tomko funeral - ©  gettyimages / Anadolu Agency / Kontributor

Kardinal Tomko: Für Rom und die Slowakei

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Er war der älteste Kardinal der katholischen Kirche: Letzte Woche wurde der am 8. August 98-jährig in Rom verstorbene Jozef Tomko in seiner slowakischen Heimat beigesetzt.

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Er war der älteste Kardinal der katholischen Kirche: Letzte Woche wurde der am 8. August 98-jährig in Rom verstorbene Jozef Tomko in seiner slowakischen Heimat beigesetzt.

"Kardinal der römischen Kirche, der zeitlebens nicht nur eine slowakische Rolle gespielt hat.“ Mit diesem Satz charakterisierte Kardinal Dominik Duka, Alterzbischof von Prag, beim Begräbnisgottesdienst das Wirken von Jozef Tomko. Tomko sei eine Stütze der Kirche in der noch ungeteilten Tschechoslowakei gewesen, so Duka in seiner auf Slowakisch gehaltenen Homilie im Elisabethdom des slowakischen Košice (Kaschau). Dies bezeugten auch die Materialien des tschechoslowakischen Geheimdienstes, die an Tomkos Sterbetag auf dem Internetportal Svet kresťanstva – Postoj („Welt der Christenheit – Stand-
punkt“) veröffentlicht wurden.

Diese von dem Historiker Jaroslav Šebek in Prag entdeckten Berichte setzen lang vor Tomkos Bischofsweihe ein. Am 5. Juni 1974 heißt es, Tomko gehöre „angeblich der sogenannten progressiven Gruppe im vatikanischen Apparat“ an, verstehe es jedoch, „auch mit den Vertretern der Konservativen umgänglich zu verkehren“. Insgesamt sei seine „grundlegende Charaktereigenschaft eine große Anpassungsfähigkeit“. In den Kreisen der tschechoslowakischen Priesteremigration werde Tomko eine „große Karriere“ vorausgesagt.
Am 2. November 1987 berichtet der Agent „Dore“, der Prager Kardinal František Tomášek sei im Vatikan zweimal mit Tomko zusammengetroffen. Dieser habe angeführt, in der Slowakei sei es gelungen, „ein breiteres Wirken der (KP-freundlichen Bewegung) Pacem in terris einzuschränken“. Die slowakische katholische Kirche, die sich der Sympathien von „mehr als der Hälfte der Bevölkerung“ erfreue, stehe „nicht in der Abhängigkeit von der Staatsverwaltung“, ja sie habe „zahlreiche Anhänger im Staatsapparat“.

Am 27. Oktober 1989, also wenige Wochen vor dem Umsturz in der Tschechoslowakei, wird über das Tauziehen zwischen den Kompromissbereiten um Kardinal-Staatssekretär Agostino Casaroli und den Unnachgiebigen um Kardinal Augustin Mayer berichtet. Die polnische Abteilung im Staatssekretariat sowie die Mehrheit der Deutschen in der Kurie unterstütze offen Kardinal Tomko als Nachfolger Casarolis, der am 24. November sein 75. Lebensjahr vollende und daher dem Papst seinen Rücktritt als Staatssekretär anbieten müsse.

Die Agenten aus Prag lagen aber richtig mit der Prognose, dass Johannes Paul II. –angesichts des im Dezember angesagten Besuchs von Michail Gorbatschow – Casarolis Rücktrittsangebot nicht sofort annehmen würde. Ob Casaroli, wie von ihm angekündigt, im Falle einer Ernennung Tomkos von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, selbst einen Nachfolger vorzuschlagen und um eine Verlängerung seines Mandats anzusuchen, war damit hinfällig. Erst ein Jahr später ernannte Johannes Paul II. Angelo Sodano, einen Kritiker Casarolis, zu dessen Nachfolger.

