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"Kein Operettentheater"

Rudolf Berger, der neue Direktor der Wiener Volksoper, über Programmschwerpunkte, Budgetnöte und den Wert des Musiktheaters für das emotionale Leben.

Nach dem vorzeitigen Abgang von Dominique Mentha übernimmt Rudolf Berger mit Beginn der Saison 2003/2004 die Direktion und künstlerische Geschäftsführung der Volksoper Wien. Berger, der in Basel geboren und in Innsbruck aufgewachsen ist, studierte Musikwissenschaft und Sologesang. In den frühen achtziger Jahren arbeitete er als Regieassistent und Regisseur, unter anderem in Innsbruck und Barcelona. Chefdisponent an der Opéra de Nice, Directeur de scène in Aix-en-Provence, Künstleragent in Paris und Chefdisponent der Wiener Staatsoper waren weitere Stationen seiner Laufbahn. 1994 wurde ihm die Leitung der Wiener Kammeroper und des Belvedere Gesangswettbewerbs übertragen, 1997 die Generalintendanz der Opéra du Rhin in Straßburg.

Die "große Tradition der Volksoper zeitgemäß weiterführen", ist eines von Rudolf Bergers Zielen; als Premieren seiner ersten, mit äußerst kurzem Vorlauf geplanten Saison sind Friedrich von Flotows "Martha", Franz von Suppés "Boccaccio", Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" und Johann Strauß "Eine Nacht in Venedig" angekündigt.

Die Furche: Von Ihrem Vorgänger Dominique Mentha übernehmen Sie ein Haus, das zur Zeit nicht den besten Ruf genießt. Was ist Ihr vorrangigstes Ziel als neuer Direktor der Volksoper Wien?

Rudolf Berger: Das vorrangigste Ziel ist, dem Haus den Stellenwert wiederzugeben, den es verdient. Das kann nur von innen kommen; also versuche ich, dem Haus und seinen Mitarbeitern das verloren gegangene Selbstvertrauen zurückzugeben. Man muss wissen, wo die Stärken des Hauses liegen. Nur mit diesem Wissen kann man nach außen hin Selbstvertrauen ausstrahlen und zeigen, dass die Volksoper ein wichtiges Haus ist.

Die Furche: Sie kommen jetzt aus Straßburg, einer Stadt, in der es nur ein Opernhaus gibt. In Wien spielen gleich drei Opernhäuser, die Staatsoper, die Volksoper und die Kammeroper ...

Berger: ... und wir haben hier das Glück, dass in dieser Stadt nicht wie in Berlin diskutiert wird, ob man so viele Opernhäuser braucht! Die Volksoper hat im Gegensatz zur Staatsoper einen großen Vorteil: die Schwellenangst, in die Volksoper zu gehen ist geringer. Wir können ein größeres Publikum ansprechen, auch ein jüngeres Publikum. Es ist für mich ganz wichtig, der Jugend zu zeigen, dass Musiktheater für das emotionale Leben etwas sehr Bereicherndes sein kann.

Die Furche: Die Volksoper hat immer als wichtiges Operettenhaus gegolten. Auch in Ihrem Spielplan ist die Operette vertreten, in der Machart schlagen Sie aber einen anderen Weg als Ihr Vorgänger ein.

Berger: Man muss vorausschicken, dass die Volksoper nie ein Operettentheater war; man hat hier zwar immer Operette gespielt, aber nur zum Teil. Ganz im Allgemeinen ist die Operette nicht so schlecht, wie oft getan wird. Man muss nur darauf zurückgreifen, was die Operette einmal war, nämlich ein gesellschaftlicher Spiegel. Ich möchte, dass das Publikum mit Freude hinausgeht und sich unterhalten hat; ich möchte aber auch, dass das Publikum nachdenkt. Es stimmt einfach nicht, dass die Leute nicht nachdenken wollen. Auch in der Operette gibt es viele Momente, die zum Nachdenken anregen.

Die Furche: Es wird immer wieder gefordert, dass sich die Volksoper der so genannten "Volksoper", genauer gesagt der Spieloper annehmen solle; als erste Premiere spielen Sie ein Werk dieses Genres, Flotows "Martha". Ist das prinzipiell ein Bereich, den die Volksoper pflegen sollte.

