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Religion

Kirchenrebell für die UKRAINE

1945 1960 1980 2000 2020
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Jesus schaut zu. Auf seinem Thron sitzend, hält er die Bibel in der Hand und hat die Seite aus dem Johannesevangelium mit der Parole aufgeschlagen: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!" Unter diesem als Bild gerahmten Kirchenfenster trifft die FURCHE in seinem Kiewer Bischofssitz Oleksandr Drabynko, den Metropolit von Perejaslaw-Chmelnyzkyj und Wyschnewe zum Interview. Die Parole dieses Gesprächs heißt: "Los von Moskau!"

Metropolit Oleksandr ist die lauteste Stimme innerhalb der orthodoxen Kirche, die Eigenständigkeit, im Kirchenvokabular Autokephalie genannt, und damit die Loslösung der ukrainischen Kirche aus der Hoheit des russisch-orthodoxen Moskauer Patriarchats fordert. Dabei ist Oleksandr selbst ein Oberbischof des Moskauer Patriarchats. Rechtlich gesehen, faktisch betrachtet er sich seit der Autokephalie-Erklärung des Heiligen Synods von Konstantinopel als einen Bischof des Ökumenischen Patriarchats - heißt übersetzt: Er selbst hat sich auf den Weg Richtung jener Eigenständigkeit gemacht, die er für seine Kirche fordert.

Ukrainische Autokephalie: keine neue Idee

"Die Autokephalie ist keine neue Idee", sagt er, "die ersten Bestrebungen dafür sind 100 Jahre alt." Bereits nach der Oktoberrevolution und Gründung der Ukrainischen Volksrepublik 1918 sei eine eigenständige ukrainisch-orthodoxe Kirche Thema gewesen. "Der Wunsch nach Autokephalie ist so wie in anderen Ländern im Herz der Ukrainer verwurzelt", so der Metropolit: "Schauen Sie nach Serbien, schauen Sie nach Bulgarien oder anderswo hin, überall gehört eine unabhängige Kirche zur Seele des Volkes, zur Identität, ist Symbol der Souveränität eines Landes und seiner Menschen."

Der Metropolit ist ein einnehmender Gesprächspartner, keine Spur von der bei einem Würdenträger der orthodoxen Kirche -Achtung Klischee! - erwarteten Distanziertheit. Bereits die Kontaktaufnahme verlief niederschwellig über Facebook. Oleksandr Drabynko antwortete persönlich. Auf Fotos mit Bischofskollegen ist er leicht zu erkennen. Der mit dem kürzesten, nicht grauen Bart.

Das Kirchenfenster, aus dem Jesus dem Treffen zuschaut, stammt aus der Heimatkirche des Metropoliten von Kiew und der Ukraine Wolodymyr. 16 Jahre, bis zu seinem Tod 2014, war Oleksandr Drabynko sein Sekretär. "Wie sein zweiter Vater", erklärte vor dem Interview der Dolmetscher die Beziehung zwischen Sekretär und Chef. Wolodymyr galt als landesweite Autorität. Sein Ansehen in der Orthodoxie war so groß, dass nicht einmal Patriarch Kirill von Moskau Streit mit ihm wagte. Von diesem Bonus profitiert auch Wolodymyrs "Sohn". Der Status seines Chefs ebnete Oleksandr Drabynko den Weg zur schnellen Karriere in der orthodoxen Hierarchie. Und im FURCHE-Gespräch betont Metropolit Oleksandr, dass er seine Positionen im Sinne des kirchenpolitischen Kurses von Vorbild Wolodymyr sieht.

Auf den Spuren von "Vater" Wolodymyr

Der aus der Westukraine stammende Wolodymyr unterschrieb den "Appell an das ukrainische Volk" für die europäische Integration der Ukraine. Daneben vertrat Wolodymyr die Annäherung zwischen seiner kanonisch legitimen Kirche und den beiden anderen schismatischen, also nicht rechtmäßig orthodox geltenden Kirchen in der Ukraine. Die Fortsetzung dieses pro-europäischen Kurses und seine guten Beziehungen zu den bislang schismatischen Kirchen kosteten Metropolit Oleksandr den Posten des Leiters des kirchlichen Außenamts in Kiew. Direkter Anlass für seine Absetzung war aber sein Besuch der Regierungstruppen, die gegen die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine kämpfen. Kein anderer Bischof der moskautreuen ukrainischen Orthodoxie hatte sich bei den eigenen Truppen gezeigt.

