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Johannes Paul II. beim Lieblingsthema

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Der Papst holt ein lang gehegtes Vorhaben nach: Trotz guter Ansätze macht die neue Enzyklika "Fides et ratio" ein wenig ratlos.

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Der Papst holt ein lang gehegtes Vorhaben nach: Trotz guter Ansätze macht die neue Enzyklika "Fides et ratio" ein wenig ratlos.

Aus dem Rundschreiben ist fast ein Buch geworden. 182 Seiten lang ist die am 15. Oktober veröffentlichte Philosophie-Enzyklika Johannes Pauls II. "Fides et ratio". Der erst unlängst von hohen Mitgliedern des Kardinalskollegiums vorgetragenen Mahnung, der kirchlichen Verlautbarungsflut Einhalt zu gebieten und sich pastoral wie lehramtlich auf das Nötige zu beschränken, weil das Viele unter Umständen der Feind des Richtigen und Zweckmäßigen sei, ist Johannes Paul II. mit der 13. Enzyklika seines Pontifikats nicht gefolgt.

Das konnte im Ernst auch niemand erwarten. Man merkt es auf Schritt und Tritt: Der Papst ist bei seinem Lieblingsthema. Die Neigung zum philosophischen, insbesondere zum ethischen Räsonnement begleitet Karol WojtyÚla ein Leben lang, spätestens seit seinen Jahren als Student und junger Dozent in Krakau, Rom und Lublin. Selbst aus seinem persönlichen Freundeskreis war gelegentlich zu hören, der Papst fühle sich bei Augustinus, Thomas von Aquin, bei Max Scheler wie bei manchen Phänomenologen und Hermeneutikern mehr zu Hause als bei zeitgenössischen "spekulativen" Theologen - und erst recht wohler als bei mit historisch-kritischen Methoden arbeitenden Exegeten. Dabei ist nicht zu übersehen, daß das ethische Interesse stets noch um einiges kräftiger durchschlägt als das philosophisch-ontologische.

Auch das Vorhaben, der Bedeutung der Philosophie für das Selbstverständnis und die Praxis des Christentums bzw. der Kirche ein eigenes Rundschreiben zu widmen, reicht weit zurück - bis in die Zeit des Pontifikatsbeginns. Was lag also näher, als das lange Zurückgestellte jetzt nachzuholen und das Nachzuholende mit dem 20jährigen Pontifikatsjubiläum zu verbinden.

Mehr als alles andere treibt den Papst die Wahrheitsfrage um, die Wahrheitsfrage nicht nur im Sinne der Offenbarungswahrheit, sondern der Wahrheit als Fundament alles menschlichen Seins und Tuns. Sie war das große Thema schon der Moralenzyklika "Vertatis splendor" von 1993. Und es fallen nicht nur die mehreren Hinweise auf jene andere Enzyklika auf, sondern der Papst schreibt einleitend selbst, er möchte mit der neuen Enzyklika die Gedanken von "Veritatis splendor" weiterführen und dabei die Aufmerksamkeit von neuem "auf das Thema Wahrheit und auf deren Fundament im Verhältnis zum Glauben konzentrieren" (Nr. 6).

Zu Grunde liegt dem die Überzeugung, daß der Mensch als vernunftbegabtes Geschöpf wahrheitsfähig ist, daß der Sinn des Daseins sich ihm in "wahrer" Erkenntnis erschließt und daß sein Wesen verfehlt, wer diesen Anspruch aufgibt. Sein Hauptanliegen allerdings ist letztlich ein pastorales. Der Papst will all denen ein Fundament aufzeigen und einen Weg weisen, die "ihr Leben fast bis an den Rand des Abgrunds dahinschleppen, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich zugehen". Um dabei hilfreich zu sein, müsse die Philosophie allerdings erst selbst "ihrer ursprünglichen Berufung" wieder bewußt werden.

Glauben braucht eine rationale Grundlage "Fides et ratio" ist also kein philosophischer Text im üblichen, schon gar nicht in einem fachlichen Sinne. Erst recht ist es kein Text nur über Philosophie, auch wenn sich mit dem Rundschreiben nicht nur an Bischöfe und Theologen, sondern ausdrücklich auch "an die Philosophen und an alle, die Philosophie lehren" mit der Bitte wendet, sie möchten "den Mut haben, die Dimensionen echter Weisheit und auch metaphysischer Wahrheit des philosophischen Denkens zurückzugewinnen" nicht zuletzt um eine "unverfälschte Ethik" formulieren zu können, die die Menschheit heute so dringend brauche (vgl. Nr. 106).

Das eigentliche Thema der Enzyklika ist vielmehr, wie es schon im Titel bzw. in den Eingangsworten ausgedrückt ist, das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Dieses Thema kehrt unter den verschiedensten ontologischen, erkenntnistheoretischen, kulturanthropologischen, heilsgeschichtlichen wie kreuzestheologischen Varianten ständig wieder. Dabei ist ein Punkt für den Papst ganz klar: Der Glaube braucht eine "rationale Grundlage", er muß sich vor dem Forum der Vernunft verantworten können. Entsprechend entschieden wendet er sich gegen alle mythologisierenden oder vernunftnegierenden Geistesströmungen - von der alten Gnosis ist zur zeitgenössischen Esoterik, deren verschiedene Formen, wie der Papst anmerkt, "heutzutage auch bei manchen Gläubigen, denen es am erforderlichen kritischen Sinn mangelt, um sich greifen" (Nr. 37).

