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"Kaiser Karl hat militärisch-politisch keine Rolle gespielt"

Verstärkte historische Forschung, dennoch Skepsis zur Seligsprechung: manfried rauchensteiner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums Wien, über Österreichs letzten Kaiser.

Die Furche: Behindert die Seligsprechung die historische Aufarbeitung der Rolle von Karl I. (IV.)?

Manfried Rauchensteiner: Nein. Das eine ist ein innerkirchlicher Vorgang, und das andere ist die historische Forschung: Die ist sicher durch den Seligsprechungsprozess zusätzlich unterstützt worden - durch verstärktes Bemühen, Quellen zu sichern und alles einzusehen, was zu Kaiser Karl geschrieben wurde, oder wo er als Verfasser identifiziert werden konnte. Das hat die Forschung zweifellos befruchtet: etwa die beiden Bände von Elisabeth Kovács (vgl. S. 2, Anm.) - das ist seriöse Forschung, keine Frage!

Die Furche: Sie haben sich dennoch kritisch zur Seligsprechung geäußert.

Rauchensteiner: Ich habe ein Problem, das ich mit anderen teile: Es fällt mir schwer, den historischen vom religiösen Menschen zu trennen; ich meine, die sind untrennbar. Es sind Menschen, die Handlungen setzen, und diese Handlungen werden beurteilt. So ist das auch beim Kaiser Karl. Und nicht in allen Punkten wird man ihm attestieren können, dass es so gelaufen ist, dass das ohne Einwände bleiben kann.

Die Furche: Ihr Grundeinwand?

Rauchensteiner: Ich beziehe mich nicht auf die Jugendjahre - Jugend ist, wie Jugend sein soll. Irgendwann einmal bekam er aber politische Verantwortung; da muss ich sehr wohl beim Urteil bleiben: Karl hat im Ersten Weltkrieg militärisch-politisch keine Rolle gespielt. Und dort, wo er eine gespielt hat, ist es zwar menschlich zu respektieren, aber militärisch etwa bei der Südtirol-Offensive 1916 kontraproduktiv gewesen: Da geht es darum, in die venezianische Tiefebene zu gelangen, und gerade bei den Karl unterstehenden Truppen wird ausgegeben, dass möglichst geringe Verluste eintreten sollten, und dass er geneigt ist, jene zu bestrafen, die hohe Verluste verursachen. Dadurch kommt es zwar zu einem sehr systematischen, aber ebenso zögernden Verfahren, sodass man in den Bergen hängen bleibt: Das ist gut gemeint gewesen, aber in der Umsetzung nicht sinnvoll begonnen worden. Ähnliches hat sich dann fortgesetzt - auch in der Zeit, wo Karl als Monarch der Letztverantwortliche ist. Und aus dieser letzten Verantwortung als Armeeoberkommandant - und er wollte diese Funktion haben! - hat er sich zum Schluss dann selbst entlassen. Auch das verstehe ich nicht.

Ich mache ihm überhaupt keinen Vorwurf in Sachen Gaskrieg, denn der ist damals als normales Kriegsmittel gesehen worden, man sagte sogar: Da sind weniger Verluste, als wenn dort mit Trommelfeuer tagelang geschossen wird. Aber es fällt auf, wie er sich selbst in einem Augenblick aus der Verantwortung entlässt, wo es darum geht, diese Verantwortung als Armeeoberkommandant sehr wohl weiterzutragen: Wie er versucht, jemanden zu finden, der für ihn die Kapitulation - es ist ja nicht nur ein Waffenstillstand (am 3. November 1918, Anm.) - unterzeichnet, keinen findet und dann halt jemanden dazu bestimmt. Das tut man nicht.

Die Furche: Und die Sixtus-Affäre?

Rauchensteiner: Die Sixtus-Affäre ist zunächst einmal ein völlig legitimes Mittel gewesen - nicht nur im Wege einer mit dem Bündnispartner Deutsches Reich abgesprochenen Bemühung -, Gesprächskontakte zu finden und Friedenswillen kundzutun. Karl greift eben zum Mittel der Geheimdiplomatie. Das ist legitim - aber es kommt dabei nichts heraus. Da trennt man wieder den historischen Menschen vom religiösen: Er hat das berechtigte Anliegen, Frieden zu schließen. Er muss damit rechnen, dass dieser Friedensschluss sehr wohl vieles kosten wird, aber er hat nicht die Kraft, das durchzuziehen, kann sich vom Bündnispartner nicht trennen. Und das tut er wohl, weil er berechtigte Sorge hat, dass in dem Augenblick, wo er offen gegen das Deutsche Reich mit einem Sonderfrieden Front bezieht, das Deutsche Reich über Österreich-Ungarn herfällt. Wir wissen aber, die Sache ist ruchbar geworden - und Karl hat gelogen: Karl wusste wohl, dass er wieder an einem sehr kritischen Punkt angelangt war, und er rettete sich einfach drüber.

