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Ist die Bibel oder das Dogma der Maßstab?

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Auch die neue Einheitsübersetzung der Bibel richtet sich an vielen für das Verständnis Jesu Christi wichtigen Stellen - etwa im Johannesevangelium - nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der kirchlichen Lehre. Ein theologischer Gastkommentar.

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Auch die neue Einheitsübersetzung der Bibel richtet sich an vielen für das Verständnis Jesu Christi wichtigen Stellen - etwa im Johannesevangelium - nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der kirchlichen Lehre. Ein theologischer Gastkommentar.

Am 20. September 2016 wurde die neue Einheitsübersetzung der Bibel in der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich präsentiert, und seit Dezember letzten Jahres ist sie im Buchhandel erhältlich. Diese für die katholische Kirche im gesamten deutschen Sprachraum maßgebende Version des Alten und des Neuen Testaments wird auch die Grundlage für die Wiedergabe der biblischen Texte in den vorgesehenen neuen Ausgaben der liturgischen Bücher bilden.

In einer Aussendung des Katholischen Bibelwerks Stuttgart, das die Verantwortung für diese Neuausgabe trug, heißt es unter der Überschrift "Nah am griechischen Text":"An vielen Stellen folgt die neue Einheitsübersetzung dem griechischen Urtext genauer." Dieses Anliegen ist wichtig, weil im Trienter Konzil die sogenannte "Vulgata" - eine lateinische Version, um 400 entstanden durch eine Überarbeitung altlateinischer Texte durch Hieronymus, die gerade in den Aussagen über Jesus Christus bereits unter dem Blickwinkel der nachbiblischen dogmatischen Lehre erfolgt war - für "authentisch" erklärt wurde. Die neue Überarbeitung musste die Vorschrift der römischen Instruktion "Liturgiam authenticam" aus dem Jahr 2001 befolgen, bei Übersetzungen der Heiligen Schrift für den liturgischen Gebrauch die inzwischen überarbeitete Version der Vulgata, die "Nova Vulgata", heranzuziehen, und wurde anschließend noch von Rom überprüft. Deshalb hatten sich die evangelischen Kirchen aus der Mitarbeit an diesem Projekt zurückgezogen. Dabei spielte allerdings auch eine Rolle, dass auf protestantischer Seite an der "Neuen Lutherbibel" gearbeitet wurde, die dann fast gleichzeitig erschien.

"...und göttlich war das Wort"

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war zu Gott hin, und göttlich war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott." So beginnt das Johannesevangelium im sogenannten Prolog in wortgetreuer Übersetzung. Dieser gilt als wichtiger Beleg für die kirchlich-dogmatische Lehre über Jesus Christus und wird am Christtag als Evangelium verlesen. In der neuen Einheitsübersetzung heißt es aber wieder wie bisher: "und das Wort war Gott", als ob dieses "Wort" ein eigenes -zweites - göttliches Wesen wäre. Im Urtext steht das Wort "Gott" jedoch ohne Artikel, und das bedeutet nach den Regeln der griechischen Grammatik, dass es mit "göttlich" wiederzugeben ist. Es handelt sich also hier nicht um ein eigenes göttliches Wesen bei Gott, das dann Mensch geworden wäre, sondern um das wirkmächtige Sprechen Gottes; vgl. im Bericht von der Berufung des Propheten Jeremias: "Das Wort des HERRN erging an mich" (Jer 1,4). Und im Buch des Propheten Jesaja sagt Gott über das "Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will"(Jes 55,11). Dieses Wort gehört zu Gott.

Von diesem "Wort" - der griechische Begriff "Logos" ist männlich - ist im Prolog weiterhin die Rede, auch nach seiner Beschreibung als Ort des Lebens und damit des Lichtes der Menschen sowie nach dem folgenden späteren Einschub (Verse 6-8) über Johannes als den Zeugen dieses Lichts. Auf jeden Fall ist von diesem "Wort" aber in den folgenden Versen die Rede, weil dort nicht mehr "das Licht" gemeint sein kann, das im Griechischen sächlich ist. In der Vulgata wurde jedoch im Vers 10 für "das Wort" ein "Er" eingesetzt, und damit war schon Jesus Christus gemeint, der auf diese Weise für identisch mit dem göttlichen Wort erklärt wurde, obwohl von ihm noch keine Rede war.

