Digital In Arbeit
Religion

Jeder Arbeiter ist ersetzbar

1945 1960 1980 2000 2020

"Eine Utopie für die digitale Gesellschaft" entwirft Richard David Precht in seinem jüngsten Buch "Jäger, Hirten, Kritiker". Die FURCHE ließ sich inspirieren und wirft einen Blick in die nahe (Arbeits-)Zukunft.

1945 1960 1980 2000 2020

"Eine Utopie für die digitale Gesellschaft" entwirft Richard David Precht in seinem jüngsten Buch "Jäger, Hirten, Kritiker". Die FURCHE ließ sich inspirieren und wirft einen Blick in die nahe (Arbeits-)Zukunft.

Menschenleere Lagerhallen, selbstfahrende Autobusse und Roboter, die Pflegeleistungen durchführen - was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden, und jede Tätigkeit, deren Routinen algorithmierbar sind, sind ersetzbar. Die (Arbeits-)Welt steht Kopf.

Der Philosoph Richard David Precht sieht in der Digitalisierung die größte Zäsur der letzten 250 Jahre: Die Ära einer klassischen bürgerlichen Leistungsgesellschaft würde zu Ende gehen und durch ein zweites Maschinenzeitalter ersetzt werden, wird er nicht müde zu betonen: auf Podiumsdiskussionen, in Talkshows und in seinem jüngsten Buch "Jäger, Hirten, Kritiker". Hätte die industrielle Revolution lediglich die menschliche Hand durch Maschinen ersetzt, so ginge es nun um nichts weniger, als das menschliche Gehirn durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Macht das Angst? Ja.

Die Zustände, die die industrielle Revolution unmittelbar bedingt hat, prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, konnten erst nach langem Ringen zu dem Wohlstand führten, den wir heute kennen. Heute sehen wir den langen dunklen Schatten der Digitalisierung schon um die Ecke biegen. Kann man ihn aufhalten? Weniger. Gestalten? Unbedingt. Soweit, so Precht.

Von dieser Prämisse ausgehend, wirft der Philosoph in seinem jüngsten Werk "Jäger, Hirten, Kritiker" einen Blick in die nahe Zukunft, fatalistisch, drastisch und leidenschaftlich.

Dass das bedingungslose Grundeinkommen im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung in irgendeiner Form eingeführt werden wird, sieht Precht dabei als gegeben an. Seine Argumentation, vereinfacht gesagt: ohne Arbeit kein Einkommen, ohne Einkommen keine Kaufkraft und in weiterer Folge keine Pensionen. Die Produktion indes läuft und läuft -und läuft immer effektiver. "Die Digitalisierung ist die radikalste Spielart des Kapitalismus", behauptet Precht. Er sieht es als wahrscheinlich, dass die Digitalisierung die Produktivität gewaltig beflügeln wird, die Zahl der Beschäftigten aber nicht steigt. Die Krux neuer digitaler Geschäftsmodelle läge aber vor allem darin, dass sie gar nichts mehr produzieren. Geschäfte über eine Plattform zu machen, statt über herkömmliche Firmen oder Banken, erzeugt keinen Mehrwert. Schon heute hat You-Tube im Vergleich zu seinen Gewinnen kaum Angestellte: keine hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen es sein, bei einem Umsatz von mehreren Milliarden Keine Kleinigkeit also, diese neue Arbeitswelt.

Die großen zeitnahen Veränderungen sieht nicht nur Precht kommen, viele Studien belegen, was wir im Alltag ohnehin beobachten: Digitalisierung kostet Arbeitsplätze. Dazu tragen mehr bei, als uns mitunter bewusst ist: Drucken wir nicht alle unsere Flugtickets aus oder haben wir sie gar als Download am Smartphone statt uns beim Schalter anzustellen? Nutzen wir nicht schon längst die Selbstbedienungskassa im Supermarkt? Und, Hand aufs Herz, wer hat noch nie bei Amazon bestellt anstatt im Laden um die Ecke einzukaufen?

