachtung.

Die Ergebnisse des Symposiums im Zeichen der 500-Jahr-Feiern zur Reformation Luthers sind in vorliegendem Band festgehalten. Auf islamischer Seite kommen so genannte Reformmuslime wie etwa Mouhanad Khorchide oder Assem Hefny zu Wort, die die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Reform(ation) der sunnitischen Version islamischer Religiosität betonen, ohne dabei dessen Grundlagen in Frage stellen zu wollen. Die Probleme bei der Umsetzung dieses Programms werden vor allem von deutschsprachigen Islamwissenschaftlern wie Martin Riexinger oder Michael Kreutz und dem Historiker Jörn Rüsen in ausgezeichneten Beiträgen thematisiert. Riexinger verweist auf die sehr ungünstigen Startbedingungen, etwa die säkularen „Entwicklungsdiktaturen“ des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten sowie die Konzeption des sunnitischen Islam als Rechtsreligion. Er sieht den Reformmuslimen gleichsam über die Schulter: sie würden versuchen, die Bedeutung des rechtlichen Aspekts zu reduzieren oder herunterzuspielen. Der Bruch mit der Tradition wäre dabei allerdings zu groß, und sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, sunnitische Religiosität an die westlich geprägte Moderne inklusive Humanismus und personale Religiosität anzupassen. Riexinger nennt das die „Voluntarismusfalle“: die Auffassung, man könne in die Grundlagentexte einer Schriftreligion beliebige Elemente des herrschenden Zeitgeistes hineininterpretieren.

Reformen müssen „von innen“ kommen

Jörn Rüsen hält es für denkbar, dass sich der sunnitische Islam in Richtung „Kultur-Islam“ – analog zum Kultur-Protestantismus – entwickeln könne. Dieser könne allerdings nur „von innen“, aus dem Leben der Gläubigen, entstehen. Reformen wie jene Atatürks „von oben“ seien langfristig eher wenig erfolgreich. Für die europäische Entwicklung seit dem Humanismus und der Renaissance arbeitet Rüsen drei zentrale Aspekte heraus: die Pluralisierung der Religiosität, die Individualisierung des Glaubens sowie die „Rationalisierung der kulturellen Orientierung“. Moderne bedeutet dann: „Religiöse Subjektivität und säkulare Welt stehen sich nicht mehr als Gegensätze gegenüber, sondern die eine versteht die andere als Ort ihrer Bewährung und Verwirklichung.“

Auch Michael Kreutz hält Veränderungen für möglich, vertraut aber vor allem auf die Kräfte der Globalisierung, die gesellschaftlichen Wandel auch in sunnitisch geprägten Gesellschaften unvermeidlich mache. Im Gegensatz zum Christentum sei die islamische Welt nie mit einem vorislamischen Gesamtentwurf konfrontiert gewesen, wie Rémi Brague argumentiert habe. Fatale Auswirkungen habe schließlich der Triumph der schāfiitischen Rechtsschule über die Mu’tazila gehabt. Damit waren modernitätsfähige Konzepte wie die Willensfreiheit, eine eigenständigen Lehrmeinung oder die Rolle der persönlichen Ratio zurückgedrängt.

Die Debatten über „den Islam“ sind bisher vor allem von Extremen geprägt. Auf der einen Seite wird behauptet, dass eine Reformation im Islam sowieso unmöglich sei. Die Gegenseite meint in apologetischer Absicht, dass der Islam eine Reformation gar nicht benötige – denn er kenne keine Kirchenstrukturen oder die Probleme der muslimisch geprägten Gesellschaften hätten nichts mit dem Islam zu tun. Jenseits dieser Polemiken und Verzerrungen bemühte sich ein Team von Islamwissenschaftler(inne)n 2016 in Düsseldorf um eine differenziertere Betrachtung.

Die Ergebnisse des Symposiums im Zeichen der 500-Jahr-Feiern zur Reformation Luthers sind in vorliegendem Band festgehalten. Auf islamischer Seite kommen so genannte Reformmuslime wie etwa Mouhanad Khorchide oder Assem Hefny zu Wort, die die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Reform(ation) der sunnitischen Version islamischer Religiosität betonen, ohne dabei dessen Grundlagen in Frage stellen zu wollen. Die Probleme bei der Umsetzung dieses Programms werden vor allem von deutschsprachigen Islamwissenschaftlern wie Martin Riexinger oder Michael Kreutz und dem Historiker Jörn Rüsen in ausgezeichneten Beiträgen thematisiert. Riexinger verweist auf die sehr ungünstigen Startbedingungen, etwa die säkularen „Entwicklungsdiktaturen“ des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten sowie die Konzeption des sunnitischen Islam als Rechtsreligion. Er sieht den Reformmuslimen gleichsam über die Schulter: sie würden versuchen, die Bedeutung des rechtlichen Aspekts zu reduzieren oder herunterzuspielen. Der Bruch mit der Tradition wäre dabei allerdings zu groß, und sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, sunnitische Religiosität an die westlich geprägte Moderne inklusive Humanismus und personale Religiosität anzupassen. Riexinger nennt das die „Voluntarismusfalle“: die Auffassung, man könne in die Grundlagentexte einer Schriftreligion beliebige Elemente des herrschenden Zeitgeistes hineininterpretieren.