Das Kirchenfenster, das den Hintergrund zum Treffen zwischen FURCHE und Metropolit bildet, ist in den ukrainischen Nationalfarben Blau für den Himmel und Gelb für die Getreidefelder gehalten. Da drängt sich die Frage auf: Wie groß ist der Einfluss der Politik auf diese kircheninterne Auseinandersetzung?"Im Idealfall ist die Orthodoxie nicht durch nationale Grenzen getrennt", antwortet der Metropolit, "aber in unserer Realität ist es so, dass Moskau die orthodoxe Kirche als ein Werkzeug benutzt, um seinen Einfluss aufrecht und die Ukraine am Gängelband zu halten."

Daraufhin startet Metropolit Oleksandr einen weiteren geschichtlichen Rückblick: Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde seitens der orthodoxen Kirche in der Ukraine, so wie in anderen UdSSR-Nachfolgestaaten, die Frage nach der Autokephalie gestellt. Moskau war strikt dagegen. Trotzdem wurde ein eigenes Kiewer Patriarchat gegründet mit der Folge des bereits genannten Schismas. Damit gab es mit der vor gut 90 Jahren entstandenen "Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche" drei Kirchen im Land. Von der Weltorthodoxie wurde aber bis dato einzig die mit Moskau verbundene Kirche anerkannt. Metropolit Oleksandr wirft Moskau vor, dieses Schisma provoziert zu haben, um die Ukraine zu spalten.

Dann macht der Metropolit einen Sprung in die Gegenwart und zitiert aus einem Protokoll des letzten Treffens zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios I. und dem Moskauer Patriarchen Kirill im September. Thema war die Frage nach der Eigenständigkeit der ukrainischen Kirche.

Kirill sagte laut diesem Protokoll: Russland und die Ukraine seien eine Nation, ein Land, und in Kiew liege der Anfang der russisch-orthodoxen Kirche Zudem habe, so ein weiterer Vorwurf von Metropolit Oleksandr, Moskau alle einmal im 17. Jahrhundert gemachten Vereinbarungen zur Kirchenautonomie Kiews gebrochen. "Wie kann ich da Kirill noch folgen?", fragt Oleksandr nach seiner Aufzählung des Moskauer Sündenregisters.

Wie viele werden Oleksandr folgen?

Die Antwort gibt er mit seinem Ja zur Entscheidung des Heiligen Synods für die Autokephalie der ukrainischen Kirche. Wieviele werden ihm folgen? Metropolit Oleksandr betont, dass er sich für seinen Kurs die Zustimmung seiner Gemeinde holte. Für die Gläubigen, sagt Oleksandr, sei die wichtigste Frage, ob eine autokephale ukrainische Kirche dem Kirchenrecht entspricht. Bis dato reklamierte die russisch-orthodoxe Kirche für sich, die einzig wahre Kirche in der Ukraine zu sein: Das Heil sei nur in und mit der Kirche des Moskauer Patriarchats zu erlangen.

"Konstantinopel hat diese Mauer jetzt niedergerissen", beschreibt Oleksandr die Auswirkungen der Entscheidung des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel vom 11. Oktober, die die Bildung einer autokephalen ukrainisch-orthodoxen Landeskirche gutheißt und den Kirchenbann gegen die beiden vom orthodoxen Moskauer Patriarchat abgespaltenen Kirchen aufhebt.

Der nächste Schritt ist für Oleksandr ein Konzil aller orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Dort wird seinen Vorstellungen gemäß in einem offenen und demokratischen Prozess von Klerus, Ordensleuten und Kirchenvolk ein Oberhaupt gewählt. Diesem ukrainischen Patriarchen soll dann der Synod von Konstantinopel den "Tomos", sprich die Bestätigung der ukrainischen Autokephalie übergeben. Metropolit Oleksandr: "Das ist dann der Geburtstag der orthodoxen Kirche in der Ukraine." Die FURCHE lädt er zu diesem Feiertag ein. Sicher dabei sein wird aber, mit oder ohne Kirchenfenster, ein anderer -und seine Forderung: Liebt einander!

