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Kirche ist an den Geist gebunden

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Gottes Geist nimmt sich die Freiheit, dort zu wehen und zu weilen, wo das gesamte Volk Gottes durch die Geschichte pilgert.

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Gottes Geist nimmt sich die Freiheit, dort zu wehen und zu weilen, wo das gesamte Volk Gottes durch die Geschichte pilgert.

Eine eher beiläufige, aber auffällige Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Neuentdeckung der Geisterfahrung: Was jahrhundertelang im Korsett von Riten und Definitionen, von Kanons und autoritärem Zentralismus eingezwängt war, sprengte nun alle Fesseln und trat mit prophetischem Aufbegehren und in spontanen Kundgebungen wundersamer Gaben an die Öffentlichkeit.

Allmählich unternahm man den Versuch, die Geister wieder einzufangen und stellte sich dazu noch an, das gesamte Konzilsprogramm für manchen Unfug und vielerlei begreifliche Ungestümheiten verantwortlich zu machen. Dies wiederum war eine willkommene Gelegenheit, zu alten Verhältnissen zurückzurufen und sich etwa die Frage zu ersparen, ob sich nicht die in den Anfängen der Kirche voll verantwortete Taufberufung nach so langer Bevormundung in wiedergewonnener und in sehr zeitgemäßer Freiheit bewegen dürfe.

Diejenigen Persönlichkeiten oder Instanzen, die dann monoton Kirchenväter zu zitieren begannen, vergaßen unter anderem das Wort des hl. Augustinus "Besser ist es, auf dem Wege zu hinken, als neben ihm forsch auszuschreiten". Die eigentliche Intention des Konzils bleibt ungebrochen aktuell: Den Geist urkirchlicher Kraft für unsere Zeit wirksam werden zu lassen. Im Anschluß an dieses epochale Ereignis bewegten sich also weniger "Freigelaufene daneben", als sich eine Reihe von "Haustyrannen" unmöglich aufführten!

Gott läßt Freiheit zu Es lohnt sich aber, diesbezüglich einige grundsätzlichere Überlegungen anzustellen. Nach jüdisch-christlichem Verständnis läßt der Schöpfer- und Erlösergott der Krone seiner Schöpfung, seinem Ebenbild, dem Menschen, grundsätzlich den Vortritt: Dieser soll selbst seine eigene Geschichte voll verantwortlich gestalten. Der gerade auch in seiner Unterlegenheit überlegene Gott, ist stets bereit, sich dem partnerlichen Spiel dieser Freiheiten zu stellen. Der Ernstfall dieses Spieles vor und mit Gott bringt die Menschen in das Spannungsverhältnis jener echten Liebe, die sich erst im Bewußtsein ihrer eigenen Hinfälligkeit mit freier Hingabe und alles überbietendem Dank neu dem erwartenden Vater in die Arme werfen kann.

Ein solches Gewissen weiß sehr wohl um eigene Fehlbarkeit, kennt vor allem die je eigene Schuldgeschichte, bleibt aber fest im unerschütterlichen Glauben, daß Gott seiner Verheißung treu bleibt, also in freier Gnade bereit, den Bund mit jedem Geschöpf und seiner ganzen Schöpfung zu erneuern und zu besiegeln. Abraham und seine Kinder, das ganze Volk Israel in seiner langen Geschichte ging unbegreifliche eigene Wege. Wenn Gott ihm Gebot und Gesetz gab, so nicht, um ihm die Freiheit der Kindschaft zu entziehen, sondern vielmehr zu bestätigen, daß jeder Mensch immer "auch anders", also letztlich zur Ehre Gottes und zum eigenen Heil kann (bei aller Altlast von Schuld und Verstrickung in die Sünde).

Was bei Israel in der wachsenden Entwicklung seiner Tradition chaotisch wirken und nur durch Gottes Gnade formbar sein mochte, das sollte sich in der Kirche fortsetzen. Man darf sich durchaus fragen, nach welchem "Schema" Jesus seine Berufung lebte, seine Jünger sammelte, seine Kirche gründete! Hiebei wird in einer letzten Radikalität offenbar, daß er in ungebrochener Ganzheit einzig mit dem Psalm beten wollte: "Einen Leib hast Du mir bereitet, siehe ich komme, Deinen Willen zu erfüllen." (Ps 40,7-9, Hebr 10,5ff) Die ungeschützte Freiheit seines Handelns, die sich nur in der Liebe des sendenden Vaters geborgen wußte, sollte sich auf seine Jünger übertragen und in seiner Kirche fortsetzen: Sie alle werden als Erben seines Vermächtnisses Träger seines Geistes werden und bleiben. Alles, was an äußerer Struktur authentische Zeugenschaft, Verkündigung und Gemeindeordnung betraf, ist in dieselbe Freiheit ausgesetzt. In diesem Sinne ist Christi Autorität in seiner Kirche an die Sendung und das Wirken des Heiligen Geistes gebunden. Einheit und Ordnung der Kirche sind deshalb nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis seiner Gegenwart.

In modernerer Version wäre zu sagen: Zunächst ist die Kirche als Diasporagemeinde dem Dialog verpflichtet, denn erst feiert ihre Gemeinschaft samt Hierarchie die Liturgie und bewähren sich Charismen in Diakonie. In dieser Folge wird die Kirche Gemeinschaft des Heiligen Geistes und kann die Welt ihr Zeugnis erkennen, daß der Vater wahrhaft seinen Sohn sandte! Sowohl das eine Amt wie die vielen Dienste in der Kirche sind deshalb subsidiär für die eine Kirche in den vielen Kirchen: "Mit euch bin ich zunächst ein Christ, dann erst für euch der Bischof!", Augustinus, - oder noch kürzer: "Das oberste Gesetz in der Kirche bleibt das Heil der Gläubigen!"

Basis vs. Hierarchie "Der Wind weht, wo er will!" (Joh 3,8) Zwei entgegengesetzte Parteiungen beanspruchen heute den einen Geist für sich: Die Begehrenden eines zerstiebenden Bodenvolkes und die Begehrlichen einer kommandierenden totalitären Gewalt. Wie kam es dazu? Die frühe Kirche hob sich wohl zu schnell von der synagogalen Wurzel Israels ab. Die Aufgipfelung der Heilsgeschichte im Glauben an den Messias Jesus setzte in der Folge erstaunlich rasch nicht nur heilsgeschichtliche Akzente, sondern auch heilsgemeindliche Strukturen fest.

Dazu drängte sicherlich die Stadtkultur des frühen Christentums. Auf diese Weise war es fast unvermeidlich, daß Randsiedlungen im heidnischen Umland, die sogenannten Pagani, wohl im Rahmen einer Reichskirche umfassend einbezogen, nicht jedoch genügend angegliedert werden konnten. Das brachte eine gefährliche Distanzierung sowohl von der Symbolik als auch vom Mysterium des Urchristentums selbst mit sich.

Das spät-abendländische Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils hebt sodann spezifisch auf jene gesamtkirchliche Entwicklung ab, in der es zu einer unheilvollen Spaltung zwischen Basis und Hierarchie gekommen ist. Während die klösterliche Kirchenkultur des westlichen Mittelalters durchaus noch antik-städtische Elemente in ihre integrative Tradition einbezog (vgl. etwa die abendländische "romanische" Kunst), kam es durch die ersten charismatischen Aufbrüche der volksmissionierenden und standesbürgerlichen Evangelisierungsbewegungen des Hochmittelalters zu ausufernden Verflachungstendenzen religiöser Emotionen, die nur durch eine radikale Zentralisierung gebunden werden konnten. Nebenher läuft die Kanonisierung kirchlichen Rechts, welche die "weltliche Welt" zunächst noch unter christlichen Vorzeichen freisetzte. Das christliche Argument jedoch beginnt sich in scholastischen Thesen zu fassen und bedient sich in inquisitorischer Manier jener zwingenden Logik, die ungewollt, aber unweigerlich in die neuzeitliche Massenemanzipation beziehungsweise -emigration überleitet.

Dagegen hilft auch nicht honigsüße bzw. gallbittere Beredsamkeit oder eine hochgezüchtete Ekstatik. Der Schlußpunkt letzterer ist das Massenphänomen atheistischer Ideologien, die wir alle noch erlebt haben. Um beide tragischen Entwicklungen zu wenden, suchte das II. Vatikanum zu den Quellen zurückzufinden, und zwar vor allem in der Anwendung jener Unterscheidung der Geister, die das Christentum bislang viel zuwenig kritisch auf sich selbst bezogen hat.

Der Geist nimmt sich die Freiheit, dort zu wehen und zu weilen, wo das gesamte Volk Gottes durch die Geschichte pilgert. Und dies ist weder oben noch unten, weder links noch rechts, weder dort noch da, sondern wo der Herr ist.

Schließlich ist es "sein Geist", der ihn führte und uns zu ihm. Dieser Geist schaut weder "dem Volk aufs Maul", noch hört er auf abstrakte Lehrstühle und -ämter. Er beklagt jenen Verlust kirchlicher Mitte, indem die Kirche aufhörte, Salz und Licht der Welt zu sein. Dagegen helfen auch nicht Letztaufgebote der "Bewegungen" jugendlichen oder ältlichen kirchlichen Volkssturmes, die weder Ordenscharismen ersetzen noch zentralistischen Kurzschlüssen gegensteuern können. Von ihrem Erlebnishorizont wird es nicht weit zu pseudoreligiösen Sekten oder esoterischen Strömungen sein.

Der Autor leitet die Kontaktstelle für Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz und das Afro-asiatische Institut in Wien.

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