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„Jerusalem, der Traum meines Lebens“

An seinem Lebensabend ist ihm Jerusalem zur Heimstatt geworden. Wenn es seine Krankheit irgend zulässt, dann will Kardinal carlo Maria Martini dort sein. Ein Gespräch aus der Heiligen Stadt über Christen, Juden und Muslime sowie die Einzigartigkeit Jesu.

Die Furche: Pater Martini, in Ihrer auf Deutsch 2007 erschienenen autobiographischen Erzählung „Mein Leben“ nennen Sie Jerusalem den Traum Ihres Lebens. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Kardinal Carlo Maria Martini: Jerusalem hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt. Zum ersten Mal kam ich am Tag nach meiner Priesterweihe hierher. Das war im Juli 1959. Ich hatte die Gelegenheit, in der Grabeskirche eine Messe zu feiern. Blitzartig ging mir auf, was Leben, was Tod bedeutet und was die Religionen über ein Leben nach dem Tod sagen.

Das wurde zu einem Höhepunkt meines geistlichen Lebens. Ich kam immer wieder hierher, besonders seit ich Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts geworden war. Mir kam mehr und mehr zu Bewusstsein, dass ich hier geboren bin. Hier bin ich zu Hause. In Jerusalem sind die Knoten für jedes andere Problem zu finden. Wenn es hier Frieden gibt, gibt es überall Frieden. Jerusalem ist eine Art Mikrokosmos: Hier zu leben bedeutet, im Zentrum der Welt zu sein.

Die Furche: Wie denken Sie über den Trialog zwischen Christen, Juden und Muslimen?

Martini: Dafür gibt es gerade hier in Jerusalem zahlreiche Beispiele, mehr jedenfalls, als man gemeinhin annimmt. Aber es gibt natürlich auch die ganz normalen Schwierigkeiten damit. Es gibt keinen echten Repräsentanten für die Muslime. Sie können mit dem einen oder anderen reden, aber keiner hat die Autorität, für alle zu sprechen. Mit den Juden sind wir sehr vorangekommen. Ein amerikanischer Rabbi hat mir kürzlich eine Menora für Bemühungen im christlich-jüdischen Dialog geschenkt. Juden sind jedoch primär darauf aus, Verbündete im Kampf gegen den Antisemitismus zu finden. An einer religiösen Auseinandersetzung sind sie nicht wirklich interessiert. Deswegen bleibt ein solcher Dialog schwierig. Man kann aber wenigstens sagen: Wir sind im Gespräch.

Die Furche: Ignatius von Loyola war es nicht gegönnt, in Jerusalem zu bleiben, als er 1523 eine Pilgerreise ins Heilige Land machte. Er erhielt dafür keine Erlaubnis.

Martini: Ich betrachte mich als sein Nachfolger bei der Verwirklichung dieses Wunsches. Jemand hat mir erzählt, dass einer seiner letzten Briefe von Jerusalem handelt.

Die Furche: Ignatius war ein großer Judenfreund. Er wäre am liebsten Jude wie Jesus gewesen – zu einer Zeit, als Juden vertrieben oder zwangsgetauft wurden. Was bedeuten Ihnen die Juden als „unsere älteren Brüder“, wie Papst Johannes Paul II. einmal sagte?

Martini: Die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens sind sehr, sehr wichtig. Ohne sie können wir unseren christlichen Glauben überhaupt nicht verstehen. Juden behaupten sogar, dass wir sie brauchen, um unseren Glauben zu verstehen. Gleichzeitig betonen sie: Euch brauchen wir nicht, um unseren Glauben zu verstehen. Daran ist einiges wahr. Sicher ist, dass wir sie mehr brauchen als sie uns. Wir wurzeln im jüdischen Glauben.

Die Furche: Johannes Paul II. war ein großer Freund der Juden. Glauben Sie, dass die Kirche heute stärker gegen den Antisemitismus auftreten sollte?