Jesus schaut zu. Auf seinem Thron sitzend, hält er die Bibel in der Hand und hat die Seite aus dem Johannesevangelium mit der Parole aufgeschlagen: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!" Unter diesem als Bild gerahmten Kirchenfenster trifft die FURCHE in seinem Kiewer Bischofssitz Oleksandr Drabynko, den Metropolit von Perejaslaw-Chmelnyzkyj und Wyschnewe zum Interview. Die Parole dieses Gesprächs heißt: "Los von Moskau!"

Metropolit Oleksandr ist die lauteste Stimme innerhalb der orthodoxen Kirche, die Eigenständigkeit, im Kirchenvokabular Autokephalie genannt, und damit die Loslösung der ukrainischen Kirche aus der Hoheit des russisch-orthodoxen Moskauer Patriarchats fordert. Dabei ist Oleksandr selbst ein Oberbischof des Moskauer Patriarchats. Rechtlich gesehen, faktisch betrachtet er sich seit der Autokephalie-Erklärung des Heiligen Synods von Konstantinopel als einen Bischof des Ökumenischen Patriarchats - heißt übersetzt: Er selbst hat sich auf den Weg Richtung jener Eigenständigkeit gemacht, die er für seine Kirche fordert.

Ukrainische Autokephalie: keine neue Idee

"Die Autokephalie ist keine neue Idee", sagt er, "die ersten Bestrebungen dafür sind 100 Jahre alt." Bereits nach der Oktoberrevolution und Gründung der Ukrainischen Volksrepublik 1918 sei eine eigenständige ukrainisch-orthodoxe Kirche Thema gewesen. "Der Wunsch nach Autokephalie ist so wie in anderen Ländern im Herz der Ukrainer verwurzelt", so der Metropolit: "Schauen Sie nach Serbien, schauen Sie nach Bulgarien oder anderswo hin, überall gehört eine unabhängige Kirche zur Seele des Volkes, zur Identität, ist Symbol der Souveränität eines Landes und seiner Menschen."

Der Metropolit ist ein einnehmender Gesprächspartner, keine Spur von der bei einem Würdenträger der orthodoxen Kirche -Achtung Klischee! - erwarteten Distanziertheit. Bereits die Kontaktaufnahme verlief niederschwellig über Facebook. Oleksandr Drabynko antwortete persönlich. Auf Fotos mit Bischofskollegen ist er leicht zu erkennen. Der mit dem kürzesten, nicht grauen Bart.

Das Kirchenfenster, aus dem Jesus dem Treffen zuschaut, stammt aus der Heimatkirche des Metropoliten von Kiew und der Ukraine Wolodymyr. 16 Jahre, bis zu seinem Tod 2014, war Oleksandr Drabynko sein Sekretär. "Wie sein zweiter Vater", erklärte vor dem Interview der Dolmetscher die Beziehung zwischen Sekretär und Chef. Wolodymyr galt als landesweite Autorität. Sein Ansehen in der Orthodoxie war so groß, dass nicht einmal Patriarch Kirill von Moskau Streit mit ihm wagte. Von diesem Bonus profitiert auch Wolodymyrs "Sohn". Der Status seines Chefs ebnete Oleksandr Drabynko den Weg zur schnellen Karriere in der orthodoxen Hierarchie. Und im FURCHE-Gespräch betont Metropolit Oleksandr, dass er seine Positionen im Sinne des kirchenpolitischen Kurses von Vorbild Wolodymyr sieht.

Auf den Spuren von "Vater" Wolodymyr

Der aus der Westukraine stammende Wolodymyr unterschrieb den "Appell an das ukrainische Volk" für die europäische Integration der Ukraine. Daneben vertrat Wolodymyr die Annäherung zwischen seiner kanonisch legitimen Kirche und den beiden anderen schismatischen, also nicht rechtmäßig orthodox geltenden Kirchen in der Ukraine. Die Fortsetzung dieses pro-europäischen Kurses und seine guten Beziehungen zu den bislang schismatischen Kirchen kosteten Metropolit Oleksandr den Posten des Leiters des kirchlichen Außenamts in Kiew. Direkter Anlass für seine Absetzung war aber sein Besuch der Regierungstruppen, die gegen die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine kämpfen. Kein anderer Bischof der moskautreuen ukrainischen Orthodoxie hatte sich bei den eigenen Truppen gezeigt.

