Juden nicht missionieren

Am 20. März 2006 erhielt in Berlin Karl Kardinal Lehmann den Abraham Geiger Preis 2006. Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit eines vorbildlichen katholischen Kirchenführers werden damit von jüdischer Seite ausgezeichnet. Vor 40 Jahren markierte die Konzilserklärung "Nostra aetate" den Beginn einer neuen Epoche. Die offizielle Lehre der katholischen Kirche hat seitdem gelernt, die anderen Weltreligionen zu respektieren. Die Kirche anerkennt den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit als Aktivitäten, welche gestützt durch den Geist dazu bestimmt sind, alle Teilnehmenden zu verwandeln.

Juden und Christen können sich deshalb heute gelassener kritische Dinge sagen als in der Vergangenheit.

Früher stand zwischen Christen und Juden blinder Antijudaismus, der die katholischen Gläubigen für den politischen Antisemitismus geöffnet hatte. Dieser Antijudaismus beruhte auf einer irrigen Darstellung der Juden in neutestamentlichen Schriften. Männer wie Kardinal Lehmann lehren: Wenn heute Christen die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk bestreiten, zerstören sie die Grundlage ihres eigenen Glaubens, der auf die Treue des Vaters Jesu Christi, des Gottes Israels, baut. Daher ist es für die heutige Kirche selbstverständlich, dass der Missionsbefehl nicht auf Juden angewandt werden kann. Es wäre wichtig, dass Juden erkennen, dass es heute keine judenmissionarischen Aktivitäten der katholischen Kirche mehr gibt. Ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe mit Protestanten wird erst dann möglich sein, wenn evangelikale Kreise Synodalbeschlüsse und Kirchentagsresolutionen verinnerlichen, sich von der Judenmission distanzieren und nicht mehr meinen, dass es lieblos sei, jüdischen Gesprächspartnern das Zeugnis des Glaubens an Jesus als Messias vorzuenthalten.

Der Autor leitet das Europäische Rabbinerseminar in Potsdam.

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