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Lang überfälliger Weckruf

1945 1960 1980 2000 2020

Brisante Folge einer brisanten Neuerscheinung: Am Veröffentlichungstag von Doris Wagners "Spiritueller Missbrauch" wurde bekannt, dass P. Hermann Geißler, Büroleiter in der Glaubenskongregation, zurücktritt.

1945 1960 1980 2000 2020

Brisante Folge einer brisanten Neuerscheinung: Am Veröffentlichungstag von Doris Wagners "Spiritueller Missbrauch" wurde bekannt, dass P. Hermann Geißler, Büroleiter in der Glaubenskongregation, zurücktritt.

Dieses Buch ist ein überaus wichtiger Anstoß! Der Stein, den es lostritt, könnte sich zur Lawine auswachsen - wie anno 2010, als der damalige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes SJ, an die Öffentlichkeit ging und von jahrzehntelanger sexualisierter Gewalt an seiner Schule berichtete. Wieder wird hier an einem Tabu gerüttelt. Insider kennen es. Andere ahnten etwas. Wieder andere wussten, wollten es aber nicht wahrhaben. Oder sie haben gehofft, dass sich das Problem unter den Tisch kehren lässt. Schweigespiralen.

Es ist zu wünschen, dass dieser Weckruf eine überfällige Debatte in Gang setzt. Sie wird schmerzhaft sein, Wunden offenlegen, ein innerkirchliches Missbrauchssystem demaskieren -"gängige Praxis", wie man erschüttert eingestehen wird müssen. Manche werden Verrat wittern. Aber: Opfern von spirituellem Missbrauch in der katholischen Kirche wird hier endlich eine qualifizierte Stimme gegeben. Das zählt! Und: Öffentlichkeit ist geschaffen.

Doris Wagner (verheiratete Reisinger), 1983 in Ansbach in eine evangelische Familie hineingeboren (die später zum Katholizismus konvertierte), ist eine mutige Frau. Das hat sie schon 2014 gezeigt, als sie ihr Buch "Nicht mehr ich. Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau" veröffentlichte (Wien, Edition a). Unmittelbar nach der Matura in die "Geistliche Familie Das Werk"(Ordenskürzel FSO) eingetreten, verließ sie ihre Gemeinschaft nach acht Jahren -und berichtet über Briefzensur, Rede-und Schreibverbote, Unterwerfungsrituale, Isolation und den Verlust der Privatsphäre, Bevormundung und Manipulation, Mobbing und Nötigung, spirituelle Anmaßung und Überhöhung bis hin zu sexuellen Übergriffen durch einen Priester der Gemeinschaft. Alles, was man bei Sekten ansiedelt. Psychoterror pur. Vergewaltigung oder der Bruch des Beichtgeheimnisses -keine Kavaliersdelikte! Perfiderweise stellte damals die Gemeinschaft Doris Wagner als Verführerin hin: Sie räche sich mit einer Aussteigergeschichte. Auch dieser Mechanismus gehört, heißt es in ihrem neuen Buch, zum "System".

Apostolische Visitation von "Das Werk"

Mehrere Medien, darunter das ORF-Religionsmagazin Orientierung, berichteten seinerzeit. Wenn "nichts" gewesen wäre: Warum ordnete der Vatikan eine 2013/14 durchgeführte Apostolische Visitation an? "Das Werk" räumte "eine kurze intime Beziehung eines Priesters der Gemeinschaft" ein. Gleichzeitig wies es darauf hin, dass sowohl in Österreich wie in Deutschland seitens der Staatsanwaltschaft keine Anklage erhoben worden sei. Von "verallgemeinernden Beschuldigungen" war die Rede. Das System schlug zurück. Das funktioniert, indem man diejenigen, die auf Schmutz hinwiesen, zu Nestbeschmutzern erklärt - und dämonisiert. Die Konstitutionen mussten überarbeitet werden. Ein Generalkapitel wurde verlangt. Wenig drang an die Öffentlichkeit.

1938 gegründet, wurde "Das Werk" 2001 von Johannes Paul II. als "Familie des geweihten Lebens päpstlichen Rechts" anerkannt. Sitz der Ordenszentrale ist das Bregenzer Kloster Thalbach. Niederlassungen gibt es in mehreren Ländern Europas, in Jerusalem und den USA. Die Gemeinschaft suchte stets die Nähe zu kirchlichen Hierarchen. In Rom stieß sie bei Bischöfen und Kardinälen auf offene Ohren, bis hin zum päpstlichen Haushalt von Benedikt XVI. Einzelne Mitglieder sind Spezialisten in der Newman-Forschung. Etliche Priester sind promoviert, einige arbeiten in vatikanischen Behörden mit, u. a. in der Glaubenskongregation und in der Kongregation für das Bildungswesen. Das macht die Angelegenheit - und dieses Buch -jetzt auch brisant. Gegen einen Büroleiter der Glaubenskongregation wurden (neue) Untersuchungen eingeleitet. Am Abend des 28. Jänner, als das Buch erschien, wurde bekannt, dass P. Hermann Geißler FSO (unter Beteuerung seiner Unschuld) seinen Rücktritt eingereicht hat, um "Schaden" von der Kongregation abzuwenden.

