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Jedem ein Recht auf seinen Platz im Leben

1945 1960 1980 2000 2020

Was ist heute Fortschritt? Zwar muß Fortschritt als Begründung für unser Tun herhalten, aber unklar ist sein Ziel, unklar die Vorstellung vom guten Leben.

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Was ist heute Fortschritt? Zwar muß Fortschritt als Begründung für unser Tun herhalten, aber unklar ist sein Ziel, unklar die Vorstellung vom guten Leben.

DIEFüRCHE: Für Sie scheint heute Philo-sophie Theorie der Moderne zu sein. Diese ist ein europäisches Projekt, das die ganze Menschheit in seine Dynamik gerissen hat Beginnt sie nun das Gesicht des Planeten irreversibel zu verändern? robert spaemann: Die Frage nach der richtigen Weise zu leben, wird zu einer Frage, die überall in der Welt immer mehr auf ähnliche Weise gestellt und nach ähnlichen Maßstäben beantwortet wird. Der Gedanke einer progressiven Unterwerfung der Natur unter die Bedürfnisse des Menschen nimmt inzwischen die Form an, daß der Mensch seine eigene Natur in Verwaltung zu nehmen beginnt. Die Möglichkeit der Genmanipulation, der Klonierung, ist wohl die extremste, der Versuch, alles Gegebene und Vorauszusetzende hinter sich zu lassen. Es ist paradox: Alles in den Griff des Menschen zu nehmen, dann aber den Menschen, der alles in den Griff nimmt, selbst zum Objekt zu machen, das in den Griff genommen wird, so-daß am Ende kein Subjekt mehr übrig bleibt, das etwas in den Griff nimmt.

OIeFüRCHE: Eine unausweichliche Logik?

Spaemann: Die funktionale Betrachtung ist die moderne Betrachtungsweise. Das heißt: jede Lebensäußerung nicht unmittelbar für das zu neh men, was sie ist, sondern sie zu interpretieren einerseits mit Blick auf ihre naturalen Funktionen, also eine materialistische Interpretation, andererseits sie zu interpretieren auf ihren Nutzen und ihre Funktion für eine Steigerung des Wohlbefindens der Menschen. Das ist charakteristisch für diese Denkweise. Wollte man sie negativ charakterisieren, müßte man Charles Peguy zitieren: „Modernismus heißt nicht glauben, was man glaubt”. Die Menschen glauben allerhand, aber gleichzeitig sagen sie: Niemand soll denken, er hätte die Wahrheit, seine Überzeugungen wären wahrer als die anderer Menschen. Das heißt im Grunde, du darfst gar keine Überzeugungen haben, du darfst Meinungen haben, aber nicht einmal Meinungen, du darfst gefühlsmäßige Geneigtheiten haben zu dieser oder jener Ansicht. Aber du darfst nicht denken, das hätte irgendetwas mit Wahrheit zu tun ...

DIEFURCHE: Steht das in Beziehung zur Wertschätzung der Toleranz? Sl'aemann: Ich bin auch überzeugt, daß Toleranz ein Wert ist, aber die Leute, die den Belativismus damit begründen, daß er die Toleranz gefährde, gefährden natürlich selbst die Toleranz. Denn Toleranz beruht auch auf einer Überzeugung von der Würde des Menschen. Wenn diese Überzeugung zur Disposition steht, dann heißt es, man darf überhaupt nichts für unverhandelbar halten. Und das steht im Gegensatz zu dem, was Peguy Modernismus nannte. Die Moderne interpretiert natürlich auch die Religion funktionalistisch. Ich erinnere mich an ein Wort von A. Sinja-wski, dem russischen Satiriker A. 'Terz, der aus dem Gulag in seinem lagebuch einmal schreibt: Man soll an Gott glauben, nicht weil es wohltuend und heilsam für die Seele ist, sondern aus dem einfachen Grunde, weil es Gott gibt. Aber das ist keine wissenschaftliche Betrachtungsweise und schon gar keine moderne.

