johannes paul i. - © picturedesk.com / dpa

Johannes Paul I. - Seliger 33-Tage- Papst

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Am 4. September spricht Papst Franziskus in Rom einen seiner Vorgänger, den Kurzzeit-Pontifex Johannes Paul I., selig. Über die dramatischen Ereignisse des Jahres 1978 - und die Frage, was gewesen wäre, wenn der lächelnde Albino Luciani länger gelebt hätte.

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Am 4. September spricht Papst Franziskus in Rom einen seiner Vorgänger, den Kurzzeit-Pontifex Johannes Paul I., selig. Über die dramatischen Ereignisse des Jahres 1978 - und die Frage, was gewesen wäre, wenn der lächelnde Albino Luciani länger gelebt hätte.

Mitten im Hochsommer, am 6. August 1978, starb Paul VI. 81-jährig in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. 15 Jahre hatte sein Pontifikat gedauert, tragisch überschattet von dem Lehrschreiben Humanae ­vitae, wegen des Verbots künstlicher Empfängnismittel oft abschätzig auf eine „Pillenenzyklika“ reduziert. Nie mehr veröffentlichte er später eine weitere Enzyklika, geschockt und zutiefst gekränkt über die heftigen Reaktionen.

Schon als Kardinal-Erzbischof haftete Giovanni Battista Montini, vielleicht der intellektuellste Papst des 20. Jahrhunderts, der Spitzname „Hamlet aus Mailand“ an: wegen seines Schwankens zwischen Tradition und Modernität – eine Etikette, die ihm ungerechterweise angeheftet wurde. Im April 1978 hatte Paul VI. noch einen berührenden Brief an die Roten Brigaden („brigate rosse“) geschrieben, um die Ermordung seines Freundes, des italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro, zu verhindern.

Der lächelnde Papst

Im vierten Wahlgang wurde am 26. August 1978 der Patriarch von Venedig, Albino Luciani, – angeblich mit 99 von 111 Stimmen – zum Papst gewählt. Es war das kürzeste Konklave im 20. Jahrhundert. Er nahm den Namen Johannes Paul I. an: Johannes XXIII. hatte ihn im Dezember 1958 zum Bischof von Vittorio Veneto ernannt (und drei Tage nach dem Heiligen Abend selbst geweiht), Paul VI. nach elf Jahren 1969 nach Venedig transferiert und 1973 zum Kardinal gemacht. Die Namenswahl war auch ein Bekenntnis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das der eine Papst einberufen, der andere nach dessen Tod im Juni 1963 wieder aufgenommen und im September 1963 fortgesetzt hatte.

Am 3. September 1978 in sein Amt eingeführt, wurde der neue Papst am frühen Morgen des 29. September tot in seinem Bett aufgefunden. Er ging als 33-Tage-Papst in die Geschichte ein. 1978 wurde damit zum Drei-Päpste-Jahr. Die Wahl des ersten slawischen und polnischen Papstes, Karol Wojtyła, erfolgte am 16. Oktober.
Am 17. Oktober 1912 wurde Albino Luciani in Canale al Forno (heute Canale d’Agordo, Provinz Belluno) geboren. Sein Vater, ein erklärter Sozialist, war Wander­arbeiter und verbrachte viele Jahre in der Schweiz. Im Juli 1935 zum Priester geweiht, war er zunächst Kaplan in seiner Heimatgemeinde und dann 1937–47 Vizerektor des Priesterseminars von Belluno, wo er Dogmatik lehrte. Während dieser Zeit setzte er seine Studien an der Päpstlichen Universität Gregoriana fort und wurde 1946 magna cum laude zum Doktor der Theologie promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit Antonio Rosmini, der zeitweise der Häresie verdächtigt wurde. Danach nahm Luciani diözesane Aufgaben wahr, wurde Kanzler der ­Diözese und 1948 Generalvikar.

