Kreationisten auch in Europa? Unter Lehrern?

Der Kreationismus ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Auch in Europa ist er auf dem Vormarsch. Dies vermeldete unlängst das US-Magazin "Science". Stimmt das? Und muss zur Lösung des Problems den vielen Religionsstunden einfach viel mehr Evolutionstheorie-Unterricht entgegengesetzt werden? Eine Analyse von Thomas Mündle

Alarmiert titelte das US-Wissenschaftsmagazin Science am vergangenen Freitag: "Kreationistische Glaubenssätze halten sich hartnäckig in Europa". Der Bericht bezog sich auf Ergebnisse, die vor Kurzem auf einer internationalen Fachtagung in Dortmund vorgestellt wurden. Tagungsorganisator und Biologiedidaktik-Professor Dittmar Graf präsentierte dabei selbst ein durchaus brisantes Studienergebnis: Eine Umfrage unter 1200 deutschen Biologie-Lehramtsstudierenden im ersten Semester ergab, dass jeder Achte ein Evolutionsskeptiker ist (als Evolutionsskeptiker zählt, wer auf mehr als 80 Prozent der Fragen eine Antwort gab, die sich nicht mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt).

Studierende lehnen Evolution ab

Die gleiche Umfrage unter Studierenden an einer türkischen Universität brachte ein noch düstereres Resultat: Mehr als drei von vier lehnten die Evolutionstheorie ab. Co-Studienleiter Haluk Soran wurde im Artikel mit den Worten zitiert: "Je religiöser die Leute sind, desto mehr vergessen sie von der Evolution." Doch auch der Lern-Misserfolg der deutschen Studierenden wurde an der Religion festgemacht: "Naturwissenschaftliche Lehrer müssen mit Jahren von religiöser Erziehung wetteifern, die bereits ab der ersten Klasse Teil des Schul-Curriculums ist. Im Gegensatz dazu wird die Evolutionstheorie im Allgemeinen erst spät im Gymnasium unterrichtet." Die Lösung des Problems: Viel früher und viel mehr Evolutionstheorie!

Was nicht im Science-Artikel zu lesen war: Die Original-Studie von Graf hat bei den deutschen Studierenden zwar einen negativen Zusammenhang zwischen "Überzeugungen zur Evolutionstheorie" und "Glaubensüberzeugungen" gefunden, aber dieser war - so der exakte Wortlaut in der Publikation - "nicht allzu stark".

Auch gehen die Wünsche von etwa jedem dritten Biologielehrer in eine andere Richtung: Kreationismus soll in Schulen neben der Evolutionstheorie unterrichtet werden. Das ist zumindest das Resultat einer breit angelegten Untersuchung aus England und Wales, das im Science-Artikel lediglich als höchst bedenkliches Warnsignal für den kreationistischen Trend referiert wurde. Es scheint allerdings höchst fraglich, dass ein so großer Anteil der britischen Biologielehrer insgeheim der Position des Kreationismus anhängt: im Geburtsland Darwins - welche Häresie!

Wahrscheinlicher ist doch, dass die Lehrer durch einen direkten Vergleich von Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie für die Schüler ein besseres Verständnis der Evolutionstheorie erreichen wollen. Genau diese Idee wurde im vergangenen Herbst von Michael Reiss, Professor am renommierten Institute of Education in London, aufgegriffen. Und obwohl der ausgewiesene Biologiedidaktiker ausdrücklich betonte, dass es gerade nicht darum ginge, kreationistischem Gedankengut im Unterricht den gleichen Stellenwert einzuräumen, erntete er für seinen Vorschlag scharfe Kritik.