Im Juni 2018 hatte die Autorin in den Stimmen der Zeit den Artikel "#Nuns Too" veröffentlicht und Fragen und Fakten zum sexuellen Missbrauch an Ordensfrauen vorgelegt. Ende des Jahres erzählte sie auch im Dokumentarfilm "#Female Pleasure" über ihre Erfahrungen (vgl. FURCHE 46/2018). Jetzt legt sie, nach dem Buch über ihre individuelle, traumatische Leidensgeschichte, tiefere Ursachen bloß. Präludiert wurde ihr neues Buch durch zwei Artikel in der Zeitschrift Geist und Leben: von Klaus Mertes SJ ("Geistlicher Machtmissbrauch", 2/2017) und, unter demselben Titel, von dem Paderborner Kanonisten Rüdiger Althaus (2/2018).

Doris Wagner will "eine Diskussionsgrundlage" für eine theologische Auseinandersetzung mit dem Thema spiritueller Missbrauch schaffen. Spiritualität versteht sie als Sinnstiftung. Als "Substanz für Widerstandsfähigkeit" und "Lebensbewältigungstechnik"."Handlungsfähigkeit" ist gegeben bei "einem bewussten und souveränen Umgang mit spirituellen Ressourcen". Die müssen frei wählbar sein. Bei Einschränkungen entwickelt sich spiritueller Missbrauch. Wagner benennt drei Formen: spirituelle Vernachlässigung, spirituelle Manipulation und spirituelle Gewalt. Eine Reihe von "Sackgassen" sind benannt, etwa "toxische Spiritualität":"ein in sich geschlossenes totalitäres spirituelles System", das sich durch ideologische Selbstüberhöhung oder radikale Leidensmystik auszeichnet. Wer spirituelle Handlungsmächtigkeit schwächt, begeht spirituellen Missbrauch.

Etliche Fallbeispiele sind geschildert. Probleme werden benannt, Vorschläge werden gemacht. Alles oszilliert um den Begriff "spirituelle Autonomie": als grundlegendes Selbstbestimmungsrecht des Menschen, das auch im Konzilsdokument "Dignitatis humanae" garantiert und im Kirchenrecht (theoretisch) abgesichert ist.

Geistliche Ideologiebildung pur

Dass sich geistliche Ideologiebildung oft als "besonders lehramtstreu" gibt, dass sich eine Abwertungs-und Verbotslogik des Elternhauses in einer religiös konnotierten Verbots-und Schuldmoral fortsetzen kann - das kommt einem bekannt vor. Erfahrungen und Beobachtungen können bei Seelsorgerinnen und geistlichen Begleitern Aha-Erlebnisse auslösen: aufgedrängte Deutungen, die Delegitimation von Wahrnehmungen, Gefühlen und Entscheidungen, erzwungene Gewissensoffenbarungen, für "gottgewollt" erklärte Verbote, übergriffiges Beten, die Vermischung von "forum externum" und "forum internum", Wertung und Abwertung, Ausbeutung und Sklavendienste

Das Repertoire klassischer Ordensfrömmigkeiten kommt hier auf den Prüfstand. Wie vertragen sich manche Phänomene mit dem Gehorsamsbegriff? Doris Wagner will kirchliche Autorität nicht abschaffen. Aber sie weist auch auf Widersprüchlichkeiten im Kirchenrecht und im Katechismus hin. Beide schützen die Gewissensfreiheit von Gläubigen. Aber: "Es gibt keine Gewaltenteilung" - ein aktuelles Thema, denn dieses Machtungleichgewicht zwischen Klerikern und Laien begünstigt spirituellen Missbrauch.

Doris Wagner rechnet nicht ab. Sie zeigt auf. Und fordert ein: Die Kirche nimmt sich selbst nicht ernst, wenn sie das kanonische Recht nicht anwendet. Auch über Prävention ist zu lesen -Bischöfe und Ordensobere sollten dafür dankbar sein -und die Autorin für Bewusstseinsbildung einladen! Das letzte Kapitel ist ein Plädoyer für "spirituelle Entgiftung": Wie kann spirituelle Freiheit zurückgewonnen, Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit wiedererlangt werden? Also: Wie können Heilung und Befreiung erfolgen? Wer eine Selbstverleugnungsspiritualität verinnerlicht hat, braucht dafür viel Zeit, um wieder spirituelle Ressourcen erschließen zu können. Das Buch hilft dabei!

Der Autor ist Theologe, Publizist und Seelsorger an der Münchner Jesuitenkirche.

Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche Von Doris Wagner Herder 2019 208 Seiten, geb., € 20,60

Erzählte Gewaltgeschichte

Im Dokumentarfilm "#Female Pleasure", der zurzeit in den Kinos läuft, erzählen Frauen ihre Gewalt-und Befreiungsgeschichten. Doris Wagner (Bild) ist eine von ihnen.

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