Martini: Ich sage – das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung: Es kommt nicht so sehr darauf an, immer gegen etwas zu sein, ständig gegen den Antisemitismus aufzutreten. Wir müssen das jüdische Volk lieben: seine Einrichtungen, die Musik, die Kunst, seine Traditionen und Erzählungen. Das ist viel wichtiger, als den Antisemitismus zu bekämpfen. Deswegen habe ich auch immer Studenten nach Jerusalem gebracht, damit sie verstehen lernen, wie tief dieses Denken ist, wie menschlich, wie nahe am menschlichen Leben. Liebe ist wichtiger als der Kampf gegen den Antisemitismus.

Die Furche: Wäre es von Nutzen, wenn Papst Benedikt Jerusalem besuchen würde?

Martini: Ich glaube schon. Aber es gibt im Augenblick zu viele Hindernisse und Schwierigkeiten: Die Situation ist, politisch gesehen, einfach zu unsicher. Vor acht Jahren war die Lage einfacher. Johannes Paul II. beeindruckte die Menschen sehr. Sie hätten nie gedacht, dass ein Papst so demütig und andächtig sein könnte. Das machte großen Eindruck, der bis heute spürbar ist.

Die Furche: Karl Rahner hat einmal geschrieben, das Christentum sei nicht in erster Linie eine Summe von Lehren und Gesetzen, von Dogmen und Vorschriften, sondern „zuerst und zuletzt Christus selbst“, der in unserem Leben gegenwärtig werden will. Was bedeutet Ihnen Jesus?

Martini: Alles. Denn er ist der Weg, auf dem man Gott kennenlernen kann, wie man Gott erreicht. Ich meditiere deswegen sehr viel darüber, was es in der Trinität bedeutet, dass Gott sich entschieden hat, die menschliche Natur zu einem Teil seiner Göttlichkeit zu machen. Das ist etwas Unfassbares. Jesus bedeutet für mich wirklich alles. Ich glaube, er kann auch Menschen anderer Religionen helfen. Ich glaube, dass Jesus eine Sprache spricht, die die Sehnsucht eines jeden Menschen anspricht.

Die Furche: Was sagen Sie jungen Menschen, die Jesus zwar bewundern, die aber gleichzeitig sagen: Ich verehre auch Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Worin besteht die Einzigartigkeit Jesu?

Martini: Seine Einzigartigkeit hat damit zu tun, wer er ist. Ich habe während meiner eigenen Studien einmal ein Semester in Münster in Westfalen verbracht, wo Willi Marxsen lehrte. Der meinte, Jesus hätte genauso gut in Münster leben können, nicht nur in Jerusalem. Da bin ich mir nicht so sicher. Natürlich ist Jesus überall. Aber die Tatsache, dass er dieses Land und diesen Ort ausgesucht hat, kann uns helfen zu verstehen, was es bedeutet, eine echte historische Wahl zu treffen, nicht einfach eine allgemeine Theorie.

Wir sind nicht auf Orte festgelegt wie Muslime, die nach Mekka pilgern müssen. Christen sind nicht verpflichtet, ins Heilige Land zu reisen. Ich sage zu Pilgern immer: Ihr kommt aus Liebe hierher, nicht wegen einer Verpflichtung. Denn hier hat die Menschwerdung Gottes stattgefunden, hier hat sich Gott offenbart. Das ist nicht bedeutungslos, für keine Zeit. Hier hat alles begonnen, das müssen wir bekennen.

Die Furche: Seitdem Sie nicht mehr Erzbischof von Mailand sind, leben Sie hauptsächlich hier in Jerusalem. Sind Sie damit gleichsam zu Ihrer ersten Liebe als Jesuit zurückgekehrt?

Martini: Ja, es war immer mein Wunsch, als Jesuit zu sterben und die letzten Lebensjahre als Jesuit zu leben. Jesuitenkardinäle genießen ja einige Freiheit. Ich habe dem Pater General gesagt: Ich kehre gern unter den Gehorsam des Ordens zurück, aber mit gewissen Möglichkeiten.

Es wäre mein sehnlichster Wunsch: hier in Jerusalem zu sterben und auch begraben zu werden! Wenn ich in eine Krankenabteilung in Italien wechseln müsste, würde die Erzdiözese Mailand sich sicherlich darum bemühen, mich im Dom zu bestatten. Ich habe mir aber bereits einen Platz auf dem Jesuitenfriedhof in Jerusalem ausgesucht.

Das Gespräch führte Andreas Batlogg in Jerusalem.

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