1958 zum Bischof bestellt, nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) teil, dessen Reformimpulse der aufgeschlossene Seelsorger begrüßte. In einer Ansprache ging er 1961 auf drei theologische Dissidenten aus dem 19. Jahrhundert ein, mit denen er sympathisierte, obwohl sie im Geruch standen, ein Schisma in der Kirche zu riskieren: Ignaz Döllinger, Ernest Renan und Carlo Pas­saglia SJ. Er sagte: „Sie waren zu sehr Theologen und zu wenig Seelenhirten … Theologische Gelehrsamkeit sollte in den Dienst des Hirtenamtes gestellt werden.“

Lucianis Wahl war offenbar keine Überraschung. „Gedroht“ hatte der restaurative Erzbischof von Genua, der 72-jährige Giuseppe Siri. Luciani war bei seiner Wahl 68 Jahre alt. Dass er an Herzpro­blemen litt, wurde vielen erst nach seinem überraschenden Tod bekannt. In wenigen Wochen brachte er es fertig, mit seinem Lächeln und seinen einfachen, aber klaren Botschaften einen Stimmungsumschwung im Vatikan einzuleiten. Beim Angelus-Gebet am 10. September 1978 bezeichnete Johannes Paul I. Gott als Vater, „aber noch mehr ist er Mutter“ (E papà: piu ancora è madre).

Sein plötzlicher Tod war ein Riesenschock (abgesehen vom finanziellen Desaster, so rasch ein zweites Konklave ausrichten zu müssen) – und bis heute Anlass für Verschwörungstheorien: Er sei vergiftet worden, er sei finanziellen Machinationen im Vatikan auf der Spur gewesen und deswegen „beseitigt“ worden.

Weder gibt es eine Antrittsenzyklika noch andere bedeutende Ansprachen. In seinen wenigen Reden sprach Johannes Paul I. die Menschen direkt an. Er verzichtete dabei auf das päpstliche Wir, lehnte die Papstkrönung ab und nahm nur widerwillig, um besser gesehen zu werden, auf der Sedia gestatoria, dem päpstlichen Trage­thron, Platz. Er strahlte übers ganze Gesicht, sein Lächeln bezauberte – und ließ etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes und seinem Erbarmen, auch für Menschen, die sich mit der „reinen Lehre“ schwertun, ahnen.

Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählt der Sammelband „Ihr sehr ergebener Albino Luciani“ (1978), ursprünglich Kolumnen für den Messagero di San Antonio unter dem Originaltitel „Illustrissimi“ (1976). Es waren „Briefe an Persönlichkeiten“ der Welt-, der Heils- und der Kirchengeschichte, wie der deutsche Untertitel verriet, 40 an der Zahl, darunter Goethe, Manzoni, Pinocchio, aber auch Andreas Hofer oder Kaiserin Maria Theresia – feine literarische Leckerbissen.

„Mit zitternder Hand“

Der letzte Brief „Mit zitternder Hand (An Jesus)“ beginnt mit den Worten: „Mit meinen Briefen habe ich mir manche Kritik eingehandelt. ,Er ist Bischof und Kardinal‘, haben sie gesagt, ,er hat sich Hände und Füße ausgerissen und an alle Welt geschrieben: an Mark Twain, Péguy, Casella, Penelope, Dickens, Marlowe, Goldoni usw. Aber keine einzige Zeile an Jesus!‘“ Und daraufhin: „Du weißt, wie sehr ich mich bemühe, ständig mit Dir im Gespräch zu sein. Aber in einem Brief mit Dir zu sprechen, fällt mir schwer.“ Dieser letzte Brief endet mit den Worten: „Ich habe den Eindruck, dass ich das Wesentliche über Dich nicht gesagt habe und dass ich das, was ich gesagt habe, besser hätte formulieren müssen. Doch etwas tröstet mich: Es kommt nämlich nicht da­rauf an, dass jemand über Christus schreibt, sondern dass viele Menschen Christus lieben und ihm nachfolgen. Und das geschieht – trotz allem – immer noch.“

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