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Kardinal Schönborn zur Lage

1945 1960 1980 2000 2020

Am Angelobungstag der neuen Regierung nahm der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, zu den Ereignissen in Österreich Stellung. Die Furche dokumentiert den Wortlaut seiner "Botschaft der Hoffnung":

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Am Angelobungstag der neuen Regierung nahm der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, zu den Ereignissen in Österreich Stellung. Die Furche dokumentiert den Wortlaut seiner "Botschaft der Hoffnung":

In den letzten Tagen ist Österreich in schmerzlich spürbarer Weise in eine Krisensituation geraten, wie sie seit Jahrzehnten nicht vorstellbar war. Durch das Land geht ein Riß, der seinen Ausdruck auch auf der Straße findet. Ein Riß trennt aber auch Österreich von seinen Partnern in Europa. Es wird versucht, ein Land, das auf Grund seiner geographischen und historischen Position dazu bestimmt ist, ein Herzland des Kontinents zu sein, zu isolieren. Mit Wehmut erinnern wir uns heute der großartigen Worte Papst Johannes Pauls II. über die Brückenfunktion Österreichs im neuen Europa, die er bei seinem letzten Pastoralbesuch vor zwei Jahren in der Wiener Hofburg gesprochen hat.

Viele Menschen in Österreich sind besorgt, verwirrt, enttäuscht, empört, in ihrem Selbstverständnis verunsichert. Das Vertrauen in unser demokratisches, offenes, dem inneren und äußeren Frieden verpflichtetes Land ist ins Wanken geraten. In dieser Situation brauchen wir allseits Besonnenheit und sprachliche Behutsamkeit. Manche Äußerungen haben Österreich und seinem Ansehen in der Welt großen Schaden zugefügt. Worte sind nicht nur Schall und Rauch, sie haben eine eigene Kraft; wenn sie unverantwortlich eingesetzt werden, ist ein hoher Preis zu bezahlen. Diese Erkenntnis muss aus den Ereignissen der letzten Zeit gezogen werden.

Es gilt, die Kraft der Mitte zu bewahren, die zur guten österreichischen Tradition gehört. Wir dürfen nicht die Fähigkeit verlieren, Meinungen der anderen als Teil der Wahrheit mitzubedenken. Wir müssen uns der Vorläufigkeit vieler persönlicher Positionen bewußt bleiben. Wir müssen bedenken, daß nichts die Gefährdung des inneren Friedens und die Infragestellung der Verantwortung für das gemeinsame Geschick rechtfertigen kann.

Unser Land hat staatstragende und gesellschaftsprägende Kräfte, die eine negative Entwicklung verhindern können. Zu diesen Kräften gehören auch die Kirchen, die Garanten für Mitmenschlichkeit, für soziale Gerechtigkeit, für Offenheit gegenüber Schutz suchenden Fremden, für Aufmerksamkeit für die Armen und Schwachen sind. Für die Kirchen ist diese Aufmerksamkeit eine Verpflichtung, weil sie in den Armen und Schwachen in besonderem Maß Jesus Christus sehen.

Die katholische Kirche ist gerufen, gemeinsam mit den anderen Kirchen ihre Verpflichtung im Hinblick auf Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung in der neuen Situation noch aufmerksamer wahrnehmen. Sie muß wachsam sein, daß die positiven Errungenschaften der letzten 50 Jahre nicht verloren gehen. Diese Errungenschaften kamen nach den bitteren Erfahrungen mit den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts zu Stande. Die Kirche muß sich unbestechlich im Urteil und mutig in Wort und Tat zeigen, wenn es um die großen Fragen der Gerechtigkeit und der Toleranz, des Friedens, der Menschenrechte, des Respekts vor dem Leben geht. Das Ziel ist keine politisierende Kirche, da ist die österreichische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine allzu deutliche Warnung. Wohl aber geht es um eine Kirche, die ihre Aufgabe als starke Stimme im Gewissen der Gesellschaft ernst nimmt, die Hüterin dessen ist, was wir unter Geschwisterlichkeit verstehen, wie sie uns vom Evangelium vorgezeichnet wird.

Die politische Entwicklung in Österreich hat im befreundeten Ausland zu Reaktionen geführt, die viele Österreicher befremdet haben. Auf dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts - die von der Infragestellung der menschlichen Grundwerte und der menschlichen Würde gekennzeichnet war - mögen manche dieser Reaktionen psychologisch verständlich sein. Auf der anderen Seite sollte man im befreundeten Ausland bedenken, daß Österreich sich in den letzten fünf Jahrzehnten als besonders stabiles, demokratisches, human engagiertes und verfassungstreues Land erwiesen hat.

Ebenso darf nicht vergessen werden, daß die "Wende" des Jahres 1989, der Sieg von Menschlichkeit und Freiheit im ostmitteleuropäischen und osteuropäischen Bereich, auch durch den Beitrag Österreichs möglich geworden ist. Dieses Land, das so viele Jahre ein "Leuchtturm der Freiheit" für die Nachbarn war, hat sich nicht über Nacht gewandelt.

Diese Tage haben uns aber gelehrt: Wir können uns nicht aus der Geschichte verabschieden. Welt- und Zeitgeschichte finden nicht fern von uns statt, sondern in jeder Stadt, jedem Dorf, jedem Haus. Wir alle tragen bei zu den Entwicklungen, wir alle gestalten sie mit. Nicht nur jene, die an der Spitze stehen - jeder von uns ist gefordert.

Die Kirche als weltumspannende Gemeinschaft tritt auch in Österreich für ein einiges Europa ein, ein Europa nicht nur der Wirtschaftsleute, der Diplomaten und Strategen, sondern für ein Europa der Werte. Letztlich geht es um ein Europa des Herzens, um die größere Heimat. Deshalb wird die Kirche auch immer zu den Kräften gehören, die kein falsches "Entweder-oder" zwischen Österreich und Europa zulassen werden.

In den letzten Tagen ist viel Vertrauen zerstört worden. Die Kirche wird ihren Beitrag leisten, damit das wechselseitige Vertrauen zwischen Österreich und Europa wieder hergestellt werden kann.

Der Aufschwung Österreichs in den letzten Jahrzehnten war wesentlich auch den gläubigen Christen mitzuverdanken. "In der Liebe zu Österreich soll uns niemand übertreffen", lautete vor vielen Jahren ein Leitwort der Katholischen Jugend. Dieses Leitwort hat unvermindert Gültigkeit. Die Kirche, die Katholiken, treten ein für ein Österreich der offenen Herzen, ein Österreich, in dem man sich nicht gegenseitig fürchten muß, ein Österreich, in dem zwischen gesellschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Gruppierungen nicht Konfrontation, sondern sachlicher und ehrlicher Dialog herrschen, ein Österreich, das mit seinen Nachbarn und Partnern in Europa und der Welt in Harmonie lebt.

Viele Menschen beten für Österreich, für seine politisch Verantwortlichen, für den Frieden. Wir dürfen auf Gottes Hilfe vertrauen, wir Menschen müssen aber auch das Unsere tun. Viele Katholiken haben in Österreichs schwerer Zeit Maria, die Mutter Christi, um ihren Schutz angerufen. So haben sie in oft aussichtslos scheinenden Stunden die Hoffnung nie verloren. Es ist wieder Zeit dafür.

Wien, 4. Februar 2000

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