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Kompetenz für moderne Kultur

Die Enttäuschung war unüberhörbar. Hätte Michael Haneke in Cannes nicht die Goldene Palme verdient? Typisch österreichisch, dass diese Erwartung auch von solchen Medien geschürt wurde, die bestimmt nicht zu den Fürsprechern moderner Kultur zählen. Zum Trost hat Haneke immerhin gleich drei Preise erhalten: den Preis für die beste Regie, den Preis der internationalen Filmkritik und den Preis einer für hiesige Medien offensichtlich näher nicht interessanten ökumenischen Jury.

Die Ökumenische Jury besteht aus sechs Personen. Ihr Präsident ist derzeit der reformierte Theologe Hans Hodel aus der Schweiz, der Direktor der interfilm (Organisation Protestante Internationale du Cinéma). Die Herkunftsländer der Jurymitglieder belegen, dass dieses kirchliche Engagement für den Film an die allgemeine Cinephilie der romanischen Länder, vor allem Frankreichs, gebunden ist.

Was fand diese Jury am Film von Michael Haneke? "Caché" ist ein Thriller, in dem ein tv-Moderator Videos zugespielt bekommt, die ihn mit der eigenen schuldbeladenen Vergangenheit konfontieren. Ihre Auszeichnung von Michael Hanekes Film begründet die Jury folgendermaßen: "In klarem Stil stellt der Regisseur die Komplexität der Verantwortung des Menschen vor seiner Vergangenheit und der Geschichte vor Augen."

Die Ökumenische Jury begleitet nicht nur das Festival von Cannes, sondern auch die von Montréal, Locarno, Amiens, Berlin, Angoulême, Oberhausen usw. Ihre Arbeit zeigt, dass das Kino von Anfang eine Herausforderung für Kirche und Theologie darstellt. Es geschieht allzuoft, dass die Kirchen vor der modernen Kultur schlicht nichts zu sagen haben oder bloß moralisierend Tabubrüche und Werteverfall beklagen. Wie erfreulich, wenn sie da und dort auch kompetent mitreden.

Der Autor ist Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche A.B.

Tipp

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