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"JE BANALER, desto besser"

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Der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann wünscht sich Theologen, die auch an scheinbar oberflächlichen Orten wirken.

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Der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann wünscht sich Theologen, die auch an scheinbar oberflächlichen Orten wirken.

Als Leiter des Zentrums für Pastoralforschung (ZAP) in Bochum fragt Matthias Sellmann nach der Zukunftsfähigkeit von Theologie und Kirche. Zentral ist für ihn die Frage, wie Christsein unter den Chancen der Moderne wieder wirksam werden kann. Die FURCHE bat den Pastoraltheologen am Rande des "Tages der Theologie" an der Universität Graz zum Gespräch.

DIE FURCHE: Sie fordern, dass die Kirche zu einer Partnerin moderner Lebensentwürfe wird. Katholisch ist für Sie ein Synonym für "höflich","gewitzt" und "überraschend nützlich". Das klingt vielversprechend, aber doch fremd.

Matthias Sellmann: In dieser ungewöhnlichen Sprache steckt die Idee, theologischabstrakte Formulierungen zu präzisieren. Wenn ich zu meinem Nachbarn sage "liebt einander", dann kann er wenig damit anfangen. Diese drei Begriffe beschreiben, wie wir als Christen sein wollen. Gewitzt heißt, originell zu sein und aus einer Quelle zu schöpfen, die nicht jeder hat. Höflich meint, dass Christen Respekt vor den Lebensleistungen anderer Menschen haben. Und im Letzten müssen Christen auch attraktiv wahrnehmbar sein. Es ist wichtig, gemeinsam mit anderen an einem Problem zu arbeiten und dadurch nützlich zu sein.

DIE FURCHE: Nun sind die Erwartungen der Gesellschaft an die Theologie heute sehr gering. In welchen Bereichen können theologische Akteure noch nützlich sein?

Sellmann: Statistiken zeigen, dass theologische Expertise vor allem in drei Bereichen gefragt ist. Einer der wichtigsten Felder, in denen wissenschaftliche Theologie nützlich sein kann, ist die kulturelle Werte-Moderation, die sich gerade in der Flüchtlingsfrage zeigt. Hinzu kommt der ganze Bereich der Angewandten Ethik, von der Bioethik über die Neuroethik bis zur Ökonomischen Ethik. Der dritte Bereich ist die Personalentwicklung in Unternehmen. Theologen besitzen Softskills, die für dieses Aufgabenfeld wichtig sind. Man muss sich aber die Frage stellen, ob allein dadurch die Dynamiken des christlichen Glaubens erreicht werden. Braucht es für diese geforderten Bereiche der Theologie einen trinitarischen Gottesbezug Jesu Christi, die Idee einer geschaffenen Welt oder die Vorstellung eines todüberwindenden ewigen Lebens?

DIE FURCHE: Wie kann es der Kirche gelingen, dass ihre zentrale Botschaft für die Menschen wirksamer wird?

Sellmann: Dazu braucht es zunächst eine gut organisierte Kirche, damit Christen hochqualitativ ihren kulturellen Beitrag geben können. Essenziell sind auch der Mut und die Lust, sich dem Fremden auszusetzen. Die mentale Einstellung der Kirche macht mir teilweise echt Sorgen: Christen dürfen nicht als die Bremser, Mahner und Zaungäste gelten, die immer nur von den anderen erzählen, die etwas Interessantes machen. Wenn Christen in Beziehung zu ihrem Gott bleiben wollen, dann geht das nicht an der Welt vorbei. Vielmehr gilt das schöne Motto meines Wiener Kollegen Paul Zulehner: In die Welt abtauchen, um bei Gott aufzutauchen -und umgekehrt natürlich.

DIE FURCHE: Sie setzen sich in diesem Zusammenhang für eine Journalistische Theologie ein, die neben der klassisch-akademischen Theologie bestehen soll. Was kann man sich darunter vorstellen?

