Ordensschulen - Religionen als gemeinsamer Anker in den Ordensschulen - © StefanLeitner.com
Religion

Keine Angst vor der Vielfalt

1945 1960 1980 2000 2020

Ordensschulen sind aus der österreichischen Bildungslandschaft nicht wegzudenken. Sie setzen Akzente und stellen sich der Zeit.

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Ordensschulen sind aus der österreichischen Bildungslandschaft nicht wegzudenken. Sie setzen Akzente und stellen sich der Zeit.

Papiersackerln rascheln, einige Kinderstimmen sind zu hören. In der Aula des Schulzentrums Friesgasse im 15. Gemeindebezirk warten jeden Morgen Schüler geduldig auf den Schulbeginn. Sie plaudern miteinander, tauschen sich aus; einige essen ihr mitgebrachtes Frühstück. In wenigen Minuten werden sie alles wieder zusammenpacken, ihre Taschen nehmen und in ihre Klassen gehen. So beginnt hier der Schultag.

Am Standort Friesgasse befinden sich einige der österreichweit über 200 Ordensschulen. „Ordensschulen sehen ihre Aufgabe in der Bildungslandschaft als einen Erziehungsauftrag und nicht nur als Orte der Wissensvermittlung“, sagt Rudolf Luftensteiner, Leiter des Bereiches Bildung und Ordensschulen bei den Ordensgemeinschaften Östereich und Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Ordensschulen Österreichs (VOSÖ).

Über 1400 Kinder und Jugendliche besuchen heute im Campus Friesgasse derzeit vier Schultypen wie AHS, Handelschule und HAK-Aufbaulehrgang, Neue Mittelschule und Volksschule, einen Kindergarten sowie einen Hort. Die Schüler sprechen mehr als 40 verschiedene Muttersprachen und gehören durchschnittlich über 20 Religionsbekenntnissen und Konfessionen an. „Wir sehen unseren zentralen Bildungsauftrag darin, junge Menschen auf das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft vorzubereiten“, sagt Maria Schelkshorn-Magas, seit dem Jahr 2015 Leiterin des Campus: „Wir sind hier ein globales Dorf und eine gut funktionierende Gemeinschaft.“ Gegründet wurde „die Friesgasse“ im Jahr 1860 von den Schulschwestern Notre Dame (SSND). Schulerhalter ist heute der Verein Schulverbund SSND Österreich, der auch Standorte in Freistadt und Kritzendorf betreibt.

Religionen als gemeinsamer Anker

Der Schulalltag beginnt nicht nur in der Friesgasse mit einer kurzen Morgenmeditation; auch im Stiftsgymnasium Melk wird zu Unterrichtsbeginn gebetet, erzählt Anton Eder, der hier seit über 20 Jahren Direktor ist. „Da es hier um den Menschen in seiner Gesamtheit geht, hat Religion einen wichtigen Stellenwert“, sagt Rudolf Luftensteiner. Er sieht die Ordensschulen auch dem ‚Prinzip Gebet‘ verpflichtet: „Die Schülerinnen und Schüler werden daher schon zu Schulbeginn betend empfangen.“

Neben katholischen erhalten auch evangelische, orthodoxe und muslimische Schüler Religionsunterrricht in der Friesgasse, erzählt Maria Schelkshorn-Magas: „Religion hat bei uns einen hohen Stellenwert, aus deren Boden alle anderen Werthaltungen wachsen“, ist sie überzeugt. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde etwa in der Friesgasse der erste muslimische Religionsunterricht an einer katholischen Schule in Wien ermöglicht. Maria Schelkshorn-Magas: „Nicht obwohl, sondern gerade weil wir katholisch sind, nehmen wir Andersgläubige auf.“

Wir sehen unseren zentralen Bildungsauftrag darin, junge Menschen auf das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft vorzube­reiten. (Maria Schelkshorn-Magas)

Maria Schelkshorn-Magas - Leitet seit 2015 den Campus Friesgasse: Maria Schelkshorn-Magas - © Christopher Erben
© Christopher Erben

Leitet seit 2015 den Campus Friesgasse: Maria Schelkshorn-Magas

Seit über 20 Jahren leitet Anton Eder das Stiftsgymnasium Melk, in der er vor vielen Jahrzehnten selbst Schüler war. Über 900 Schüler besuchen es heute. Im Jahr 1966 gehörte das Gymnasium zu den ers­ten Ordensschulen für Knaben, die auch Mädchen aufgenommen haben. Während Mädchen als Schüler hier früher eine Minderheit waren, stellen sie heute mit über 60 Prozent sogar die Mehrheit, erzählt der Schuldirektor. Träger der Schule ist nach wie vor das Stift Melk bzw. der Schulverein Gymnasium Melk.

