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Kirche und Welt

Das Problem der Beziehung von Kirche und Welt ist heute und zu aller Zeit untrennbar mit der Frage der außerkirchlichen Bindung des Christen an die Kirche verbunden. Angefangen von der Sozialorganisation der Urgemeinde bis zu den Massenbewegungen der großen Katholikentage der Gegenwart ringt die Kirche darum, wie und wie weit sie organisatorisch in die Welt übergreifen soll.

In Österreich glaubte man bis 1934 in vielen Bereichen, die Kontaktnahme von Kirche und Welt am besten in einer Vielfalt von Organisationen aktivieren zu können. Dabei wurde nicht selten die nur sekundäre Bedeutung jedes Organisierens verkannt. Es kam zu einer weitgehenden Entleerung und Technisierung des christlichen Lebens, soweit es sich der Welt darbot. Der Apparat war manchmal alles und schien seinen Zweck in sich zu tragen. Nicht selten wurde versucht, das katholische Leben in organisatorische Regeln einzufangen. Dem innerkatholischen Liberalismus gelang es, in weiten Bereichen das Katholische zur Etikette zu machen, nicht zu sprechen von dem talmi-josephinischen Versuch, katholisches Organisationsleben zu einem Bestandteil der staatlichen Verwaltung zu degradieren.

All das Geschilderte zu leugnen, hieße die historische Wahrheit verkennen. Nicht weniger widersinnig wäre es aber, die hinter den katholischen Organisationen unleugbar vorhandene Substanz zu übersehen und die den technisch- organisatorischen Handlungen entsprechenden echten Anliegen durchweg auf Vereinssucht zu reduzieren.

Dann kam 1938. Der Weg in die Katakomben. Die Christen lebten — erzwungen — in fast völliger Bindungslosigkeit. Das elastische Ausweichen vor dem Gegner als Technik des Bewahrens vor dem Zugriff der Häscher wurde zu höchster Kunst gebracht.

Das Jahr 1945 gab die Möglichkeit, entweder zu den Gemeinschaftsformen der Zeit von 1934 und früher zurückzukehren und neuerlich eine oft unheilvolle Verkettung kirchlicher’ und völlig sachlich-neutraler Elemente zu dulden oder durchaus neue Organisationsformen zu schaffen, in denen Organisation nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern lediglich als Mittel zum Zweck, überraschend für die meisten wählte man aber fast durchgehend eine dritte Form: der Stil des Katakombenlebens wurde, wenn auch in aller Öffentlichkeit agierend, beibehalten. Der allgemeinen Tendenz zur Bindungslosigkeit Rechnung tragend, wurde so gut wie jeder Bindungszwang vermieden. Nach dem Mythos der Organisation kam jener der Bindungslosigkeit. Freilich darf nicht übersehen werden, daß das Schwinden der Glaubenssubstanz und die Entmachtung der Kirche dazu beitrug, die Annahme zu bestärken, man müsse jeden Zwang vermeiden und die Tore allen weit aufmachen, auch jenen, die, am Rande stehend, jeder Andeutung von Organisation ein großes Stück Mißtrauen entgegenbrachten.

Dabei wurde der tatsächliche Wert einer Organisation in einem nicht vertretbaren Umfang geleugnet. Man kann Organisation in ihrer Bedeutung nur vom Effekt her messen. Organisation ist nur so weit gut, soweit sie der ihr zur Bewältigung auf gegebenen Sache nützt, und sie ist schlecht, wenn sie (von der Kirche aus gesehen) zur bloßen Form wird. Echte und richtige Organisation wollen wir verstehen als zweckdienliches Kombinieren und Gestalten, als Arbeitszerlegung und Arbeitsvereinigung, je nach der sachlichen Notwendigkeit. Organisation an sich ist weder gut noch schlecht. Die Tendenz zur Organisations- losigkeit, wo sie bewußt ist, muß, gerade heute, damit gleichgesetzt werden, daß wir das Vorfeld der Kirche räumen wollen. Das Spirituelle wird so als für das christliche Leben einzig repräsentativ erkannt und die Weltfluchthaltung zum konstitutiven Element christlich - kirchlichen Lebens erhoben.

Wer im Land als Vortragender herumfährt, kann bereits die Folgen der Organisationslosigkeit (oder des improvisierenden Organisierens) am Ort der Auswirkung, insbesondere in den stadtfernen Pfarren, sehen. Im einzelnen zeigt sich folgendes:

1. Die Restorganisation des christlichen Volkes ist notwendig — und dies immer mehr — dem Klerus aufgelastet. Die Konsequenz dieser dem Priester keineswegs erwünschten Übertragung von Aufgaben aus dem weltlichen Bereich hat da und dort geradezu zu einem „innerkatholischen Antiklerikalismus“ geführt, dessen Gefahr nicht übersehen werden sollte. Der Laie glaubt sich zum „Helfer“ degradiert und seiner Verantwortung als mündiger Christ weitgehend enthoben.

2. Die Reichweite kirchlichen Einflusses geht in manchen Pfarren kaum über die Kirchentür hinaus und gipfelt in Entlastungsspenden für die Pfarrarmen. Am stärksten zeigt sich der schwindende Einfluß der Kirche, der nicht durchwegs mit dem Hinweis auf die allgemeine Materialisierung des Denkens abgetan werden kann, in den Dingen des öffentlichen Lebens. Die katholischen Politiker sterben — im wahrsten Sinne des Wortes — aus. Die freigewordenen Plätze, auch in den kleinsten Gemeindestuben — werden von Liberalen und Kirchengegnern eingenommen. In dieses Kapitel gehört der Verlust der „Provinz“, insbesondere in der Wiener Diözese. Zentrale Arbeit kann eben eine bis in die letzten Gliederungen festgefügte Organisation nicht ersetzen und der Rückkehr des Bauern zum Heidentum begegnen. Ich wage hier besonders auf das Fehlen einer Ersatzorganisation, etwa für die alten „Burschenvereine“ hinzuweisen , (deren Mängel mir nicht unbekannt waren).

3. Die Laienführung kann nicht mehr im gleichen Maß wie früher die Laienwelt repräsentieren, da diese, als nichtorganisiert, einfach keine Legitimation ausstellen kann. Heute werden die Laienführer praktisch, wenn auch nicht formell, ernannt, so daß ihr Einfluß über den Bereich der Zentralen hinaus ein sehr dürftiger ist.

4. Das katholische Führerkorps wird, da es nicht von „unten“ kommt, durch Akademiker meist wieder aus dem Kreis von Akademikern gewählt. Die Folge ist eine geradezu unheilvolle Intellektualisierung der Führerschichten, verbunden mit einer Akademi- sierung der innerkatholischen Diskussion, die den Massen des katholischen Volkes oft völlig unverständlich, ja schon in der Sprache fremd wird.

5. Öie bewußte Aufgabe weltlicher Bereiche schafft automatisch eine Distanzierung zur Welt. Das zeigt sich beispielsweise im sozialen Bereich. Es gibt keine umfassende katholische Sozialaktion, sondern nur punktuelle, wenn auch ungemein wertvolle Handlungen. Es gibt kein gesamtkatholisches Handeln im öffentlichen Leben.

6. Der Bekenntniswille wird notwendigerweise abgebaut. Das Christentum ist auch als „unverbindliches“ Einverständnis möglich. Die Mode des heimlichen (ungefährlichen) Christentums oder die Maskierung des Bekenntnisses in intellektuellen Kamingesprächen nimmt Formen an, die 1945 vielleicht noch verständlich waren, heute aber nur zur Verwirrung beitragen. Was Wir unter „katholischem Volk“ verstehen, ist weitgehend ein substanzloser Begriff, ein Anruf in die Leere. (Darüber kann auch nicht eine Massenbewegung wie beim Einzug der Pummerin hinwegtäuschen.)