Darwin überzeugte damals

Einen zweiten Weg, die immense Schlagkraft von Darwins Gedanken herauszuarbeiten, läge in der historischen Einbettung seiner Theorie. Philip Kitcher hat diesen Weg in seinem neuen Buch Mit Darwin Leben beschritten (zur Lektüre empfohlen in FURCHE 6/09). Dort zeigt der bekannte US-Wissenschaftstheoretiker, wie antiquiert die Argumente der Kreationisten eigentlich im Kern sind: Denn mit seinem Hauptwerk hat Darwin seine Bibel-gläubigen Landsleute bereits vor 150 Jahren überzeugt - ja, sehr viele haben seine Gedanken überraschend schnell akzeptiert (etwa die Anglikanische Kirche. Darwin hat bekanntlich ein Ehrengrab bei der Westminster Abbey bekommen).

Graf weist im Science-Artikel zu Recht darauf hin, dass "das Wesen der Wissenschaft intensiver" gelehrt werden muss. Dazu gehört wohl auch zu zeigen, wie eine Theorie, die mehr erklärt, manchmal auch eleganter ist, jene ersetzt, die weniger umfassend ist. Zu den inferioreren Theorien gehören offensichtlich die Schöpfungslehre der Bibel, ihre historischen Varianten (etwa William Paleys "Natürliche Theologie") und aktuelle Ableger (das Intelligent Design). Warum sie also nicht zum Vergleich heranziehen? Und wenn diese unbrauchbaren Theorien noch dazu breite intuitive Zustimmung finden, ist das ein weiterer Grund, sie aufzugreifen: Denn implizite Vorstellungen explizit zu machen, ist ein erster Schritt, um neue Konzepte - in diesem Falle Darwins Lehre - wirklich zu verstehen.

Tief kreationistisches Österreich?

Schließlich irritiert, wie im Science-Bericht durchgängig von einem kreationistischen Trend in Europa die Rede ist. Lässt sich der - oft sehr militante - amerikanische Kreationismus tatsächlich so einfach auf "Europa, dieses komische Land voller Atheisten" (© Peter L. Berger) übertragen? Was soll beispielsweise heißen, dass in Deutschland "20 Prozent der Bevölkerung kreationistische Glaubensüberzeugungen" hegen? Kaum wird in einer Umfrage die Frage gelautet haben: Sind sie Kreationist? Eher ist es so, dass bei gewissen Biologiefragen lediglich "falsche" Antworten gegeben wurden.

In diesem (Wider-)Sinne hätte die am Mittwoch von Bundesminister Hahn präsentierte Evolutionsstudie auch bewiesen, dass Österreich zutiefst kreationistisch ist. Ein Beispiel: 51 Prozent der Befragten meinten: Es "trifft zu", dass "die Evolutionsbiologie die Frage zur Entstehung des Lebens nicht befriedigend erklären kann." Natürlich kann man den so Antwortenden nun unterstellen, dass sie erstens Evolutionsskeptiker sind und zweitens die Meinung vertreten, dass hier eine höhere Macht am Werk war. Kurzum: Sie sind Kreationisten!

Recht auf Ignoranz und Zweifel

Plausibler scheint, dass viele diese Antwort einfach deshalb wählten, weil sie sich keinen Reim darauf machen können, wie das Wunder der Entstehung des Lebens vonstatten gegangen sein soll. Dabei ist die Wissenschaft selbst lange Zeit in dieser staunenden Haltung verharrt: Als Stanley Miller in den 1950er Jahren die ersten Ursuppen-Experimente vorschlug, lehnte sein Mentor Harold Urey das zunächst ab. Der Nobelpreisträger Urey konnte nicht glauben, dass im Labor die Ursprünge des Lebens nachvollzogen werden können. Vielleicht sollte man mit den "nichtkonformen" Antworten der zweifelnden Laien also ein wenig milder umgehen. Selbst wenn die Wissenschaft heute mehr verstanden hat. Nicht jeder Laie kann das volle Wissen eines Wissenschafters haben (Und übrigens: Jeder Wissenschafter ist in vielerlei Hinsicht auch ein Laie!).

Diese tolerante Haltung gegenüber Ignoranz und Zweifel hat natürlich ihre Grenzen: Wenn öffentliche Personen den Unsinn des Intelligent Design propagieren oder Darwin vulgarisieren, ist das zu kritisieren.

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