Anton Eder: „Das individuelle Kind steht bei uns im Fokus.“ Jedes habe eine Würde und die Lehrer sollen es nach Kräften ermutigen und unterstützen. Durch Zusatzangebote können Schüler hier ihre Begabungen und Talente entwickeln. Schwächere werden durch Nachhilfe kostenlos unterstützt – organisiert und kostenlos angeboten von Schülern der höheren Jahrgänge.
Die innerschulische Soldidarität wird in Melk hochgehalten, erzählt Anton Eder stolz. Viele Eltern identifizieren sich mit der Schule und engagieren sich daher auch im Elternverein. Als einzigartig empfindet er die Atmosphäre in seiner Schule. Hinter der Schule stehe auch ein Klos­ter, das sie unterstützt. Der Ort hier lebe außerdem, so Anton Eder: „Weil immer jemand da ist.“

In der Fest- und Feierkultur werden in den Ordensschulen ganz bewusst die Beheimatungen der Schülerinnen und Schüler sowohl kulturell als auch religiös aufgegriffen und eingebaut, führt VOSÖ-Vorstandsvorsitzender Rudolf Luftensteiner aus. Ausgrenzung und Abschottung werden an Ordensschulen nicht zugelassen. Rudolf Luftensteiner: „Wir sehen unsere Schulen als einen Lernort, an dem Dialogfähigkeit gefördert, gebildet und gelebt wird.“

„Wir schließen niemanden aus“

Nicht als Problem, sondern als Bereicherung sieht die Ordensschule Friesgasse die kulturelle und religiöse Vielfalt der Schüler, so Maria Schelkshorn-Magas. Der Umgang miteinander erfolge völlig angstfrei. 20 Prozent der Schüler sind hier Muslime und über 25 Prozent Orthodoxe. Man lädt einander gegenseitig zum Besuch von Festgottesdiensten ein und begeht gemeinsam multireligiöse Feiern, freut sich die Leiterin. Sie erlebe die Inklusion der Kulturen und Religionen in ihrer Schule als einzigartig. „Alle Schüler werden in ihrer Eigenart ernstgenommen und bekommen ihren Platz ungeachtet ihrer Herkunft.“

Gerne denkt Sebastian Janoch auch an seine Schulzeit an der Albertus-Magnus-Schule in Wien zurück. „Es war für mich eine schöne und oft unbeschwerte Zeit“, sagt er. Missen möchte er sie nicht. Von der Volkschule bis zur Matura besuchte er sie. Durch die gelebte Religiosität fand er auch zu seinem Glauben zurück. Nach wie vor treffe er seine früheren Lehrer und bleibe auch mit der Schule in Kontakt, so der heute 24-Jährige im Gespräch.

Keine katholische Blase

Für Anton Eder wäre ohne Ordensschule der Schul- und Bildungsweg bestimmt anders verlaufen. Er stammt ursprünglich aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Seine Eltern waren anfangs dagegen, dass er das Stiftsgymnasium in Melk besucht, da sie für das Schulgeld nicht aufkommen konnten. Der Religionslehrer in der Volksschule unterstützte ihn aber. Auch kam die Schule seinen Eltern beim Schulgeld entgegen. Das ist auch heute noch bei den Ordensschulen der Fall. Auf soziale Härtefälle werde besondere Rücksicht genommen, heißt es in der Friesgasse – etwa durch
Ermäßigungen und sogar Freiplätze. Maria Schelkshorn-Magas: „Unsere moderaten Preise zeigen: Wir sind zwar eine Privatschule, aber keine Nobelschule und vor allem keine geschlossene katholische Blase.“

Viele Ordensschulen seien dank der dahinter stehenden Orden heute auch weltweit vernetzt, erzählt Eder. Schulpartnerschaften kommen daher den Schülern zugute. Seit über 50 Jahren pflege das Stiftsgymnasium eine solche mit einer benediktinischen Schule in den USA. Anton Eder zitiert den früheren Abtprimas Notker-Wolf, der in der Vernetzung der Schulen auch
eine Globalisierung der Humanität sieht.

Auf die gemeinsame dreitägige Wallfahrt im September nach Mariazell freut sich die Leiterin des Campus Friesgasse schon besonders. Zahlreiche Lehrer, Eltern, Schüler und Ordensschwestern werden gemeinsam wieder unterwegs sein. Auch dazu werden alle eingeladen. Maria Schelkshorn-Magas: „Nein, wir schließen in unserer Schule niemanden aus.“

Fakt

Die Vereinigung der Ordensschulen

Im Jahr 1993 wurde die Vereinigung der Ordensschulen Österreichs VOSÖ auf Initiative der Ordensgemeinschaften gegründet und ist heute der größte private Schulträger Österreichs. Dieser ist als Verein organisiert, deren Mitglieder die Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, die Vereinigung der Frauenorden Österreichs sowie 15 Ordensgemeinschaften sind. Die VOSÖ übernimmt Schulen, die von den Ordensgemeinschaften nicht mehr getragen werden können, und führt sie in deren Tradition weiter. Am 1. September 2019 übernahm sie den Bildungscampus Riedenburg in Bregenz von den Sacré-Coeur-Schwes­tern. Neu unter das Dach der Vereinigung der Ordensschulen Österreichs (VOSÖ) kamen damit eine Volksschule, ein Gymnasium mit Internat und eine HLW mit mehr als 672 Schülern.

Fakt

51.300 Schüler(-innen)

Im Schuljahr 2017/18 waren an Österreichs Schulen laut Statistik Austria über 1,1 Millionen Schüler an über 6.000 Schulen eingeschrieen. Die größten Schulerhalter sind die Gemeinden, gefolgt von den Ländern und dem Bund. Über 51.300 Schüler besuchen heute Ordensschulen, 11.300 davon Bildungseinrichtungen der Vereinigung de Ordensschulen Österreichs (VOSÖ). Hinzu kommen außerdem Kindergärten und Kindertageseinrichtungen. 43 Ordensschulen befinden sich heute in direkter Trägerschaft eines Ordens; 163 werden durch verschiedene Ordensschulvereine - einer davon ist der VOSÖ - getragen.

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