Das Kirchenfenster, das den Hintergrund zum Treffen zwischen FURCHE und Metropolit bildet, ist in den ukrainischen Nationalfarben Blau für den Himmel und Gelb für die Getreidefelder gehalten. Da drängt sich die Frage auf: Wie groß ist der Einfluss der Politik auf diese kircheninterne Auseinandersetzung?"Im Idealfall ist die Orthodoxie nicht durch nationale Grenzen getrennt", antwortet der Metropolit, "aber in unserer Realität ist es so, dass Moskau die orthodoxe Kirche als ein Werkzeug benutzt, um seinen Einfluss aufrecht und die Ukraine am Gängelband zu halten."

Daraufhin startet Metropolit Oleksandr einen weiteren geschichtlichen Rückblick: Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde seitens der orthodoxen Kirche in der Ukraine, so wie in anderen UdSSR-Nachfolgestaaten, die Frage nach der Autokephalie gestellt. Moskau war strikt dagegen. Trotzdem wurde ein eigenes Kiewer Patriarchat gegründet mit der Folge des bereits genannten Schismas. Damit gab es mit der vor gut 90 Jahren entstandenen "Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche" drei Kirchen im Land. Von der Weltorthodoxie wurde aber bis dato einzig die mit Moskau verbundene Kirche anerkannt. Metropolit Oleksandr wirft Moskau vor, dieses Schisma provoziert zu haben, um die Ukraine zu spalten.

Dann macht der Metropolit einen Sprung in die Gegenwart und zitiert aus einem Protokoll des letzten Treffens zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios I. und dem Moskauer Patriarchen Kirill im September. Thema war die Frage nach der Eigenständigkeit der ukrainischen Kirche.

Kirill sagte laut diesem Protokoll: Russland und die Ukraine seien eine Nation, ein Land, und in Kiew liege der Anfang der russisch-orthodoxen Kirche Zudem habe, so ein weiterer Vorwurf von Metropolit Oleksandr, Moskau alle einmal im 17. Jahrhundert gemachten Vereinbarungen zur Kirchenautonomie Kiews gebrochen. "Wie kann ich da Kirill noch folgen?", fragt Oleksandr nach seiner Aufzählung des Moskauer Sündenregisters.

Wie viele werden Oleksandr folgen?

Die Antwort gibt er mit seinem Ja zur Entscheidung des Heiligen Synods für die Autokephalie der ukrainischen Kirche. Wieviele werden ihm folgen? Metropolit Oleksandr betont, dass er sich für seinen Kurs die Zustimmung seiner Gemeinde holte. Für die Gläubigen, sagt Oleksandr, sei die wichtigste Frage, ob eine autokephale ukrainische Kirche dem Kirchenrecht entspricht. Bis dato reklamierte die russisch-orthodoxe Kirche für sich, die einzig wahre Kirche in der Ukraine zu sein: Das Heil sei nur in und mit der Kirche des Moskauer Patriarchats zu erlangen.

"Konstantinopel hat diese Mauer jetzt niedergerissen", beschreibt Oleksandr die Auswirkungen der Entscheidung des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel vom 11. Oktober, die die Bildung einer autokephalen ukrainisch-orthodoxen Landeskirche gutheißt und den Kirchenbann gegen die beiden vom orthodoxen Moskauer Patriarchat abgespaltenen Kirchen aufhebt.

Der nächste Schritt ist für Oleksandr ein Konzil aller orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Dort wird seinen Vorstellungen gemäß in einem offenen und demokratischen Prozess von Klerus, Ordensleuten und Kirchenvolk ein Oberhaupt gewählt. Diesem ukrainischen Patriarchen soll dann der Synod von Konstantinopel den "Tomos", sprich die Bestätigung der ukrainischen Autokephalie übergeben. Metropolit Oleksandr: "Das ist dann der Geburtstag der orthodoxen Kirche in der Ukraine." Die FURCHE lädt er zu diesem Feiertag ein. Sicher dabei sein wird aber, mit oder ohne Kirchenfenster, ein anderer -und seine Forderung: Liebt einander!