Im gleichen Maße wie der Glaube der Rückkoppelung an die Vernunft bedarf, wenn er sich nicht in sich selbst verlieren will, ist die Vernunft auf den Glauben angewiesen, wenn sie zur vollen Erkenntnis der Wirklichkeit gelangen will. Oder in der Sprache der Enzyklika selbst ausgedrückt: Der Glaube, dem die Vernunft fehlt, läuft Gefahr seine Universalität zu verlieren, die Vernunft ohne den Beitrag der Offenbarung verliert ihr eigentliches Erkenntnisziel aus dem Blick. Nur das Kreuz kann der Vernunft die letzte Antwort geben. Mit Hilfe der klassischen Metaphysik soll die ursprüngliche und volle Einheit von Vernunft und Glaube "zurückgewonnen" werden. Zurückgewinnen ist der zentrale denkstrategische Begriff des Rundschreibens.

So gut diese Absicht ist, so deutlich zeigt sich darin auch die zentrale Schwäche der Enzyklika. Umgangen wird das Problem der Geschichtlichkeit menschlicher Erkenntnis. Die Neuzeit erscheint nur als "Drama der Spaltung". Mit der Verurteilung aller "Verirrungen des modernen Denkens" (vgl. Nr. 49) vom Fideismus über den Rationalismus bis zum Nihilismus ist das Kernproblem der Moderne im Verhältnis von Glaube und Wissen aber nicht gelöst, nämlich wie ein in zweiter Aufklärung geläutertes Vernunftverständnis, das um die Grenzen menschlicher Erkenntnis weiß, innerhalb dieser Grenzen als wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt höchst erfolgreich ist, Glaubensvernunft und Heilsbedürftigkeit, obwohl sie ihnen potentiell viel Raum läßt, existentiell nicht erdrückt oder "kulturell" aus der erlebbaren Welt einfach hinausdrängt.

Zwang zum griechisch-lateinischen Denken Damit im Zusammenhang steht wohl auch, daß die Enzyklika die veränderte Rolle der Philosophie im Verhältnis zu den modernen Human- und Kulturwissenschaften zwar anspricht, aber in so allgemeiner Form, daß letztere in ihrer tatsächlichen Bedeutung für den Umgang mit der heutigen Lebenswirklichkeit kaum erkennbar werden.

Nicht minder problematisch erscheinen das Verhältnis von abendländischer, aus Antike und Christentum hervorgegangener Philosophie zu den außereuropäischen Kulturen, wie es die Enzyklika darstellt, und die Schlußfolgerungen, die das päpstliche Rundschreiben für die Begegnung des Christentums mit bisher christentumsfremden Kultur- und Denktraditionen daraus zieht. Hochaktuell ist gewiß die Warnung, christlicher Glaube dürfe sich nicht "partikularisieren", indem er sich in eine bestimmte Kultur "einkapselt". Aber wenn richtig ist, was die Enzyklika im Anschluß an "Gaudium et spes" sagt, das Christentum könne sich jeder Philosophie und Kultur öffnen, da es ja selbst keine Kultur oder Philosophie, sondern eine Glaubensmacht sei, kann dann noch die Forderung aufrecht erhalten werden, in der Begegnung mit den verschiedenen asiatischen und afrikanischen Kulturen dürfe sich die Kirche "nicht von dem trennen, was sie sich durch die Inkulturation in das griechisch-lateinische Denken angeeignet hat" (Nr. 72)?

Nötiges in viel Unnötiges verpackt Natürlich steckt auch in der sich ausbreitenden technologischen Weltzivilisation etwas vom Christentum, ist sie doch aus dessen Wurzelboden hervorgegangen. Schon deswegen verbietet sich das bloße Kopieren indigener Kulturen zum Zwecke der Einwurzelung des Glaubens. Aber wieso sollte Gottes Heilsplan im Falle von Indien, China oder Japan "zuwiderlaufen", was durch die griechisch-lateinische Inkulturation die aus dem Judentum hervorgegangene Christenheit zur Weltreligion gemacht hat? Wäre das weltweite Festhalten an der griechisch-lateinischen Inkulturation unter den Bedingungen zeitgenössischer globaler Kommunikation nicht auch Abkapselung in einer partikularen Kultur?

Ein eigener Abschnitt der Enzyklika handelt von der Rolle der Philosophie für das Theologiestudium insgesamt wie für die einzelnen theologischen Fächer, insbesondere für die Dogmatik und die Moraltheologie. Der Papst beklagt den seit dem Zweiten Vatikanum eingetretenen "Verfall" des Philosophie- innerhalb des Theologiestudiums und mahnt mit deutlichen Worten Besserung an: Einer Theologie ohne metaphysischen Horizont würde "es nicht gelingen, über die Analyse der religiösen Erfahrung hinauszutreten" (Nr. 83). Es bleibt aber bei allgemeinen, autoritativ vorgetragenen Appellen. Es wird kein Weg aufgezeigt, wie dem philosophischen Denkverfall innerhalb der Theologie begegnet werden kann.

Die Misere in diesem Punkt ist aber an den staatlichen Fakultäten wie an den meisten kirchlichen Hochschulen offensichtlich. Vielleicht wäre es deshalb doch gut gewesen, dem eingangs zitierten Rat zu folgen und nur das Nötige zu behandeln, also sich auf die Wege einer Wiedergewinnung philosophischer Rationalität in der Theologie zu beschränken und so einer in den vielen "Spiritualismen" Sinn suchenden jungen Generation eine rational verantwortbare Glaubensperspektive aufzuzeigen. So, wie sie geschrieben ist, läßt die 13. Enzyklika Johannes Pauls II., weil das Nötige in viel Unnötiges und Anfechtbares verpackt ist, trotz der vielen guten Ansätze ein wenig ratlos zurück.

Der Autor, langjähriger Chefredakteur der "Herder-Korrespondenz", ist freier Publizist in Deutschland.

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