Reformen müssen „von innen“ kommen

Jörn Rüsen hält es für denkbar, dass sich der sunnitische Islam in Richtung „Kultur-Islam“ – analog zum Kultur-Protestantismus – entwickeln könne. Dieser könne allerdings nur „von innen“, aus dem Leben der Gläubigen, entstehen. Reformen wie jene Atatürks „von oben“ seien langfristig eher wenig erfolgreich. Für die europäische Entwicklung seit dem Humanismus und der Renaissance arbeitet Rüsen drei zentrale Aspekte heraus: die Pluralisierung der Religiosität, die Individualisierung des Glaubens sowie die „Rationalisierung der kulturellen Orientierung“. Moderne bedeutet dann: „Religiöse Subjektivität und säkulare Welt stehen sich nicht mehr als Gegensätze gegenüber, sondern die eine versteht die andere als Ort ihrer Bewährung und Verwirklichung.“

Auch Michael Kreutz hält Veränderungen für möglich, vertraut aber vor allem auf die Kräfte der Globalisierung, die gesellschaftlichen Wandel auch in sunnitisch geprägten Gesellschaften unvermeidlich mache. Im Gegensatz zum Christentum sei die islamische Welt nie mit einem vorislamischen Gesamtentwurf konfrontiert gewesen, wie Rémi Brague argumentiert habe. Fatale Auswirkungen habe schließlich der Triumph der schāfiitischen Rechtsschule über die Mu’tazila gehabt. Damit waren modernitätsfähige Konzepte wie die Willensfreiheit, eine eigenständigen Lehrmeinung oder die Rolle der persönlichen Ratio zurückgedrängt.

Für die Krise der islamischen Welt müssen andere, kulturelle Faktoren ursächlich sein, die – vielleicht nicht ausschließlich, aber doch wesentlich – mit der Religion im Zusammenhang stehen.

M. Kreutz

Stellvertretend für andere kommt Kreutz zu einem ausgewogenen Urteil über die Rolle der sunnitischen Religion und ihre Auswirkungen. „Für die Krise der islamischen Welt müssen … andere, kulturelle Faktoren ursächlich sein – die – vielleicht nicht ausschließlich, aber doch ganz wesentlich – mit der Religion im Zusammenhang stehen.“ Monokausale Erklärungsmodelle helfen auch in diesem Zusammenhang wenig. In diesem Sinne betont Assem Hefny die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen, von politischen Freiheiten und eines pluralen Islam-Verständnisses. So zentral diese Faktoren sind, sie scheitern meistens und wohl vor allem aus politischen Gründen an einer Umsetzung.

Defiziente Rahmenbedingungen

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang den Beitrag von Mona Ahmad Abuzaid „Reformation, Humanismus und Islam – Eine nahöstliche Perspektive“, der von Michael Kreutz aus dem Arabischen übersetzt wurde. Erfreulich ist – ganz im Sinne eines weltoffenen Reformislam – das Plädoyer für „Begegnung durch den interkulturellen Dia log“, für „Pluralismus im Glauben“ und die Suche nach einer „gemeinsamen Grundlage der Völkerverständigung“. Der Text selbst allerdings enttäuscht. Die verwendete Literatur ist völlig veraltet. Abuzaid verwendet größtenteils Literatur aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Auch eine Publikation aus dem Jahre 1927 (sic!) ist dabei. Aktuelle englischsprachige Literatur ist nicht vorhanden.

Die Darstellung des europäischen Humanismus ist auch aus diesem Grund sehr holzschnittartig und klischeebeladen. Dazu kommt eine Tendenz zum binären Denken: der Okzident stehe für Wissenschaft und Fortschritt, der Orient für Religion, Herz und Geist. Apologetische Tendenzen mischen sich mit dem, was Riexinger als „Essentialismusfalle“ bezeichnet: „Der Islam“ lehre die „volle Freiheit des Willens und der Meinung“. „Religiöse Unterdrückung“ kommt nur im Zusammenhang mit der lateinischen Kirche des Mittelalters und ihrem angeblichen Dogma der „Unfehlbarkeit“ vor und so weiter. Ich vermute, dass vor allem die von Hefny genannten Faktoren für diese Misere verantwortlich sind: defiziente institutionelle Rahmenbedingungen (etwa der Zugang zu relevanter Literatur), mangelnde politische Freiheiten und ein nicht vorhandenes plurales Islam-Verständnis. Einziger Schwachpunkt des Buches ist ein manchmal schlampiges Lektorat, etwa beim Beitrag von Martin Riexinger. Das stört das Lesevergnügen. Ansonsten ist es schade, dass Publikationen dieser Art keine Bestseller werden – sondern einfach gestrickte Polemiken wie jene von Thilo Sarrazin.

Der Autor ist Dozent und Lehrbeauftragter an der Universität Wien und arbeitet derzeit an einer Einführung in die Philosophie.

Islam - © Foto: Springer
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Buch

Reformation im Islam

Perspektiven und Grenzen
Von Jörgen Erik Klußmann, Michael Kreutz,
Aladdin Sarhan
Springer 2019
247 Seiten, kt.,
€ 34,99