Berger: Ich denke schon, allerdings darf man den Begriff "Volksoper" nicht auf die deutsche Spieloper reduzieren. "Martha" ist eine Volksoper und eine Spieloper, "Madame Butterfly", die später in der Saison kommen wird, ist keine Spieloper, aber doch eine Volksoper, weil sie eine sehr populäre Oper ist. Das heißt aber nicht, dass wir nur populäre Opern spielen sollten. Mir schweben für die Volksoper nicht nur deutsche Spielopern, sondern auch französische Buffo-Opern, Smetanas "Verkaufte Braut", verschiedene JanáÇcek-Opern, Werke von Britten und Uraufführungen aus den letzten zehn Jahren vor. In Straßburg habe ich zum Beispiel als europäische Erstaufführung "A Streetcar namend Desire" von André Previn gebracht, das war ein großer Erfolg; das Stück läuft jetzt in mehreren Häusern in Europa.

Die Furche: In der Diskussion um die Finanzierung der Kunst scheinen Auslastungszahlen oft wichtiger als künstlersicher Erfolg. Bleiben so gesehen überhaupt Freiräume, um schwer verkäufliche neue Opern und Uraufführungen herauszubringen?

Berger: Man kann die Neugier auf Neues nur erwecken durch Qualität im bekannten Bereich! Das ist ein sukzessiver Prozess, bei dem man Geduld haben muss. Für mich ist die kommende Spielzeit an der Volksoper eine Spielzeit des Übergangs; man kann nicht von einem auf den anderen Tag den Stil ändern, dazu sind wir zu beengt im Repertoire. Bei den schon erwähnten Aufführungen von "A Streetcar named Desire" hatten wir in Straßburg eine Auslastung von 92 Prozent - das war der Effekt der vorausgegangenen Arbeit. Derartiges zu erreichen, ist auch hier mein Ziel.

Die Furche: Unter Ihrem Vorgänger hat es mehrmals Diskussionen um die Spielplanabsprache zwischen Staats- und Volksoper gegeben; wird es repertoiremäßige Abgrenzungen zur Staatsoper geben.

Berger: Repertoiremäßige Abgrenzungen wird es sicher nicht geben, denn es gibt Stücke, die in beiden Häusern ihre Berechtigung haben, zum Beispiel "Madama Butterfly"; erstens, spielen wir eine spezielle Fassung, die Urfassung und zweitens ist die Produktion der Staatsoper schon sehr alt. Wichtig ist, dass wir den Spielplan zwischen den Häusern absprechen und Synergien nutzen. Wenn die Staatsoper zum Beispiel im Herbst 2004 die "Tote Stadt" herausbringt, werden wir um diesen Termin unsere Opern aus dieser Zeit - "Die Vögel", "König Kandaules" - ansetzen; so entstehen Schwerpunkte, und genau das ist für mich Repertoirepolitik. Die Volksoper ist ein unabhängiges Haus und soll es auch bleiben, trotzdem werden wir auch ensemblemäßig zusammenarbeiten: Antigone Papoulkas ist ein neues Mitglied der Staatsoper, bei uns singt sie "Boccaccio", andererseits singt Morton Frank Larsen, ein Volksopern-Solist auch an der Staatsoper - das ist für uns ein Gewinn.

Die Furche: Sie übernehmen zwar ein Haus ohne Schulden, die finanzielle Situation der Volksoper ist aber nicht die beste ...

Berger: ... weil wir, wie alle Bundestheater, seit zehn Jahren mit der selben Summe auskommen müssen. Am Anfang hat es durch die Ausgliederung Einsparungspotenzial gegeben, doch diese Möglichkeiten sind völlig ausgereizt. Wir sind jetzt in der heiklen Situation, dass die Grundsubvention nicht mehr die Fixkosten abdeckt und schon die ersten Einnahmen in die Fixkosten fließen, was strukturell ungesund ist. Wir sind sehr besorgt, weil in unseren Bereichen in der Zukunft nicht weiter eingespart werden kann, ohne an die Substanz zu gehen. Das Repertoire gehört erneuert, was aber wiederum nur mit neuen Produktionen geht, die eine gewissen Opulenz und eine gewisse Solidität haben müssen. Weniger Premieren anzubieten, ist sicher nicht der richtige Weg, denn das würde auch weniger Publikum bedeuten.

Die Furche: Haben Sie einen Leitsatz für Ihre Direktionstätigkeit?

Berger: Ich glaube, wir können nur mit dem Publikum kommunizieren, wenn wir selbst Freude an dem haben, was wir tun - Freude kann man auch an ernsten Dingen haben. Das Engagement an der Sache muss stimmen.

Das Gespräch führte

Michael Blees.

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