DIEFliRCHE: Das Wort Fortschritt bedarf immer eines Maßstabes, an dem gemessen ein bestimmter Fortschritt eine Verbesserung ist Was ist charakteristischfür den modernen Forschritt? spaemann: Daß er ohne einen solchen Bezugspunkt benutzt wird und auch nicht mehr im Plural benutzt wird: Fortschritte in dieser oder dieser Hinsicht, sondern daß man von dem Fortschritt der Menschheit spricht, das scheint mir ein ganz unsinnniger Gedanke zu sein, denn er verzichtet darauf, überhaupt einen Maßstab zu nennen. Dabei wird die Frage nach dem, was ein gutes Leben des Menschen ist, gar nicht gestellt. Es ist lediglich eine vage Weise, stets größere Wahrheitsspielräume eröffnen zu wollen, so als wäre es ein Fortschritt, wenn ich auf einer Speisekarte nicht zehn, sondern 150 Speisen zur Auswahl habe. Schön! Bei der Genmanipulation sagt man noch, man kann bestimmte Krankheiten eliminieren, darüber will ich jetzt nicht diskutieren. Es geht grundsätzlich um die Frage: Wollen wir Menschen machen? Wenn wir Menschen machen wollen, dann ist die Frage: Wer ist hier wir? Bis jetzt wird der Mensch von der Natur gemacht. Wenn bestimmte Menschen andere Menschen machen, dann machen sie diese nach ihren Kriterien dessen, was ein gelungener Mensch ist. Aber woher nehmen wir eigentlich solche Maßstäbe? Es könnte ja sein, daß unsere Maß Stäbe vielleicht Menschen in künftigen Generationen überhaupt nicht mehr einleuchten. Was heißt es, Menschen züchten? Es heißt, daß ganz bestimmte begrenzte Maßstäbe, dazu dienen, die künftige Menschheit zu strukturieren. Darin sehe ich eine Katastrophe.

DIEFURCHE: Können Sie das näher ausführen?

spaemann: Die Würde des Menschen hängt an seiner Naturwüchsigkeit. Das beginnt mit der in vitro-Fertilisation. Mir scheint schon die Züchtung des Menschen in der Betörte verhängnisvoll, weil hier Menschen gemacht werden. Um einen Menschen zu machen, brauche ich einen ausrei chenden Grund, einen Menschen ins Leben zu setzen. Nun könnte man sagen, wir setzen immer Menschen ins Leben. Ja, weil es die Natur so eingerichtet hat, daß, wenn ein Mann und eine Frau zusammen schlafen und sie es nicht darauf anlegen, es zu verhindern, daß neues Leben gezeugt wird. Gottfried Benn sagt einmal: „Denkt doch nicht, daß ich an euch dachte, als ich mit eurer Mutter ging. Ihre Augen wurden immer so schön bei der Liebe.” Was soll eigentlich ein Vater oder eine Mutter einem in der Betörte hergestellten Kind sagen, wenn dieses ein verzweifeltes Leben hat - was ja Das sieren kann - und sagt: „Warum habt ihr mich ins Leben gebracht?” Was soll ich darauf antworten? Ich wollte unbedingt ein Kind haben. Ja! „Und jetzt hast du's”, sagt dieses unglückliche Kind. Wenn es auf natürliche Weise gezeugt wurde, kann ich ihm antworten: „Mein liebes Kind, darauf habe ich keine Antwort und ich brauche sie auch nicht zu haben, denn du bist auf die gleiche Weise zur Welt gekommen wie ich, nämlich von Natur. Wir haben denselben Ursprung, du bist nicht mein Geschöpf, sondern w i i sind alle die Geschöpfe Gottes oder der Natur oder ... Du kannst mich höchstens fragen, warum habt ihr nicht verhindert, ein Kind zu kriegen?” Darauf kann ich antworten: „Dazu hatte ich damals keinen ausreichenden Grund.” Ich habe keine absolute Begründungspflicht, wie ich auch den 'Tod eines Menschen nicht begründen kann und ihn deshalb nicht töten darf. Das scheint mir das stärkste Argument zu sein gegen die Herstellung von Menschen in der Retorte.

DIEFliRCHE: Was meinen wir, wenn wovon Personen sprechen!' Sind alle Menschen jemand? Peter Singer bestreitet dies und spricht kleinen Kindern sowie geistig schwer Behinderten das Person sein ab. Sie haben in ihrem Buch „Personen ” Ihren energischen Stellungnahmen in der öffentlichen Debatte die theoretische Grundlage gegeben. Sl'aemann: Person ist kein Artbegriff sondern die Weise, wie Individuen der Art „Mensch” sind. Sie sind so, daß jeder von ihnen in der Personengemeinschaft, die wir „Menschheit” nennen, einen unverwechselbaren Platz einnimmt und nur als Inhaber dieses Platzes werden sie als Personen von jemandem, der selbst einen solchen Platz einnimmt, wahrgenommen. Wenn wir die Zuerkennung eines solchen Platzes von der Erfüllung bestimmter qualitativer Bedingungen abhängig machen, haben wir die Ünbedingtheit des Anspruchs zerstört. Wer diesen Platz einnimmt, nimmt ihn ein als geborenes, nicht als kooptiertes Mitglied der Menschheit. Personenrechte werden nicht verliehen und nicht zuerkannt, sondern von jedem mit gleichem Recht in Anspruch genommen. Es kann und darf nur ein einziges Kriterium für Personalität geben: Die biologische Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht. Darum können auch Anfang und Ende der Existenz der Person nicht getrennt werden vom Anfang und Ende des menschlichen Lebens. I )ie Person ist der Mensch und nicht eine Eigenschaft des Menschen.

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