"Und das Wort wurde gegenwärtig in Menschen und nahm Wohnung in uns, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit gleichsam eines Einzigartigen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." - So lautet der zentrale Satz des Prologs in einer gut begründbaren Übersetzung. Diese Aussage wird schon in den Versen 12 f. vorbereitet, wo davon die Rede ist, dass alle, die "das Wort" aufnahmen, Kinder Gottes werden konnten. Was hier als bei den Aufnahmebereiten schon realisierte Möglichkeit beschrieben wurde, hat sich nun laut Vers 14 auch bei den Jüngerinnen und Jüngern der Johannesgemeinde -"in uns" - erfüllt. Mit "Fleisch" ist in der Bibel nicht ein einzelner Mensch, hier also nicht Jesus Christus, gemeint, sondern es steht generell für "Menschen". Auch in der neuen Einheitsübersetzung heißt es in Lk 3,6: "Und alle Menschen werden das Heil Gottes sehen", wo im griechischen und lateinischen Text steht: "Alles Fleisch wird schauen Gottes Heil". In Joh 1,14 sind mit "Fleisch" aber nicht alle Menschen gemeint, sondern jene, in denen das Wort erschienen ist. Wie bei Justin und bei anderen frühchristlichen Autoren wie jenem des Barnabasbriefs und Tatian bedeutet "werden" hier so viel wie "erscheinen in " oder "gegenwärtig werden in ", ohne das zu werden, in dem es gegenwärtig wurde; etwa bei Aussagen über die Erscheinung des göttlichen Logos im brennenden Dornbusch (nach Ex 3). Und die Herrlichkeit des Wortes ist die "eines Einzigartigen vom Vater", nicht die "des Einziggeborenen", wie in der Vulgata unrichtig übersetzt wurde, und damit auch nicht die "des einzigen Sohnes", wie es im Deutschen steht. Mit dem griechischen Wort für "einzigartig" wird im Alten Testament auch Isaak bezeichnet (Gen 22,2.12.16), der nicht der einzige Sohn Abrahams war, sondern einer von sieben, aber der Sohn der Verheißung, insofern der einzigartige.

"Herr", aber nicht "der Herr"

Im darauf folgenden nachträglichen Einschub (Vers 15), der Jesus aus der Sicht von Johannes dem Täufer beschreibt, ist bereits von Jesus Christus die Rede, in dem das Wort erschien. Aber in den nächsten Versen wird wieder an Vers 14 angeschlossen: "Denn aus seiner [des Wortes] Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus." Christus wird hier mit Mose verglichen, der entscheidende Unterschied besteht darin, dass durch ihn nicht das Gesetz gegeben wurde, sondern die Gnade und Wahrheit -des Wortes, vgl. Vers 14 -kamen. Auch im Vers 18 ist vom "göttlichen Einzigartigen" die Rede, vom Wort, das "auf den Schoß des Vaters hin ist"(vgl. Vers 1), also zu Gott, dem Vater, gehört und von ihm, den niemand je gesehen hat, Kunde brachte.

In Joh 17,3 wird diese Unterscheidung zwischen dem einzigen wahren Gott und seinem Sohn Jesus Christus, dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern und Schwestern (vgl. Röm 8,29), bestätigt: "Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und [den,] den du gesandt hast, Jesus Christus." Wichtig ist auch die Aussage Jesu: "Der Vater ist größer als ich"(Joh 14,28). Als Argument für die Göttlichkeit Jesu wird dagegen oft der Ruf des Thomas "Mein Herr und mein Gott" (Joh 20,28) angeführt. Doch dieser ist in einem funktionalen Sinn zu verstehen: Thomas begegnet Gott durch Jesus, dieser ist deshalb "sein Herr und sein Gott", aber nicht "der Herr und Gott" schlechthin, das ist und bleibt der eine Gott. Bereits im Buch Exodus ist davon die Rede, dass Mose für seinen Bruder Aaron (4,16) und für den Pharao (7,1)"Gott sein" werde. Das gilt natürlich erst recht für Jesus, durch den "die Gnade und Wahrheit" des göttlichen Wortes kam: Er ist "unser/mein Herr" oder einfach "Herr", aber nicht "der Herr", das ist Gott.

"Warum nennst du mich gut?"

Diese Belege sollten genügen, um aufzuzeigen, dass Jesus Christus auch im Johannesevangelium nicht als eine zweite göttliche Person verstanden wird, sondern als der von Gott auserwählte und gesandte Messias, durch den die Gnade und die Wahrheit des göttlichen Wortes und Wirkens in der Welt erfahrbar wurden. Aus den synoptischen Evangelien sei hier nur die Reaktion Jesu auf die Anrede des reichen Mannes, der ihn "guter Meister" genannt hatte, zitiert: "Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott" (Mk 10,18). Die Kirche müsste sich in ihrer Lehre an diese biblischen Texte halten, anstatt die Bibel dem Dogma anzugleichen.

Literaturhinweis Paul Weß: Wahrer Mensch vom wahren Gott. Für eine Revision der dogmatischen Christologie. In: Salzburger Theologische Zeitschrift 14 (2010) 268-296.

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