Die Furche: Das alles deutet auf eine schwache Persönlichkeit hin.

Rauchensteiner: Ich kann niemandem die Jugend vorhalten! Er ist noch verhältnismäßig jung, hat keine politische Erfahrung, weil man ihn davon fern gehalten hat, damit er in Wien nicht eine Rolle spielt. Die Ungarn sind ebenso nicht daran interessiert, ihn in Budapest als ihren König zu wissen. Die Jugend kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Auch Franz Joseph - wir dürfen das nicht übersehen! - hat in seinen ersten Jahren eminente Fehler begangen. Nur hat er dann noch Zeit gehabt, alt zu werden, er hat die Gnade des hohen Alters gehabt. Zum Schluss galt er als der uralte Weise. Und auf den uralten Weisen halten die Völker des Reichs noch still und zusammen, dann folgt ein unerfahrener Mann. Daher hatte Karl keine Schonfrist.

Die Furche: Das populäre Bild Karls ist das jenes Kaisers, der Frieden wollte, ihn aber nicht erreichen konnte, und der dann relativ jung gestorben ist. Wie ist es zu diesem Bild gekommen?

Rauchensteiner: Karl hat nach dem Ersten Weltkrieg sicher eine andere Bewertung erfahren als nach dem Zweiten. In der Zwischenkriegszeit sieht man zwei Extreme: So haben die im Ersten Weltkrieg Handelnden ihre Memoiren geschrieben, in denen sie sich auch mit dem Kaiser beschäftigen. Und da differiert das Urteil eines Conrad von Hötzendorf oder Ottokar Graf Czernin natürlich vom Urteil besonders kaisertreuer Politiker, Beamter und Offiziere. Kontroversiell ist es auch in der Politik: die Sozialdemokratie bricht den Stab über ihn, ihre Äußerungen in den parlamentarischen Debatten über Karl sind durchwegs unfreundlich. Die Großdeutschen rücke ich in die Nähe der Sozialdemokraten: auch sie lassen kaum Sympathien erkennen.

Am ehesten gibt es bei den Christlichsozialen ein freundliches Urteil. In den Nachfolgestaaten gibt es für Karl ebenfalls kaum Sympathie. Später tritt dann ein anderer Habsburger immer stärker hervor: Sohn Otto. Ich glaube aber, mit der Zuwendung, die Otto in Österreich 1934-38 erfahren hat (etwa mit Massenverleihungen von Ehrenbürgerschaften), wollte man nicht den Vater ehren, sondern da ging es um Otto als Person

Die Furche: Und nach 1945?

Rauchensteiner: Da dauerte es ziemlich, bis eine Beschäftigung mit Kaiser Karl begann. Es gibt zwar ein paar Bücher, die durchwegs in die Richtung gehen, ihm eine größere Bedeutung zu geben, als er sie vielleicht gehabt hat. Das setzt sich dann in den größeren Biografien fort - zunächst Gordon Brooke-Shepherd (1968) später Erich Feigl (1984), aber da landen wir beim Hagiografischen...

Die Furche: Einige betonen heute Karls Europakonzeption, seine Idee einer Donaukonföderation, manche sehen ihn gar als Vorläufer Robert Schumans, des Architekten der europäischen Einigung.

Rauchensteiner: Auch Franz Ferdinand, Karls Vorgänger als Thronfolger, ist mit allen möglichen Plänen umgegangen, die Monarchie umzubauen und sie in eine andere europäische Funktion zu bringen. Wir kennen das interessante Buch von Aurel von Popovici über die "Vereinigten Staaten von Großösterreich", das auch in Karls Gedankenwelt eine Rolle spielt.

Er konnte ja in dem Augenblick, in dem er Kaiser wurde, noch alle möglichen Nachkriegspläne wälzen: Denn Ende 1916 schaut es für die Monarchie noch gut aus, 1917 läuft es militärisch zeitweilig noch besser. 1918 aber wendet sich das Blatt - und da hat er nichts anderes vor Augen als die bis dahin gescheiterten Friedensbemühungen, die deutlich werdende totale Erschöpfung, das Abspalten der Nationen. Und da reagiert Karl im Oktober 1918 mit seinem Völkermanifest wieder erst sehr spät - viel zu spät, um noch irgendetwas zu bewirken.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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