Die Kirche in der Welt bedarf der Organisation. Nicht der Scheidung in sich besser dünkende Vereinschristen und „freie“ Christen, sondern der Organisation von Aktivistengruppen, denen man freilich eine sinnvolle, nicht auf einzelneAnlässe abgestellte, sondern eine dauernd anregende Beschäftigung geben muß. Neben den Aktivisten kann es die ungefügte Masse des Kirchenvolkes geben und, wenn notwendig, katholische Massenorganisationen, die an der Peripherie agieren (wie früher die christlichdeutsche Turnerschaft, für die immer noch kein Ersatz geschaffen wurde, obwohl allenthalben die völkischen Turnvereine mit ihren unverblümten anti- katholischen Affekten wieder erstehen).

Wenn heute Organisation für uns Christen einen Sinn haben soll, dann beileibe nicht als Chance für eine Zahl geschäftiger Wichtigtuer, als aufdringliches nur-öffentliches Christentum, als Faktor der Stellenvermittlung oder gar der Tagespolitik. Organisation kann man nur als über den kirchlichen Raum hinausgreifende Seelsorgearbeit besonderer Art, die dem Laien aufgegeben ist, verstehen. Alles hängt bei der Organisation von ihrem missionarischen Effekt ab, ihre Art, ihre Intensität und ihr Standort.

Das Pfarrprinzip müßte weiterhin die Grundlage bleiben, wenn es auch da und dort (so bei Berufsorganisationen) notwendig sein wird, um der Sache wegen, vom Pfarrprinzip abzugehen. Die bisherige pfarrliche Organisation ist vor allem in der Stadt nicht in der Lage, die Menschenführung auch nur einigermaßen zu bewältigen. Es darf eben die Pfarre — in der Stadt — nicht als ungeteilte Einheit gesehen werden. Die großen Pfarren sind (organisatorisch) zu zerfallen. Nicht zum Beispiel für 20.000 Seelen eine Männergruppe, eine Jugendgruppe. Es gibt da ein Gesetz der Gemeinschaftsbildung, demzufolge jeder Gemeinschaft ihre Maximalgröße vorgegeben ist, die schwerlich überschritten werden kann. Ob 20.000 Pfarr- angehörige oder 5000, eine Gruppe wird kaum, sie sei noch so gut geführt, etwa über 100 hinauskommen. Eine Aufgliederung der Pfarren in für sich einigermaßen selbständige Einzelbereiche stellt eine Überantwortung von Aufgaben an die Laien dar, die weit über das hinausgeht, was bisher Laien an Verantwortung getragen haben; sie ist aber unvermeidbar. Schließlich ist da das Subsidiarität s p r i nzi p. Was wird bei uns nicht alles über die Anwendung dieses Prinzips geschrieben. Seine Praktizierung wird aber immer nur den öffentlich- rechtlichen Körperschaften empfohlen, so dem Staat. Daß dieses Prinzip katholischer Gesellschaftsauffassung auch für uns Christen und unsere Gemeinschaften gelten könnte, wird nicht selten übersehen. Wir müssen aber dazu übergehen, Verantwortung von den Zentralen (ob sie nun Organisationen hinter sich haben oder nur die bischöfliche Investition) in Richtung auf die Pfarren abzugeben, und zwar in jenen Bereichen, in denen die Pfarren und die kleineren Gliederungen sachverständiger sind.

Wie immer man über Organisation denken mag, ob man in ihr ein notwendiges Übel sieht oder sie zum Bestandteil unmittelbarer Seelsorge machen will — über die Tatsache, daß die bisherigen Gemeinschaftsformen, in denen die Christen als Christen in der Welt zu leben sich bemühen, unzureichend sind, kommen wir nicht hinweg. Nichts wäre falscher, als das seit 1945 Geleistete als wertlos hinzustellen. Aber es ist nicht hinreichend, um die gestellten Aufgaben als erfüllt ansehen zu dürfen. Haben wir uns. zu der Einsicht durchgerungen, daß die „Organisationen“ besser geeignet sind, der Seelsorge und damit der Reich-Christi-Arbeit zu dienen, als die bisherigen Methoden der Menschenführung, dann hieße ein Beharren in den alten Formen bewußtes Aufgeben weiter Bereiche der Welt.

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