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Keine "Teufelsanbeter"

Am 14. August, als 500 von ihnen im Nordirak in die Luft gesprengt wurden, waren die Jesiden einen Augenblick lang in der Weltöffentlichkeit. Schon vor 100 Jahren erforschte ein österreichischer Orientalist ihre Religion.

Im Irak soll jetzt ein Programm zur nationalen Versöhnung der Selbstzerfleischung unter Schiiten, Sunniten und Kurden Einhalt gebieten. Dabei werden nicht nur die irakischen Christen, sondern erstmals auch die Jesiden berücksichtigt: Eine bestenfalls vergessene, meist von allen Seiten als vermeintliche Teufelsanbeter bedrängte Glaubensgemeinschaft. Weitgehend schon zur Emigration gezwungen, bringen sie einen erfreulichen Ton ins Spektrum der sonst meist düsteren Parallelgesellschaften in unserer Mitte.

Für ihre Sprecher kann es ohne Fortbestehen der Diaspora auch in der Heimat keine Zukunft geben. Aus dieser Einsicht bemühen sich die Exil-Jesiden gerade jetzt um christliche Solidarität. Ihre religiös engsten Verwandten, die südirakischen Mandäer und die persischen Zarathustrier, sind heute selbst überwiegend Vertriebene in einer fremden Welt. Mit den Christen verbinden die Jesiden der Glaube an Jesus Christus als endzeitlichen Weltenrichter, eine Taufe durch dreimaliges Untertauchen wie bei den Ur- und Ostchristen sowie eucharistische Anklänge.

Durch Karl May verbildet

Breitesten Kreisen hat die Jesiden Karl May nahe gebracht. Mit den letzten Kapiteln seines Erfolgswerkes Durch die Wüste und auf den ersten 100 Seiten des noch berühmteren Durchs wilde Kurdistan öffnete er die Herzen junger und alter Leser für dieses viel verleumdete Religionsvolk. Er zeigte sich dabei als erfolgreicher Popularisierer westlicher Reiseberichte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon aus diesen Darstellungen ging überzeugend hervor, dass es sich bei den angeblichen Schaitan-perest (Teufelsdienern) oder Cirakma söndiren (Kerzenauslöscher, ein schon gegen die frühen Christen gerichteter Vorwurf ritueller Orgien) in Wirklichkeit um ein freundliches Völkchen handelt.

Systematischer Erforscher der Jesiden-Religion war dann der österreichische Orientalist Maximilian Bittner (1869-1918). Am Vorabend des Ersten Weltkriegs veröffentlichte er in den Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien die von ihm entdeckten und übersetzten Heiligen Bücher der Yeziden oder Teufelsanbeter (Kurdisch und Arabisch). Es handelt sich dabei um das Buch der Offenbarung (Kiteb-i Celwe) und das Schwarze Buch (Mashaf-i rasch") sowie eine arabische Hymne auf den größten Jesiden-Heiligen Scheich Adi aus dem 12. Jahrhundert. Für die Zeit Bittners waren diese Schriften ein Tor zur jesidischen Geheimreligion. Die heutigen Jesiden-Theologen, vor allem jene im Exil, sehen diese Werke nur mehr als späten Versuch, die Jesiden als Besitzer heiliger Bücher auszuweisen und ihnen damit nach islamischem Staatsreligionsrecht anstelle ihrer chronischen Vogelfreiheit Duldung und eine gewisse Kultfreiheit zu sichern. Das einzige, was sie damit erreichen konnten, war eine 1875 durch den Sultan verfügte Freistellung vom osmanischen Militärdienst. Die modernen Jesiden in der europäischen Diaspora betonen hingegen die mündliche Überlieferung als ursprünglichere Glaubensquelle. Der echte Glaube werde überwiegend durch Lieder und Bräuche weitergegeben. 2003 veröffentlichte in Mün-chen Hilmi Abbas in deutscher Sprache Das ungeschriebene Buch. Es stellt die Schöpfungsgeschichte aus jesidischer Sicht dar. In Berlin wird zur Zeit ein Handbuch der jesidischen Religionsphilosophie vorbereitet. Darin gibt es Bezüge zu Augustinus und Leibniz, sogar zu Teilhard de Chardin und Papini.

Ein Luzifer in Gottes Plan

Zentralidee des Jesidentums, das seine Selbstbezeichnung auf den iranischen Gottesnamen Yazdan zurückführt, ist eine Art Rollenverteilung zwischen dem allguten Allmächtigen und einem eigenmächtigen Luzifer, dem Malak Taus (Engel Pfau), der gegen seinen bösen Willen dem göttlichen Heilsplan zu dienen hat. Also eine Art orientalischer Theodizee!

Politisch hatten sich die Jesiden im letzten Jahrhundert religiös indifferenten Ideologien angeschlossen. Vom jungen Nationalismus ihrer kurdischen Sprachgeschwister, die fast ausnahmslos Muslime sind, trennte sie der Religionsunterschied. Die meisten Jesiden im Irak unterstützten daher den areligiösen Baath-Sozialismus und in seiner ersten Phase vor den Golfkriegen auch Saddam Hussein, besonders nach dessen Kurden-Manifest von 1970. Saddams Jesiden-Spezialist war Sami Said al-Ahmad, der ein zweibändiges Werk über das jesidische Glaubenssystem und dessen gesellschaftlich-politische Manifestation verfasst hat. Heute setzen die im Irak gebliebenen Jesiden ihre Hoffnungen auf den autonomen Kurdenstaat und dessen Ausweitung auf jene Gebiete, die theoretisch der Zentralregierung in Bagdad unterstellt sind, praktisch aber von sunnitisch-arabischen Extremisten mit enger Bindung zur Al-Kaida beherrscht werden. Der schreckliche Jesidenmord vom 14. August, bei dem an die 500 Menschen einfach "weggesprengt" wurden, hat sich in diesem gesetzlosen Raum abgespielt.

In der Türkei hatten sich die Jesiden mehrheitlich dem laizistischen Kemalismus geöffnet. Er schien für sie die einzige Alternative zur atheistisch-religionsfeindlichen PKK von Kurdenführer Öcalan und islamistischen Kurden im Sold Irans oder radikaler Wahhabiten zu bieten. Als Folge der ständigen Kämpfe zwischen kurdischen Rebellen und türkischen Truppen haben die meisten Jesiden östlich vom oberen Tigris in Mitteleuropa Zuflucht gesucht. Sie zählen hier heute über 50.000 Köpfe. Den Kemalismus brachten zunächst sie mit, gerade nach Deutschland. Neuestens versuchen sie jedoch, Anschluss an die von den türkischen Christen angestrebten und vor allem bei einem EU-Beitritt Ankaras erhofften Besserstellungen zu finden. Ein neuer "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) wie in der Nachkriegszeit liegt zwischen Wien und Berlin in der Luft. Mit dem Unterschied, dass es sich dabei um keine Brünner und Bukowiner, sondern Christen und andere Kleinreligionen aus dem Orient handelt, die neue europäische Minderheiten bilden. Sie wollen aus Europa das Überleben der Daheimgebliebenen sichern, aber auch verhindern, dass der sie seit Jahrhunderten diskriminierende, oft unterdrückende Machtislam nun im Abendland selbst Fuß fasst und ihre Flucht damit einholt.

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