Während Expertinnen und Experten diskutieren, welche Arbeitsplätze in welcher Gesellschaftsschicht in welcher Geschwindigkeit wegdigitalisiert werden, galoppiert Precht schon einige Meilen weiter. "Wir dekorieren die Stühle auf der Titanic um", schreibt Precht und unterstellt dem Zeitgeist, er würde den Kopf in Sand stecken.

Es braucht Mut -und Reglementierung

Die Zukunft, sagt Precht, wird in den nächsten zehn Jahren entschieden werden und die Gefahr, dass Konzerne wie Google uns diese Entscheidungen abnehmen werden, schätzt er als real ein. Die Errungenschaften der Aufklärung könnten schon in Kürze passé sein. Precht fordert deshalb neben einem grundlegenden Umbau des Sozialsystems vor allem klare Regulierungen in allen Belangen der digitalen Privatsphäre und eine weitreichende Kontrolle und Reglementierung von Geschäftsmodellen der künstlichen Intelligenz, insbesondere in ethisch sensiblen Bereichen.

Sind einige Thesen Prechts auch umstritten, in der Essenz darf man ihm recht geben: der technologische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, die Weichen für die digitale Zukunft müssen rasch gestellt werden. Wie kann, wie soll sich eine Gesellschaft entwickeln, die sich aus langer Tradition vorwiegend über Leistung und Lohnarbeit definiert, wenn es eines Tages keine oder kaum Lohnarbeit mehr gibt? Was kann neue Identitäten schaffen? Ein arbeitsloser Autobusfahrer wird sich nicht zum IT-Spezialisten umschulen können, er wird auch nicht plötzlich Maler oder Dichter.

"Der Pessimist", schreibt Precht, "benötigt nur genug von seinesgleichen, um sicher recht zu behalten." Der Optimist jedoch brauche Mut. Den will er uns zusprechen und plädiert für einen hermeneutischen Blick: Konkrete Bilder können die digitale Revolution und ihre weitreichenden Folgen als gestaltbare Zukunft wahrnehmbar machen und Handlungsspielräume aufzeigen. Ob nun Dystopie oder Utopie? Die Entscheidung liegt in unsere Hand, sagt Precht. Reisen Sie mit: Wir schreiben den 7. Februar 2040. Die Autorin dieser Zeilen ist 59 Jahre alt.

Menschenleere Lagerhallen, selbstfahrende Autobusse und Roboter, die Pflegeleistungen durchführen - was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden, und jede Tätigkeit, deren Routinen algorithmierbar sind, sind ersetzbar. Die (Arbeits-)Welt steht Kopf.

Der Philosoph Richard David Precht sieht in der Digitalisierung die größte Zäsur der letzten 250 Jahre: Die Ära einer klassischen bürgerlichen Leistungsgesellschaft würde zu Ende gehen und durch ein zweites Maschinenzeitalter ersetzt werden, wird er nicht müde zu betonen: auf Podiumsdiskussionen, in Talkshows und in seinem jüngsten Buch "Jäger, Hirten, Kritiker". Hätte die industrielle Revolution lediglich die menschliche Hand durch Maschinen ersetzt, so ginge es nun um nichts weniger, als das menschliche Gehirn durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Macht das Angst? Ja.

Die Zustände, die die industrielle Revolution unmittelbar bedingt hat, prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, konnten erst nach langem Ringen zu dem Wohlstand führten, den wir heute kennen. Heute sehen wir den langen dunklen Schatten der Digitalisierung schon um die Ecke biegen. Kann man ihn aufhalten? Weniger. Gestalten? Unbedingt. Soweit, so Precht.

Von dieser Prämisse ausgehend, wirft der Philosoph in seinem jüngsten Werk "Jäger, Hirten, Kritiker" einen Blick in die nahe Zukunft, fatalistisch, drastisch und leidenschaftlich.

