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(K)ein Symbol kultureller IdentItät?

1945 1960 1980 2000 2020

Berührungspunkte zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten, der italienischen lega und den "skandalrappern". Ein Gastkommentar.

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Berührungspunkte zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten, der italienischen lega und den "skandalrappern". Ein Gastkommentar.

Seit Anfang Juni gilt, dass in den Landesbehörden Bayerns Kreuze hängen sollen. Aus Sicht von Ministerpräsident Markus Söder -so zumindest die öffentliche Deutung dieser symbolischen Handlung -soll es sich da um ein "Bekenntnis zur Identität" handeln.

Mit einer vergleichbaren Begründung fordert jetzt auch die italienische Lega Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden. Man darf dies als Bekenntnis zu einem "christlichen Europa" werten. Die christliche Identität dieses historischen Konstrukts wird zuweilen gerne auch zu einem "jüdisch-christlichen Europa" erweitert. Gläubige anderer Religionen oder auch Religionslose können sich durch derartige Manöver als Bürger zweiter Klasse in Europa fühlen -oder sollen sie sich vielleicht sogar so fühlen?

Antijüdische Tradition Europas ausgeblendet

Angesichts derartiger Formulierungen ist man als Historiker dazu geneigt, geistesgeschichtliche Beziehungen zwischen der Argumentation von Söder, der wohl als Vorbild für die Forderung der italienischen Lega dient, und den Rappern herzustellen, die erst kürzlich für Schlagzeilen sorgten. Die Rapper Farid Bang und Kollegah hatten zunächst den Musikpreis Echo erhalten. Dieser wurde dann allerdings in der Folge der Kontroversen um den Song "0815" abgeschafft. Der Song war aufgrund entsprechender Texte zu Recht als antisemitisch eingestuft worden. Wo liegen nun die geistesgeschichtlichen Berührungspunkte zwischen den Rappern und einem bayerischen Ministerpräsidenten?

Hierfür muss man einen Blick auf die Geschichte Deutschlands werfen: Die Hauptstadt des Freistaates Bayern ist München. Dort wurde am 19. November 1936 eine Forschungsabteilung des "Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands" eröffnet. Diese Forschungsabteilung sollte sich der "Judenfrage" widmen. Diese Forschungen sind, was die Konstruktion von "europäischen" oder "abendländischen" Identitäten betrifft, durchaus aufschlussreich - vor allem dann, wenn es sich um die oft in der Öffentlichkeit beschworenen "christlichen" beziehungsweise "jüdisch-christlichen" Identitäten Europas handelt. Ein Studium der Veröffentlichungen dieses Instituts ist dazu angetan zu zeigen, welche historischen Irrwege der bayerische Ministerpräsident unwissentlich berührt, wenn er das Kreuz als Zeichen nationaler Identität bezeichnet.

Die Rede von einem "jüdisch-christlichen" Europa insinuiert, dass die Juden stets gleichberechtigter Teil des "Abendlandes" gewesen seien. Das Reichsinstitut, dessen Forschungsabteilung Judenfrage im Jahr 1936 in München gegründet wurde, war eine Einrichtung der NSDAP und als solche ein Instrument der NS-Propaganda. Die Wissenschaftler dieses Institutes legten den wissenschaftlichen Grundstein für die Konstruktion eines "christlichen Abendlandes" nationalsozialistischer Prägung unter Einbeziehung von historischen Entwicklungen. Bei Gründung des Reichsinstituts waren Persönlichkeiten wie Rudolf Heß, Alfred Rosenberg, Baldur von Schirach und Wilhelm Stuckart anwesend. Natürlich waren das Nationalsozialisten; ein Teil von ihnen wurde später als Kriegsverbrecher verurteilt.