Sellmann: Dieser Begriff passt mit Sicherheit in kein theologisches Lehrbuch. Mir geht es um eine neue zu entdeckende Methode, mit der Theologie zu ihren Erkenntnissen kommt. Aus den klassischen Erkenntnisquellen, wie das Lesen der Bibel, die Geschichten der Dogmen oder die Praxis des Betens ist eine akademische Sprache über Gott entstanden, die sich sehr weit entfernt hat von dem banalen Leben der Menschen. Das ist für eine Wissenschaft ja auch normal. Aber Theologie ist natürlich immer kirchlich verortet, daher muss man aufpassen, dass insgesamt die Verständlichkeit nicht leidet. Theologen sollten nicht nur Kenner der alten Schriften sein, sondern genauso Reporter des Neuen.

DIE FURCHE: Wie kommt die Journalistische Theologie zu Erkenntnissen?

Sellmann: Eine Journalistische Theologie verbindet die Gewinnung von Erkenntnissen mit der Nähe zum Geschehen. Natürlich lesen journalistische Theologen Modezeitschriften. Darin werden Schönheitsstandards definiert, die ich als Theologe wissen muss. In Tätowier- und Nagelstudios, an der Börse oder auf der Mailänder Modenschau - überall dort, wo heute Modernität definiert wird, müssen journalistische Theologen herumschnüffeln. Ich muss nicht jede Neuigkeit toll finden, aber es geht darum, dabei zu sein, ohne die Geschehnisse gleich zu beurteilen. Nichts Menschliches ist einer journalistischen Theologie fremd. Erst wenn wir möglichst überall präsent sind, werden wir merken, ob und wenn ja wie sich heute die Gottesfrage auftut.

DIE FURCHE: Müsste nicht aus theologischer Sicht der Besuch einer Modenschau abgelehnt werden, da dort Geld und Oberflächlichkeit im Vordergrund stehen?

Sellmann: Warum soll mich etwas Ökonomisches als Theologe abschrecken? Was ist schlimm an Oberfläche? Wir reden hier über Millionen von Leuten, deren Leben locker neunzig Prozent aus Gewöhnlichkeit besteht - unseres doch auch. Wenn ich mich aus dem sogenannten "Oberflächen" ausklinke, dann kicke ich mich selber aus einem der größten Erfahrungsbereiche des Lebens heraus. Ich muss als Theologe dort sein, wo alle sind und wo man sich über das Schöne, Wahre und Gute verständigt, das gelten soll. Wo steht, dass Theologie nur dort Informationen bezieht, wo es schwer, tragisch und komplex ist? Mit Designern und Leuten aus der Modebranche hatte ich schon so viele überraschende Begegnungen und ehrliche Gespräche. In diesen habe ich mehr gelernt als aus manchem Buch. Außerdem erzielt man dort echtes und respektvolles Aufsehen, wenn man sagt: Ich komme von der Kirche.

DIE FURCHE: Was würden sie Kritikern antworten, die behaupten diese Form von Theologie sei nicht wissenschaftlich?

Sellmann: Die Idee dieser Form der Theologie ist mit der Arbeitsweise der Ethnologie vergleichbar, die sehr stark auf teilnehmende Beobachtung und Felderkundung setzt. Insofern kann dieser Ansatz schon als wissenschaftlich bezeichnet werden. Vom üblichen Wissenschaftsverständnis der Theologie her ist dieser Zugang sicher umstritten. Es ist mir auch wichtig, zu sagen, dass die klassisch-akademische Theologie natürlich weiterhin bestehen bleiben sollte. Die Arbeit am Diskurs und an der Tradition sind unersetzbar. Das Journalistische tritt als zweiter Lungenflügel hinzu, der das Prozesshafte markiert. Ich würde meinen Kritikern auch selbstbewusst rückfragen: Wenn sich Theologie nicht anderen Orten öffnet und dem ihr Fremden ausliefert - welchen Sinn hat dann das, was ihr Wissenschaftlichkeit nennt?

Das Gespräch führte Thomas Klamminger

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