Dass das bedingungslose Grundeinkommen im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung in irgendeiner Form eingeführt werden wird, sieht Precht dabei als gegeben an. Seine Argumentation, vereinfacht gesagt: ohne Arbeit kein Einkommen, ohne Einkommen keine Kaufkraft und in weiterer Folge keine Pensionen. Die Produktion indes läuft und läuft -und läuft immer effektiver. "Die Digitalisierung ist die radikalste Spielart des Kapitalismus", behauptet Precht. Er sieht es als wahrscheinlich, dass die Digitalisierung die Produktivität gewaltig beflügeln wird, die Zahl der Beschäftigten aber nicht steigt. Die Krux neuer digitaler Geschäftsmodelle läge aber vor allem darin, dass sie gar nichts mehr produzieren. Geschäfte über eine Plattform zu machen, statt über herkömmliche Firmen oder Banken, erzeugt keinen Mehrwert. Schon heute hat You-Tube im Vergleich zu seinen Gewinnen kaum Angestellte: keine hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen es sein, bei einem Umsatz von mehreren Milliarden Keine Kleinigkeit also, diese neue Arbeitswelt.

Die großen zeitnahen Veränderungen sieht nicht nur Precht kommen, viele Studien belegen, was wir im Alltag ohnehin beobachten: Digitalisierung kostet Arbeitsplätze. Dazu tragen mehr bei, als uns mitunter bewusst ist: Drucken wir nicht alle unsere Flugtickets aus oder haben wir sie gar als Download am Smartphone statt uns beim Schalter anzustellen? Nutzen wir nicht schon längst die Selbstbedienungskassa im Supermarkt? Und, Hand aufs Herz, wer hat noch nie bei Amazon bestellt anstatt im Laden um die Ecke einzukaufen?

Während Expertinnen und Experten diskutieren, welche Arbeitsplätze in welcher Gesellschaftsschicht in welcher Geschwindigkeit wegdigitalisiert werden, galoppiert Precht schon einige Meilen weiter. "Wir dekorieren die Stühle auf der Titanic um", schreibt Precht und unterstellt dem Zeitgeist, er würde den Kopf in Sand stecken.

Es braucht Mut -und Reglementierung

Die Zukunft, sagt Precht, wird in den nächsten zehn Jahren entschieden werden und die Gefahr, dass Konzerne wie Google uns diese Entscheidungen abnehmen werden, schätzt er als real ein. Die Errungenschaften der Aufklärung könnten schon in Kürze passé sein. Precht fordert deshalb neben einem grundlegenden Umbau des Sozialsystems vor allem klare Regulierungen in allen Belangen der digitalen Privatsphäre und eine weitreichende Kontrolle und Reglementierung von Geschäftsmodellen der künstlichen Intelligenz, insbesondere in ethisch sensiblen Bereichen.

Sind einige Thesen Prechts auch umstritten, in der Essenz darf man ihm recht geben: der technologische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, die Weichen für die digitale Zukunft müssen rasch gestellt werden. Wie kann, wie soll sich eine Gesellschaft entwickeln, die sich aus langer Tradition vorwiegend über Leistung und Lohnarbeit definiert, wenn es eines Tages keine oder kaum Lohnarbeit mehr gibt? Was kann neue Identitäten schaffen? Ein arbeitsloser Autobusfahrer wird sich nicht zum IT-Spezialisten umschulen können, er wird auch nicht plötzlich Maler oder Dichter.

"Der Pessimist", schreibt Precht, "benötigt nur genug von seinesgleichen, um sicher recht zu behalten." Der Optimist jedoch brauche Mut. Den will er uns zusprechen und plädiert für einen hermeneutischen Blick: Konkrete Bilder können die digitale Revolution und ihre weitreichenden Folgen als gestaltbare Zukunft wahrnehmbar machen und Handlungsspielräume aufzeigen. Ob nun Dystopie oder Utopie? Die Entscheidung liegt in unsere Hand, sagt Precht. Reisen Sie mit: Wir schreiben den 7. Februar 2040. Die Autorin dieser Zeilen ist 59 Jahre alt.