Kritik an der Islamkritik nimmt zu

Vor eineinhalb Jahren machte das Schweizer Minarett-Verbot Furore. Von dort kommen aber auch beachtliche Initiativen wie der "Interreligiöse Thinktank“.

Das Gespräch führte Otto Friedrich

Interreligiöser Thinktank nennt sich die Schweizer Initiative: Je zwei Katholikinnen, Protestantinnen, Jüdinnen und Musliminnen wollen sich in religionspolitische Debatten einmischen. Anfang 2011 veröffentlichten sie das Manifest "Weibliche Freiheit und Religion sind vereinbar“ - die FURCHE berichtete (www.interrelthinktank.ch). Amira Hafner-Al-Jabaji, eine der beiden Musliminnen in dieser Initiative, im Gespräch.

Die Furche: Zurzeit hat die Kritik an der Islamkritik Konjunktur. Auch Feministinnen wie Alice Schwarzer oder Necla Kelek werden angesprochen. Ist das Zufall?

Amira Hafner-Al-Jabaji: Nein. Es hat damit zu tun, dass aus akademischen Kreisen wie von Necla Kelek oder von Feministinnen wie Alice Schwarzer eine sehr pauschale Islamkritik kommt, die sich scheinbar mit der gleichfalls sehr pauschalen breiten Islamkritik in der Bevölkerung deckt. Hier wird eine Homogenität konstruiert, wenn von dem Islam, von den Muslimen gesprochen wird. Das trägt zu weiterer Polarisierung bei. Das Wichtigste dieser Debatte ist Differenzierung.

Die Furche: Ziehen da "Linke“ und "Rechte“ an einem Strang?

Hafner-Al-Jabaji: Ich möchte Alice Schwarzer und ihren linken Kolleg/inn/en nicht unterstellen, bewusst mit den Rechtspopulisten zu koalieren. Aber die Argumente verstärken sich. So greifen Rechtspopulisten auch auf Feministinnen wie Schwarzer zurück, um ihre eigenen Thesen zum Islam zu untermauern. Meines Erachtens haben sich Alice Schwarzer und Necla Kelek viel zu wenig davon distanziert. Im Gegenteil: Sie lassen das geschehen und erwecken den Eindruck, dass sie da gemeinsame Sache machen.

Die Furche: Das Manifest des Interreligiösen Thinktanks, das Sie mitformuliert haben, hat einen feministischen Anspruch. Sie müssten sich da in vielem mit den Anliegen von säkularen Feministinnen treffen.

Hafner-Al-Jabaji: Deshalb lautet unser Vorwurf ja, dass der feministische Grundanspruch, nämlich die Maxime der Selbstbestimmung der Frau, den Musliminnen streitig gemacht wird. Das ist unsere Kritik an Alice Schwarzer, wenn sie sagt, eine Burka sei Ausdruck des frauenunterdrückenden Islam und gehöre verboten. Damit verwehrt sie als Feministin diesen Musliminnen den Grundanspruch als Frau, sich so zu kleiden, wie sie wollen. Sie spricht diesen Frauen ab, ihre Lebensentwürfe zu zeichnen, sofern sie nicht mit Schwarzers Lebensentwürfen übereinstimmen.

Die Furche: Spielt die Frage der Religion da eine Rolle? Alice Schwarzer dürfte mit Religion an sich nicht viel anfangen können.

Hafner-Al-Jabaji: Alice Schwarzer oder auch Necla Kelek, die wohl sehr schwierige Erfahrungen mit dem religiösen Umfeld gemacht hat, in dem sie groß geworden ist, betrachtet Religion an sich als etwas Unterdrückerisches. Es stimmt ja, dass ein großer Teil der individuellen Freiheitsrechte in Europa nicht mit der Religion, sondern unter Zurückweisung derselben errungen wurden. Wenn jetzt muslimische Frauen oder Muslime überhaupt stärker sichtbar sind, dann fürchten manche, die Freiheitsrechte könnten durch die Präsenz einer anderen Religion wieder rückgängig gemacht werden.

Die Furche: Wie kommen Sie selber mit Ihrer Religion zu Rande, wo es viele Aspekte gibt, die einer Feministin nicht gefallen können?

