#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Kirche nach Sodom - © APA / AFP / Tiziana Fabi
Religion

Kirche nach Sodom

1945 1960 1980 2000 2020

Eine „Schwulenlobby“, wie sie konservative Kritiker im Vatikan ausmachen, gibt es nicht, so Frédéric Martel im Buch „Sodom“. Aber Homophilie, Homophobie und Bigotterie identifiziert er an der Kurie in Rom sehr wohl.

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Eine „Schwulenlobby“, wie sie konservative Kritiker im Vatikan ausmachen, gibt es nicht, so Frédéric Martel im Buch „Sodom“. Aber Homophilie, Homophobie und Bigotterie identifiziert er an der Kurie in Rom sehr wohl.

Frédéric Martel hat sich in seiner investigativen Reportage „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“ über vier Jahre hinweg intensiv mit diesem Thema in der katholischen Kirche beschäftigt. Martel hat dazu in über 30 Ländern 1500 Gespräche geführt. Er hat mit 41 Kardinälen und mit sehr vielen Nuntien, Bischöfen, Priestern und Sexarbeitenden gesprochen. Martel ist weder Theologe noch katholisch. Nur am Rande erwähnt er die titelgebende biblische Geschichte aus dem Buch Genesis, in der die Bewohner von Sodom die männlichen Gäste von Lot, des Neffen von Abraham, zu vergewaltigen suchen. Die asketische Dimension eines zölibatären Lebenswegs, den viele Priester in Selbstschulung gehen, reflektiert Martel nicht. Er verwechselt Heiligkeit mit Schuldlosigkeit. An vielen Stellen des Buches wird das Erstaunen eines Kirchenfremden deutlich, der die Kirche zu wenig kennt, um sie zu lieben.

Martel ist promovierter Soziologe. An ermüdend vielen Einzelbeispielen zeigt er, wie die Verdrängung von Homosexualität und Homophobie zusammengehören. Dabei existiere die von Papst Benedikt XVI. seinerzeit ausgemachte „Schwulenlobby“ nicht: Eine solche Lobby hätte ein gemeinsames Anliegen. Stattdessen zeichnet Martel das Bild eines in weiten Teilen verklemmt schwulen Klerus’ im Vatikan, der sich zweigeteilt hat: Einerseits homo- oder auch heterosexuell, in Partnerschaft oder zölibatär lebend, aber naturwissenschaftlicher Erkenntnis aufgeschlossen und damit „schwulenfreundlicher“. Dem stehe ein machthungriger oder verängstigter, homosexuell-homophober, sehr reaktionärer Machtblock gegenüber.

Klerikale Angst vor Outing

Die Angst vor dem Outing und Schuldgefühle macht Martel als Grundübel im Klerus aus. Diese Ängste, die dauernde Erpressbarkeit – die These wird von ihm gut belegt – hätten mit dazu geführt, dass ein großer Teil des Klerus dem Kindesmissbrauch nicht entschieden begegne. Kindesmissbrauch gedeihe in einem Klima unreifer oder gestörter Sexualität und des Machtmissbrauchs. Nicht Homosexualität, sondern der Zölibat sei Ursache des Missbrauchsskandals. Der Zölibat wiederum sei eben nicht nur eine asketische Übung, sondern bot homosexuellen Menschen über Jahrhunderte hinweg die Chance, ein achtbares Leben zu führen.

Richtigerweise stellt Martel Genderfragen an den Beginn seiner oft zu eklektischen Überlegungen und Recherchen. Auch bei der Auseinandersetzung um die Genderforschung geht es um das (bewusste oder unbewusste) Verdrängen naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Eine einheitliche, ideologische „Gendertheorie“ gibt es lediglich in der Phantasie derer, die sich in Gegnerschaft dazu positionieren und dadurch Identität finden. Wie bei der Homosexualität ist das Private nicht ohne das Politische zu denken: Die Geschichte des sechsten Gebots ist Herrschaftsgeschichte. Wie geht die katholische Kirche mit der gut recherchierten Faktenlage des Buches um? Totschweigen? Es ist seit Langem bekannt und gut erforscht, dass der Anteil Homosexueller im Klerus außerordentlich hoch ist. Ein solches Versteckspiel verbiegt auch die stärksten Charaktere. Das gilt auch für jene Priester, die in vielen Teilen der Weltkirche selbstverständlich in Beziehungen mit Frauen leben und doch so tun, als lebten sie den Zölibat. Schafft aber die Lüge eine tiefere Beziehung zu Gott und den Menschen? Wer in der Lüge lebt, bleibt Priester. Wer offen zur Beziehung steht, muss ausscheiden.