Juden und Samaritaner waren Teil Israels

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Der Erzählung von der Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Brunnen, wie sie das Johannesevangelium im vierten Kapitel überliefert, wird immer wieder eine antijüdische Sichtweise vorgeworfen. Tatsächlich geht es dort aber um eine innerjüdische Diskussion.

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Der Erzählung von der Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Brunnen, wie sie das Johannesevangelium im vierten Kapitel überliefert, wird immer wieder eine antijüdische Sichtweise vorgeworfen. Tatsächlich geht es dort aber um eine innerjüdische Diskussion.

Das vierte Kapitel des Johannesevangeliums erzählt davon, dass Jesus durch das Gebiet von Samaria geht und dort - am Jakobsbrunnen bei Sychar - einer namenlosen Samaritanerin begegnet (Joh 4,4-45). Nur kurz wird erwähnt, dass die Familiensituation der Dame ungeklärt ist. Nicht ohne Grund, so scheint es, versucht sie ihren tatsächlichen Familienstand zu verschleiern. Dies zeigt ein kurzer Wortwechsel zwischen ihr und Jesus (Joh 4,16-18; Übersetzung: Lutherbibel 2017):"Spricht er zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast richtig gesagt:'Ich habe keinen Mann.' Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt." Bei der Auslegung wird Jesus häufig zu einem Vertreter bürgerlicher Moral. Auch findet sich die Vorstellung, dass die Dame es mit der Moral nicht genau nähme und dem "ältesten Gewerbe der Welt" angehört haben dürfte. Man übersieht, dass Jesus nur konstatiert, ihre Antwort sei "sachlich richtig" gewesen. Offensichtlich lebt sie in keiner juristisch legitimierten Beziehung. Derartige "Frage-Antwort-Spiele", das sei am Rande bemerkt, machen eine Komödie überhaupt erst zur Komödie. Natürlich ist die erwartete Antwort auf die Frage "Wissen Sie, wo die Paniglgasse ist?" eine Wegbeschreibung. Der Fragesteller ist daran interessiert, in die Paniglgasse zu kommen. Formal richtig ist jedoch die Antwort: "Ja!"

Schlafzimmerblick verstellt die Sicht

Man verliert mit dem Fokus auf das, was sich im Schlafzimmer der Samaritanerin abgespielt haben könnte, den Blick auf das Thema dieser Bibelstelle. Jesus kommentiert auch eine andere Aussage der namenlosen Frau am Jakobsbrunnen nicht. In der Erzählung wird das zur Zeit Jesu gespannte Verhältnis zwischen Samaritanern und Juden dadurch beschrieben, dass die Frau Folgendes zu Jesus sagt (Joh 4,9):"Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern."

Ausdrücklich hält der Verfasser des Evangeliums fest, dass die Juden keine Gemeinschaft mit den Samaritanern gehabt hätten. Das scheint historischen Tatsachen zu entsprechen. Aus Sicht der neutestamentlichen Forschung wird die Samaritanerin häufig als "halbe Heidin" bezeichnet, die Erzählung von der Begegnung am Brunnen kann dann als Öffnung der Mission Jesu auf die ganze Welt gedeutet werden. Die Samaritaner stammen zwar vom Stammvater Jakob ab; im Gegensatz zu den Juden waren sie nicht im babylonischen Exil. Die Bezeichnung "halbe Heiden" insinuiert, dass sie sich in ihrer Lebensweise mit den umgebenden Völkern vermischt hätten.

Revolutionäre Sicht auf die Samaritaner

Der biblische Text enthält zwischen den Zeilen durchaus Revolutionäres: In der Rahmenerzählung wird der Ort der Begegnung, der Brunnen, folgendermaßen beschrieben (Joh 4,5-6a):"Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen." Mit dieser Beschreibung wird das Stammesgebiet von zwei jüdischen Stämmen umrissen: Ephraim und Manasse gehen auf das sogenannte "Haus Josef" zurück. Theologisch nahezu revolutionär ist jedoch folgende Aussage der Samaritanerin (Joh 4,12):"Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh."

Die Samaritanerin bezeichnet Jakob als "unseren Vater", der den Samaritanern den Brunnen gegeben habe. Dieser habe daraus getrunken zusammen mit seinen Söhnen und seinem Vieh. Dieser Jakob ist auch unter dem Namen "Israel" bekannt. Indem sie Israel als "unseren Vater" bezeichnet, erklärt die Samaritanerin sich selbst und alle anderen Samaritaner und Samaritanerinnen zu legitimen Nachfolgern Jakobs und ordnet sich dem Haus Josef und damit implizit den Stämmen Ephraim und Manasse zu. Mit anderen Worten: Sie behauptet, eine echte Israelitin zu sein, dem Juden Jesus in ihrem Verhältnis zum Stammvater Israel gleichberechtigt.

Spannend ist, dass der Jude Jesus mit keinem Wort in Abrede stellt, dass sie eine Israelitin sein könnte. Das Verhältnis der Juden zu den Samaritanern war zur Zeit Jesu ambivalent. Zumindest ein Teil der Juden lehnte die Samaritaner ab.

Der Blick wird dadurch auf das Selbstverständnis der Samaritaner gelenkt: Diese hatten als heilige Schrift den sogenannten "samaritanischen Pentateuch", dies sind die fünf Bücher Mose. Sie hielten also die Tora und sahen sich selbst als "unter dem Gesetz" des Mose. Aus inschriftlichen Zeugnissen wissen wir, dass Samaritaner, die außerhalb Palästinas lebten, einen exklusiven Jahwe-Kult pflegten. Ihr Zentralheiligtum befand sich auf dem Berg Garizim.

Rivalität zweier israelitischer Heiligtümer

Damit haben wir es in dieser Passage aber nicht mehr mit "halben Heiden" und Juden, sondern vielmehr mit den drei israelitischen Stämmen Ephraim, Manasse und Juda zu tun. Es handelt sich also, das insinuiert zumindest die in die Erzählung eingebettete theologische Aussage, um ein theologisches Gespräch, das die Rivalität von zwei israelitischen Heiligtümern betrifft.

Tatsächlich war die Frage des Zentralheiligtums ein wesentlicher Streitpunkt: Aus Sicht der Juden zur Zeit Jesu mussten alle Israeliten den Tempel in Jerusalem als Zentralheiligtum anerkennen. Die Samaritaner hatten den Berg Garizim. Eben diesen Streit thematisiert die Samaritanerin im Johannesevangelium (Joh 4,20-21):"Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet."

Eine nüchterne Lektüre des vierten Kapitels des Johannesevangeliums zeigt, dass es in diesem Text erst einmal um das Verhältnis zwischen Juden und Samaritanern als Israeliten geht. Die Frage der Heidenmission in diese Passage hineinzutragen oder sie für moralische Ergüsse über das korrekte Verhalten bestimmter Frauen zu verwenden, geht an der Aussage des Textes vorbei. Alle hier erwähnten Akteure sind "Kinder der Verheißung", die Jakob empfangen hat. Mit einer Heidenmission hat das nichts zu tun.

Es zeigt sich, dass das Johannesevangelium im vierten Kapitel innerisraelitische Fragen thematisiert. Es geht diesem Text um das korrekte Verständnis des Erbes Jakobs, der auch Israel hieß: Offensichtlich sind für das Johannesevangelium sowohl Juden wie Samaritaner ein Teil Israels.

Der Autor forscht an der Universität Wien als Projektleiter zweier vom FWF geförderten Forschungsprojekte zur koptischen Überlieferung des Johannesevangeliums

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