Der rote Papst

Tomkos Geburt in der Ostslowakei, wo es in jedem Dorf Kirchen von mindestens drei verschiedenen Konfessionen gibt, und sein Studium der Kirchengeschichte (Tomko erwarb drei Doktorate) hätten ihn für Aufgaben in der Ökumene prädestiniert sowie zunächst als Generalsekretär der von Papst Paul VI. nach dem Konzil eingerichteten Bischofssynode, so Kardinal Duka beim Begräbnis. Zu einem „polnisch-slowakischen Tandem“ mit Karol Wojtyła als Papst und Jozef Tomko als Kardinal-Staatssekretär sei es zwar nicht gekommen, durch das Amt des Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker habe Tomko aber doch die „Rolle eines zweiten Mannes der Kirche“ übernommen. In Afrika, Asien und anderen Regionen, wo er das entscheidende Wort bei der Errichtung von Diözesen und der Ernennung von Bischöfen hatte, sei er daher oft als „roter Papst“ tituliert worden.

Die Weichen für all dies habe Bischof Jozef Čárský gestellt, der Tomko im Herbst 1945 zur Fortsetzung seines Studiums nach Rom schickte, so Duka. Nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 konnte Tomko nicht mehr in die Heimat zurückkehren und konzentrierte sich auf seine Studien und das Knüpfen von Beziehungen zu den Exilslowaken. Mit 27 Jahren avancierte er zum Vizedirektor und Ökonom des Nepomucenums, des römischen Priesterkollegiums der Tschechen und Slowaken, und betätigte sich im Fundraising für ein selbstständiges Kollegium der Slowaken.

Die Gründung des Zyrill-und-Method-Instituts in Rom im Jahr 1961 bedeutete „für den slowakischen Katholizismus eine große Unterstützung“, so Kardinal Duka vor der im Kaschauer Dom versammelten Staatsspitze. Das seien Tatsachen, die er „nicht unterschlagen“ könne und „mit Staunen bewundern“ müsse. Die auch von tschechischer kirchlicher Seite umfehdete Verselbstständigung der Slowaken in Rom war ein Vorspiel zur Bildung einer eigenen Kirchenprovinz in der Tschechoslowakei 1977 und zur schrittweisen Loslösung der Slowakei aus dem gemeinsamen Staat in den Jahren 1969, 1989 und 1993.

Der heute emeritierte Kaschauer Erzbischof Alojz Tkáč habe Kardinal Tomkos Wunsch nach einer Beisetzung im Dom seiner Heimatdiözese stattgegeben und schon 2016 dafür eine Gruft vorbereiten lassen. „Möge der Herrgott dir alles vergelten, was du für die Kirche Christi, für unsere Zyrill-und-Method-Länder getan hast“, so Kardinal Duka.

Fehlanzeige Bezák

Keine Erwähnung fand in Dukas Predigt die Affäre Bezák. Der 2012 abberufene Erzbischof von Trnava hatte in einem zwei Tage vor Tomkos Tod publizierten Interview erklärt, er hatte seine Ernennung zum Erzbischof Tomko zu verdanken. Eine Relecture von Tomkos Homilie bei der Bischofsweihe 2009 lässt daran keinen Zweifel. Ihn selbst habe Papst Johannes Paul II. zum Bischof geweiht und jetzt lege er „dir, lieber Pater Róbert“ die Hände auf und übergebe ihm „gemeinsam mit den bischöflichen Mitbrüdern die apostolische Sendung. Wie du siehst, sind wir beide auf einer guten Linie!“

Tomko hat sich zu Bezáks Absetzung nie geäußert. War er enttäuscht von seiner Amtsführung? Der Dissident und spätere Parlamentspräsident František Mikloško wusste jedoch an Tomkos Sterbetag zu berichten, Tomko habe darunter gelitten, dass er bei der Absetzung seines Schützlings hintergangen worden sei.

War Jozef Tomko ein Wendehals? Man kann auch von Loyalität sprechen. Er hat sieben Päpsten gedient, noch Benedikt XVI. ernannte ihn zum Mitglied der Vatileaks-Kommission und auch der so anders geartete Franziskus hat ihn offenbar geschätzt. Tomko selbst sah sich als Anwalt des Konzils, Rom bedeutete bei ihm Weitblick, Besonnenheit und Dialog. Der „Alte vom Berge“ wird der slowakischen katholischen Kirche fehlen.

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