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Kirche in Gesellschaft

Wie stellt sich Kirche in einer Phase der "Verbuntung“ (© Paul Zulehner) dar? Die Diskussion um die Kirchenzukunft entpuppt sich als ein spannendes Ringen.

Vielleicht ist die Initiative auch ein Symptom für die Lage: Wenn am Freitag dieser Woche wieder Tausende Schaulustige in die 700 Gotteshäuser, die österreichweit zur Langen Nacht der Kirchen geöffnet sind, kommen, dann nehmen sie ein maßgeschneidertes Angebot für "Schaulustige“ wahr. Altgediente Organisatoren berichten, wie viele Zweifel und kirchenbeamtete Widerstände vor der ersten Langen Nacht 2005 zu überwinden waren - bis sich herausstellte, dass diese ein "Publikumsrenner“ war. Mehr als 350.000 hätten im Vorjahr die Lange Nacht wahrgenommen, haben kirchliche Statistiker errechnet - ein erstaunlicher Zuspruch auch angesichts der Austrittswelle. Zumindest dafür spricht der Befund "mit den Füßen“ der Besucher(innen): Das Interesse an den Kirchen ist nicht erloschen.

Die hoffende Perspektive

Dass Kirche sich auch über Events vermittelt, ist keine neue Erkenntnis. Ebenso wenig neu ist die Tatsache, dass die Kirche nicht mehr "die Gesellschaft“ darstellt, sondern sich "in Gesellschaft“ befindet - auf dem Marktplatz mit anderen Religionen, Ideen, Spiritualitäten, Lebensentwürfen.

"Verbuntung“ - unter dieses Titelschlagwort stellt Paul Zulehner seine eben publizierte Studie "Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970 bis 2010“. Der Wiener Pastoraltheologe hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen in einem "pastoralen“ Buch zusätzlich zusammengefasst und mit Schlussfolgerungen angereichert: "Seht her, nun mache ich etwas Neues“ lautet der Titel der Neuerscheinung - ein Wort des Propheten Jesaja, das Zulehner in eine hoffende und keineswegs in Depression verfallende Perspektive umzumünzen sucht.

Die religionssoziologischen Befunde, die auch mit Zahlen unterlegt werden, sind alles andere als überraschend. Die Kirchengestalt befindet sich in einer umumkehrbaren Veränderung. Kirchenmitgliedschaft wird durch ein Bündel an Bindungs- und Trennungskräften bestimmt: Zulehner plädiert, hier anzusetzen und vor allem die Bindungskräfte, also das Erfahren einer positiven Beziehung zwischen Kirche und Leben, zu stärken, und die Irritationen (etwa die Einschätzung, Kirche habe für das Leben des Einzelnen keine Bedeutung mehr und sei bloß ein Machtapparat) abzubauen zu suchen.

Zur Beurteilung solcher Vorschläge gehören aber auch jene Studienerkenntnisse Zulehners, nach denen das "atheisierende“ Feld, das Menschen ohne religiöse Bindungen umfasst, ebenso zunimmt wie das spirituelle - das heißt, es gibt mehr Menschen auf einem spirituellen Suchweg. Zusätzlich betrachtet der Pastoraltheologe auch das "muslimische“ Feld, das gleichfalls wächst und sich jedenfalls in einer Spannung zum christlichen Feld befindet. Während das atheisierende, das spirituelle und das muslimische Feld wachsen, erkennt er für das kirchliche keinen einheitlichen Befund - außer, dass die Mitgliedschaft in der katholischen wie evangelischen Kirche österreichweit abnimmt.

Der herkömmliche Kirchenbetrieb erfahre ein "Downsizing“, so Zulehner - und er macht das an einem dreifachen "Ausbluten“ fest: am Ausbluten der Pfarrerrolle ("bildlich gesprochen: Aus Automechanikern werden Werkstattleiter“). Als Zweites konstatiert er ein "Ausbluten der Eucharistie“: Für immer mehr Gemeinden ist die sonntägliche Eucharistie nicht mehr selbstverständlich. Schließlich blutet nach Zulehner auch das "katholische Leben im ländlichen Bereich“ aus: "Dort sind die pastoralen Räume inzwischen so groß geworden, dass ein persönlicher Kontakt zu Repräsentanten der Kirchen immer seltener wird.“ Solchem Krisenbefund setzt Zulehner eine "motivierende Vision“ und die Forderung nach "dieser Vision angemessenen Strukturen“ entgegen. Der Theologe kommt - wenig überraschend - bei der Forderung nach "ausreichend ordinierten Seelsorgenden“ an: Das verlangt nach "Ausweitung der Zugangskriterien“ zum (Priester-)Amt.

Dem Ausbluten entgegentreten

Was der Pastoraltheologe entwickelt, deckt sich mit anderen Beiträgen zum Thema - etwa denen von Helmut Schüller, dem Sprecher der den Ausblutungs-Szenarien entgegentretenden "Pfarrer-Initiative“ (Interview rechts).

Die Befunde von Zulehner & Co und deren Reflexion sind Teil einer grundlegenden Diskussion, welche die einstigen Volkskirchen (und nicht nur die katholische) umtreibt. Diese Auseinandersetzung gewinnt seit geraumer Zeit an Fahrt und Schärfe. Zulehner selber liefert Verweise darauf, dass unter den theologischen Diagnostikern längst keine Einigkeit herrscht. So qualifiziert er Skeptiker gegenüber seiner Position von der Wiederkehr der Spiritualität oder einem "Megatrend“ Religion als "massive bis aggressive“ Kritik einer "evangelischen Männer-Theologie“ ab - und weist da auf den protestantischen Theologen Ulrich Körtner hin, der solche Kritik vor einiger Zeit geäußert hat (auch in der FURCHE). Auch dem Kölner katholischen Theologen Hans-Joachim Höhn, der die Übernahme religiöser Symbolik in der kommerziellen Werbung als letztliche Liquidierung der Religion bezeichnet hat, widerspricht Zulehner: Er sieht die religiösen Spuren in der Alltagskultur vielmehr als ein Zeichen dafür, wie tief spirituelle Symbole im Menschen verankert seien - und er will dies für die Religion nutzbar machen.

Obige Beispiele deuten an, dass hier eine zentrale Kontroverse um eine modernitätsverträgliche Religion stattfindet, der sich die schrumpfenden Kirchen stellen.

Eine zentrale Kontroverse

Eine Zusammenschau mehrerer Positionen dazu bietet das Spezialheft "Pastoral im Umbau“ der renommierten Herder-Korrespondenz, wo sich Theoretiker und Praktiker den auch von Zulehner angesprochenen Fragen nähern (auch der angesprochene Hans-Joachim Höhn ist unter den Autoren). Im gleichen Heft konstatiert der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher das Ende der Überschaubarkeit, fordert "neue Orte“ von Kirche, deren Kriterium sei, dass sie "vernetzt und konkurrenzfrei“ mitunter nebeneinander existieren können. Auch das ist ein Aspekt der Diskussion, der anzeigt. Das Ringen um die künftige Gestalt von Kirche in Europa ist in eine spannende Phase getreten.

Pastoral im Umbruch

Neue Formen kirchlichen Lebens

Herder Korrespondenz Spezial 1-2011

www.herder-korrespondenz.de, e 12,-

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