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Kirchen, diese Schwindler!?

Von Judas-Evangelium bis "Da Vinci Code": Warum apokryphe Schriften aus dem frühen Christentum ihr Millionenpublikum finden.

Was wirklich im Judas-Evangelium steht, bleibt den meisten Medienkonsumenten vermutlich verborgen. Das apokryphe Evangelium wurde - begleitet von einer groß angelegten PR-Strategie - vor einigen Monaten publiziert. Die PR-Strategie nützte die Vorfeld-Publicity der Verfilmung des "Da Vinci Codes", um eine wissenschaftliche Übersetzung dieser Handschrift aus dem 4. Jahrhundert an die Käufer zu bringen. Doch wird es die meisten ja dann doch nicht so genau interessieren, dass sie sich der sperrigen Lektüre eines spätantiken gnostischen Textes widmen. Was fasziniert, ist nicht so sehr der Text, sondern die Gestalt des Judas - oder genauer, die Fantasien und Fragen, die sich mit dem "Verräter Jesu" verknüpfen lassen. Etwa warum der allmächtige Gott das Böse zulässt oder warum Gott seinen Sohn opfern muss, damit die Welt erlöst wird - klassische theologische Probleme also.

Hermeneutik des Verdachts

Das große Interesse an antiken Apokryphen und alter Kirchengeschichte ist kein neues Phänomen. In den letzten Jahrzehnten hat es thematisch mehrere Wellen gegeben - z.B. die immer neuen Spekulationen über die Essener und ihren Einfluss aufs Christentum, die Studien der Harvard-Professorin Elaine Pagels über die Gnosis und die Frühgeschichte des Christentums oder die Publikationen zum Thomas-Evangelium aus den Nag Hammadi-Funden. Auch an der Person Jesu gibt es ein ähnliches Interesse - beginnend mit Büchern, "was Jesus wirklich sagte" bis hin zu Titeln, die behaupten, dass Jesus aus Indien kam, oder den verschiedenen Filmen über das Leben Jesu - z.B. Mel Gibsons "Passion" oder Scorseses "Letzte Versuchung".

Die Frühgeschichte des Christentums als Hintergrund eines Krimis, der in der Gegenwart spielt: das Muster, nach dem Dan Brown seinen Da Vinci Code gestrickt hat, ist eine gelungene Mischung, urteilt man nach den Verkaufszahlen. Die sagen natürlich nichts über den Gehalt an historisch korrekter Darstellung aus - wohl aber über das Interesse der Leserschaft an einer anderen als der kirchlichen, der tradierten Darstellung der Geschichte Jesu und des Christentums.

Das Genre des Thrillers ist gut gewählt. Der Kriminalroman - eine Erfindung des 19. Jahrhunderts - lebt von der Hermeneutik des Verdachts. Diese Hermeneutik hat die moderne Bibelexegese ins Rollen gebracht. Der Verdacht, dass in der kirchlichen Verkündigung geschwindelt wird, erhitzt seit dem 17. Jahrhundert die Gemüter.

Wegen der Unstimmigkeiten etwa der Auferstehungsberichte haben die Aufklärer das Ganze als Unfug und Betrug erklärt - und bekanntlich ist aus dieser bissigen Kritik an der Bibel eine eigene Wissenschaft entstanden, die historisch-kritische Exegese, die sich müht, mit verschiedenen Methoden herauszufinden, wie die Menschen zu biblischen Zeiten die Geschichten verstanden haben und was sie für sie bedeuten. Denn nur so kann man für Menschen von heute die Botschaft der Bibel adäquat übersetzen, in die Sprache von heute und als Antwort auf die Fragen von heute. In mehr als 150 Jahren gelehrter Anstrengung hat man im Neuen Testament und weitgehend auch im Ersten Testament sozusagen jedes Wort x-mal umgedreht und auf die Waage gelegt.

Jedes Wort x-mal umgedreht

Dieses detailreiche und spannende geistesgeschichtliche Puzzle-Spiel hat viele neue Antworten auf alte Fragen gebracht. Doch den Weg in die Sonntagspredigten haben diese Erkenntnisse nicht oder nur selten gefunden, eher noch in den schulischen Religionsunterricht - aber auch da offensichtlich nicht wirkungsvoll und nachhaltig. Das ist bedauerlich, denn den Verdacht, dass in der kirchlichen Verkündigung geschwindelt oder Unsinn erzählt wird, teilen mittlerweile viele. Dazu kommt ein zweites Moment: der rapide Gedächtnisschwund der Populärkultur, wenn es um christliche Symbole und Versatzstücke geht.

Umfragen zeigen, dass die traditionelle christliche Symbolsprache zunehmend weniger verstanden wird. Das Kind in der Krippe, die mütterliche Gestalt Mariens und den Gekreuzigten kennt man zumeist noch - aber etwa den "Mann mit Leintuch und Fahne vor einer leeren Kiste" - eine klassische Darstellung der Auferstehung - nicht mehr. Vielleicht ist das auch ein Glück, denn realistische Bilder von unfassbaren Geschichten nähren die Hermeneutik des Verdachts; da nützt es auch nichts, wenn die Theologen den Geheimnischarakter und die Unüberbietbarkeit der christlichen Botschaft beschwören. Es gibt zu viele andere attraktive Geheimnisse, denen sich religiös Interessierte heute zuwenden können; und dazu kommen die vielen, die sich für Religion überhaupt nicht interessieren. Vor kurzem hat eine Umfrage in Deutschland ergeben, dass das rund 44 Prozent der Bevölkerung sind. In Österreich wird das nicht sehr viel anders sein.

Da kommen Erklärungen - z.B. Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zur Person von Maria Magdalena, die anlässlich der Verfilmung des "Da Vinci Codes" von kirchlichen Stellen publiziert wurden - einfach zu spät. Auch Hinweise auf die Überlieferungsgeschichte der Evangelien, auf das Entstehen der kanonisierten biblischen Bücher: zu spät - weil sie vor allem das Interesse der Insider, also derer, die schon mehr oder weniger überzeugt sind, bedienen. Die anderen bleiben bei ihrem Verdacht, dass es auch eine andere Lesart der Jesus-Geschichte geben kann.

Auch wenn sie die Geschichte, um die es geht, gar nicht wirklich kennen - es reicht der Verdacht. Zu sehr hat sich die Kirche, und besonders die römisch-katholische in ihrer offiziellen Version als restriktive Institution dargestellt, die den Dialog nicht sucht, sondern verbietet. Dass seit kurzem von Seiten der "Amtskirche" jenen mit Exkommunikation gedroht wird, die in bestimmten Zusammenhängen den kirchlich gebilligten Ansichten nicht folgen wollen, bestätigt den Eindruck.

Ob Wissenschafter, die an Stammzellen forschen, wegen einer solchen Drohung mit ihrer Forschung aufhören werden, ist die Frage. Und ob damit gesellschaftliche Autorität und Glaubwürdigkeit kirchlicher Standpunkte gestärkt werden, lässt sich ebenfalls bezweifeln. Dabei wäre es in Fragen der medizinischen Forschung oder auch der Sozialpolitik ungeheuer wichtig, dass die Kirchen ihre Erfahrung und Autorität ins Spiel bringen als wichtige Teilnehmer eines Dialogs der Gesellschaft, nicht als doktrinäre Besserwisser.

Doch wenn der "Da Vinci Code" das Opus Dei als eine rabiat machtgierige Gruppe und sozusagen als "die römische Kirche" darstellt, dann spiegelt sich darin in gewisser Weise die öffentliche Wahrnehmung der Selbstdarstellung der römisch-katholischen Kirche. Für viele Thriller-Leser und Kinogeher scheint das sehr glaubwürdig zu sein - auch wenn es so nicht stimmt. Denn die unzähligen Katholikinnen und Katholiken, die ihr Leben in vieler Weise für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen und für ihr Engagement gelegentlich auch sterben, werden erstens meist nicht wahrgenommen, und zweitens - wenn, dann nicht als Vertreter der katholischen Kirche. Das ist ein sehr wunder Punkt, den Dan Brown mit seiner Story trifft.

Wunde Punkte getroffen

Die Fiktion, dass Jesus Frau und Kind gehabt hätte, die mehrere der "anderen Lesarten" der Jesusgeschichte teilen, trifft einen weiteren Komplex. Das Bekenntnis, dass Jesus Christus Sohn Gottes ist, impliziert nach gängigen Vorstellungen die Ausblendung von Körperlichkeit qua Sexualität (als Leidender ist Christus dann wieder ganz körperlich); zugleich aber ist das sexuelle Geschlecht - Jesus, der Mann - die offizielle Begründung für die Ausschließung der Frauen von kirchlichen Ämtern (nicht nur in der römisch-katholischen Kirche).

Wenn im "Da Vinci Code" am Ende eine Frau als Nachfahrin Jesu erscheint, dann sprengt dieses Bild die ganze interne Struktur des metaphysischen Arguments. Dass so viele Menschen an Dan Browns Plot interessiert sind, selbst wenn die Story sie nicht ganz überzeugt, liegt auch daran, dass hier die metaphysische Verknüpfung von Transzendenz und männlicher Autorität relativiert wird. Dies entspricht dem gegenwärtigen Stand der Verhältnisse. Frauen gehören heute nicht mehr zur beweglichen Habe des Mannes - wie etwa noch zu Kants Zeiten, sondern sind seit einigen Jahrzehnten selbständige Personen eigenen Rechts. Das ist ein Entwicklungstrend, der weltweit zu beobachten ist - samt den dazugehörigen Verunsicherungen in Weltbild und Metaphysik.

Das große Interesse an apokryphen Evangelien und gnostischen Themen erscheint als Hinweis auf unterdrückte Fragen, die beantwortet, und verdrängte Probleme, die gelöst werden müssen. Dass dabei keine einheitliche Metaphysik im Hintergrund Sicherheit verleiht, ist Teil des Problems. Doch zum Vertrauen, aus dem der Glaube kommt, muss jede und jeder selbst finden. Zur Zeit des frühen Christentums war das auch nicht anders.

Die Autorin ist Religionswissenschafterin und Religionsjournalistin beim ORF-Hörfunk.

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