Die Veröffentlichungen der Forschungsabteilung Judenfrage dokumentieren die jahrhundertelange systematische Ausgrenzung der Juden durch das "christliche Abendland" wissenschaftlich sorgfältig und detailliert. Auf Basis dieser historischen Entwicklung sollte die "christliche Identität" des Abendlandes zur Ausgrenzung der Juden bis hin zur Rechtfertigung der Schoa instrumentalisiert werden. Von den historisch belegten Ausgrenzungen der Juden, die das tägliche Leben betrafen, sei beispielsweise auf die Synode von Elvira aus dem Jahr 305 verwiesen. Der entsprechende kirchenrechtliche Paragraph hat folgenden Inhalt: "Wenn ein Kleriker oder ein Laie mit einem Juden zusammen isst, ist er vom Sakrament auszuschließen." Mahlgemeinschaft mit Juden machte damals Christen kultisch unrein.

Die Konsequenzen, welche durch das Trullanum aus dem Jahr 692 angedroht werden, sind -zumindest für einen Kleriker -ebenfalls weitreichend, der Grad der Berührung weitaus schwächer: "Kein Christ, weder Laie noch Kleriker, darf mit den Juden essen, mit Juden vertraulich umgehen, Medizin von ihnen nehmen; der Kleriker, der solches tut, wird abgesetzt, der Laie exkommuniziert."

Geschichtsvergessene Identitätspolitiker

Zur "abendländischen" oder "europäischen" Identität gehört leider historisch, dass die christliche Mehrheitsgesellschaft Europas über viele Jahrhunderte hinweg Juden systematisch und bewusst ausgegrenzt hat. Damit soll nun keinesfalls unterstellt werden, dass der heutige Münchener Ministerpräsident mit einer derartigen Politik auch nur im Geringsten sympathisieren würde. Was ihm jedoch vorzuwerfen ist, ist Geschichtsvergessenheit. Es ist noch nicht lange her, dass die Berufung auf eine christlich-abendländische Identität mit dazu beigetragen hat, die Schoa zu ermöglichen.

Damit ist gezeigt, dass die Verwendung von religiösen Motiven zur Begründung nationaler oder kultureller Identität eines Flächenstaates dazu angetan ist, berechtigte Ausgrenzungsängste in Personen zu erzeugen, die im Gebiet eines solchen Flächenstaates leben. Gerade deswegen wäre es dringlich nötig, die Identitätsstiftung europäischer Staaten und Teilstaaten von historisch mit diesen Gebieten verbundenen religiösen Bekenntnissen und deren Symbolen zu trennen. Es ist wohl das Ziel Söders oder auch der Lega, durch diese Forderung konservative Christen enger an die jeweilige Partei zu binden. Gerade deswegen wäre es zu wünschen, dass die christlichen Kirchen gegen eine derartige plumpe Instrumentalisierung christlicher Symbole als wahlpolitische Propaganda protestieren.

Um Verkaufszahlen und Wählerstimmen

Das Christentum ist eine Bekenntnisreligion. Deswegen ist die Verwendung dieser Religion zur Konstruktion einer "kulturellen Identität" einer Gesellschaft grundsätzlich zu hinterfragen. Historisch unterstützte die Berufung auf eine derartige Identität die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung.

Auch die Texte der Rapper sind dazu angetan, eine derartige Ausgrenzung zu unterstützen. Man ist als Christ verpflichtet, beiden, den Rappern wie den Politikern, zu unterstellen, dass sie sich nicht wirklich dessen bewusst sind, was sie tun. Man wird vermuten dürfen, dass es den einen um Verkaufszahlen und Hitlisten, dem anderen um Wählerstimmen und politisches Kleingeld geht. Dafür darf jedoch ein zentrales christliches Symbol, nämlich das Kreuz, nicht missbraucht werden. Dies gilt in besonderer Weise für eine Partei, welche sich in ihrem Namen noch immer als "christlich" bezeichnet.

| Der Autor ist Projektleiter zweier vom FWF geförderter Forschungsprojekte an der Universität Wien |

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