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Kirchenleere

Vielleicht kennen Sie den folgenden Witz: Ein Urlauber besichtigt eine kleine Dorfkirche und kommt mit dem Pfarrer ins Gespräch. "Sagen Sie, Herr Pfarrer, gehen denn alle Gemeindeglieder in so eine kleine Kirche hinein?" "Ja, wissen Sie", antwortet der Geistliche, "wenn alle hineingingen, gingen sie nicht alle hinein. Aber weil sie nicht alle hineingehen, gehen sie alle hinein."

Dass alle hineingehen, weil eben nicht alle hineingehen, kann man in unseren Kirchen heute oft erleben. Kirchenleitungen führen Klage über die sinkende Zahl der Gottesdienstbesucher und haben Erklärungsbedarf. Natürlich gibt es regionale und konfessionelle Unterschiede. Leere Kirchenbänke aber sind europaweit ein Problem. In Ostdeutschland sind ganze Landstriche weitgehend entkirchlicht. In säkularisierten Ländern wie den Niederlanden hat man schon vor Jahrzehnten Kirchen verkauft und anderen Zwecken zugeführt.

Für einen Pfarrer oder eine Pfarrerin kann der Gottesdienst zur Anfechtung werden, wenn sich nur ein kleine, vielleicht auch noch überalterte Schar versammelt, während die jungen Familien den Sonntag lieber irgendwo im Grünen verbringen. Statt aber nur in Larmoyanz zu fal-len, sollten wir die frei bleibenden Plätze in der Kirche einmal mit anderen Augen betrachten.

Hier also eine kleine Meditation über leere Kirchenbänke: Der Sonntagsgottesdienst wird nicht nur für die Anwesenden, sondern auch stellvertretend und fürbittend für die gefeiert, die - aus welchen Gründen auch immer - abwesend sind. Darum geben die leer bleibenden Kirchenbänke theologisch und liturgisch positiv zu denken. Sie sollten für uns nicht nur Anlass zur Klage sein. Sie symbolisieren vielmehr, dass im Reich Gottes für jeden Menschen ein Platz frei ist und dementsprechend jeder Mensch in der Kirche willkommen ist.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Syste-matische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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