Hafner-Al-Jabaji: Die gleiche Frage könnten Sie auch christlichen feministischen Theologinnen stellen. Die würden ähnlich antworten wie ich: Wir haben es verlernt, die positiven und befreienden Aspekte einer Religion konstruktiv ins Alltagsleben einzubauen und auch dazu zu nutzen, Freiheitsrechte zu erlangen. Gerade in Bezug auf einen islamischen Feminismus passiert Bemerkenswertes - etwa durch die Einführung des Begriffes "Gender-Dschihad“. Nachdem man "Dschihad“ meist mit Krieg und der gewaltsamen Durchsetzung des Religiösen gleichsetzt, meint "Gender-Dschihad“ den Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit aus der religiösen Motivation heraus, das Gute zu erlangen. Muslimische Feministinnen definieren sich oft über das Religiöse: Es ist unsere heilige Pflicht, für Gerechtigkeit einzustehen, und die beinhaltet ganz prominent eben auch Geschlechtergerechtigkeit. Unser Kampf für die Rechte der Frauen ist ein religiös motivierter Kampf. Das erleichtert auch den Dialog mit religiösen Institutionen. Wenn der Feminismus ganz aus einer säkularen Argumentation herkommt, dann ist auf islamischer Seite nicht viel damit anzurichten.

Die Furche: Findet dieser innerislamische Dialog auch mit relevanten religiösen Autoritäten statt?

Hafner-Al-Jabaji: Nicht auf einem sehr hohen Niveau, weder lokal noch international. Aber was viel wichtiger ist - das hat auch die ganze Frauenbewegung in Europa gezeigt: Die Vernetzung von Organisationen und Einzelkämpferinnen hilft, den Druck aufrecht zu erhalten. Der innerreligiöse Dialog ist ja viel schwieriger als der Dialog zwischen Religionen. Das gilt nicht nur bei den Frauenrechten, sondern bei der Frage der richtigen Islampraxis: Das ist sehr schwierig, weil man sich davor scheut, die innere Pluralität offenzulegen. Daran muss gearbeitet werden.

Die Furche: Ist das in Europa leichter?

Hafner-Al-Jabaji: Ja, denn es gibt hier keinen Mainstream-Islam wie in islamischen Ländern, wo eine bestimmte Lebensweise als "korrekt“ und "normal“ gilt. Und wir haben einen liberalen Gesellschaftsrahmen, der uns auch rechtlich und gesellschaftsmäßig die offene Diskussion ermöglicht. Es kommt natürlich vor, dass muslimische Frauenrechtlerinnen, weil sie sich aus Sicht der sehr Konservativen nicht islamkonform kleiden oder Aussagen machen, die nicht ganz so orthodox sind, massiver Kritik ausgesetzt sind. Aber der gesellschaftsliberale Rahmen gibt uns die Möglichkeit, einfacher miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal führen uns auch Zwänge von außen zusammen: In der Schweiz gibt es seit der Anti-Minarett-Initiative das "Forum Islam“, wo es eigentlich um das Gespräch des Bundesamtes für Justiz mit Muslimen geht; das entwickelt sich jetzt dahingehend, dass wir Muslime - etwa 30 an der Zahl - aus unterschiedlichen Herkünften und mit differenten Positionen uns einen innerislamischen Dialog auf die Fahnen schreiben.

Die Furche: Aber in Europa ist es oft schwer, Gesprächspartner zu finden, die das intellektuelle Niveau dafür mitbringen, weil die Muslime mehrheitlich Migranten sind.

Hafner-Al-Jabaji: Das ist leider so. Und hat auch damit zu tun, dass die Muslime mehrheitlich in den unteren Schichten angesiedelt sind, wo das ökonomische Überleben unsicher ist. Und die Frage: "Bleiben wir hier?“ erlebe ich auch in der zweiten Generation nicht als sicher beantwortet. Zusätzlich beobachte ich mit Sorge eine Folklorisierung des Islam: Konvertiten sowie junge Musliminnen und Muslime, oft aus einem säkularen Elternhaus kommend, drücken ihren Islam plötzlich unglaublich stark aus - etwa indem jede Aussage mit einem "Inschallah“ oder einem "Al hamdullillah“ ("Gott sei Dank“)“ versehen wird, sodass die Alltagssprache plötzlich religiös konnotiert ist. Das geht weiter bei der Kleidung und beim Umfeld: Man trifft sich nur mehr mit Gleichgesinnten, die ganze Freizeitgestaltung hat einen stark religiösen Charakter - ähnlich wie wir das vor zwanzig Jahren in gewissen Bibelgruppen kennengelernt haben.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau