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Leben ist eben lebensgefährlich

Unsicherheit gehört zu den Grundtatsachen menschlicher Existenz. Die Bemühungen der Moderne, alles abzusichern, führen zur Erstarrung und vertreiben keinesweg die Angst.

In einer Zeit, in der es keine "safe positions", kein sicheres Umfeld mehr gibt, nimmt das Interesse an der eigenen Sicherheit zu: Sicherung der Arbeitsplätze, Sicherung der Pensionen, Sicherung der Gesundheitsversorgung. Sicherheit wird so zum Leitbegriff. Doch in dieser Überbetonung muss Sicherheit zugleich "fragwürdig" werden. Entpuppt sie sich am Ende als Illusion?

Glück für möglichst viele

Wir können die akute Bedeutung, die das Thema Sicherheit zunehmend erfährt, nur verstehen, wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen. Am Ausgang unserer gesellschaftlichen Entwicklung stand eine gewaltige, hoch attraktive Verheißung: die Moderne versprach, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen. Glück sollte also machbar und verfügbar werden. Moderne Naturwissenschaft und Technik galten als Garanten jenes Glücks der Vielen.

Doch was ist das Wesen von Glück? Schon die alten Griechen kannten eine Göttin des Glücks. "Tyche" (lat. "fortuna") agierte als Göttin der Schicksalsfügung, die Glück und Unglück unberechenbar verteilte.

Glück ist also seinem Wesen nach nicht machbar, verfügbar, sicherbar. Glück und Unglück fallen dem Menschen zu - als Herausforderungen des Schicksals. Die Moderne löste diesen Widerspruch, indem sie Glück mit Konsum identifizierte. Glücklich wäre demnach, wer unbegrenzt konsumieren kann. In diesem Sinne ließe sich Glück mit Hilfe rationaler Kalkulation und bedarfsgerechter Produktion tatsächlich beliebig und verlässlich herstellen.

Doch unsere Selbsterfahrung weiß es anders. Wir werden auf diesem Weg eben nicht glücklich, wenn Glück die Erfahrung wirklicher Erfüllung meint. Und nur deswegen hasten wir von einem falschen Versprechen zum nächsten, von einem Konsumakt zum nächsten. Was bleibt, ist Betäubung unseres Hungers, unserer Sehnsucht nach wirklichem Glück. Und die Wirtschaft hilft uns dabei durch permanente Beschleunigung und Erweiterung der Konsummöglichkeiten. Wir sollen am Gängelband bleiben. Nur nicht die Illusion erkennen! Die Illusion, dass unser Glück sicher sei...

Dunkelzonen bleiben

Nur das Thema Glück zu fokussieren, wäre allerdings einseitig. Im Grunde verbirgt sich hinter der Erwartung, Glück beliebig, verlässlich und massenhaft herstellen zu können, ein gewaltiger Affront gegen die Schattenseiten des menschlichen Lebens.

Die Moderne will letztlich das Leiden und den Tod eliminieren.

Auch hier, in den Dunkelzonen menschlicher Existenz geht es also um Sicherheit. Wir wollen uns sichern gegen die herausfordernden Schläge des Schicksals, gegen Not, Unfall, Krankheit und Sterben. Nur das Helle und Lichte soll Platz in unserem Leben haben. Wieviel Geld wird nicht in Versicherungen investiert: Lebensversicherung, Pensionsversicherung, Krankenversicherung, Sozialversicherung, Haftpflichtversicherungen, Rechtsschutzversicherungen, Hausratsversicherungen, Diebstahlsversicherung, Kreditrückzahlungsversicherungen, Aufsichtspflichtverletzungsversicherungen, Zusatzversicherungen, Unfallversicherungen und vieles mehr...

Gegen alles könnte man sich versichern. Vielleicht sollte man sich überhaupt gegen das Leben versichern?

Trotz all dieser Versicherungen gibt es Unfälle, Armut, Diebstahl, Krankheit und Tod. Trotz allem gibt es Überschwemmungen und Hitzewellen. Trotz allem steigt die Zahl der Suchtkranken und der Depressiven. Trotz allem steigt die Kriminalität.

Und es steigt die Unzufriedenheit. Es steigen die Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Es steigt die Unsicherheit.

Vielleicht lassen sich die grundlegenden Bedingungen menschlichen Daseins letztlich nicht ändern. Vielleicht müssen sich Glück und Unglück die Waage halten. Ja, womöglich fordern wir mit unserer einseitigen Suche nach Genuss, Leichtigkeit, Sicherheit und Glück geradezu die Dunkelseiten des Lebens heraus. Rufen wir selbst gewissermaßen unbewusst - doch zwingend - Überdruss, Schwere, Unsicherheit und Unglück auf den Plan, weil das Leben eben immer nur ganz und nicht halb zu haben ist?

Es scheint doch in diesem Sinne gerade so, als wüchse die um sich greifende Unsicherheit im Maße unserer Sicherheitsbestrebungen.

Und obendrein: Welche ungeheuren Lasten, wieviel Leid und Not halsen wir gut entwickelten Westler denn heute nicht weltweit hunderten Millionen von Menschen und der nicht menschlichen Natur auf? Alles Folgen unserer Illusionen. Sollte das denn wirklich spurlos an uns vorübergehen?

Die Vielzahl der Ängste

Der heimlich und zugleich unheimliche geistig-seelische Hintergrund der modernen Konsum- und Leistungsgesellschaft ist die Angst. Darüber können alle Bemühungen um Glück, Leidvermeidung und Sicherheit nicht hinwegtäuschen.

Ja, es mag sein, dass wir mehr durch Angst beherrscht sind als durch irgendetwas anderes. Auch das allgegenwärtige Machtstreben ist doch nur als Kehrseite latenter oder offenkundiger Ängste zu verstehen. Der durchschnittliche Mitteleuropäer leidet am Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich unter einer Vielzahl von Ängsten. Er hat Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, dem Verlust seiner Pensionsansprüche, vor mangelhafter Alters- und Krankenversorgung; er hat Angst vor dem Zerbrechen sozialer Bezüge, also vor Vereinsamung. Er hat eine unspezifische Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird, vor dem Verlust seiner Konsummöglichkeiten, Angst vor Leere und Stillstand genauso wie vor zu hohem Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung und daraus resultierendem Chaos. Und die Angst vor Krankheit und Tod sind ihm erhalten geblieben.

All die verzweifelten Bemühungen um Sicherheit sind letztlich hinreichend nur vor dem Hintergrund dieser Ängste zu verstehen. Die Angst ist allgegenwärtig. Sie umlauert uns gewissermaßen.

Das ist nicht unbedenklich. Vor allem deshalb, weil wir zu viel dafür tun, diese Angst zu betäuben, zu verdrängen. Damit erhält sie eine unkontrollierbare Macht. Doch die lauernde Angst wahrzunehmen würde bedeuten, die herrschende gesellschaftliche Dynamik zu demaskieren, zuzugeben, dass das Projekt Moderne gescheitert ist. Denn die großen Verheißungen haben sich nicht erfüllt: Sie sind unerfüllbar.

Angst und Unsicherheit gehören konstitutiv zur Wirklichkeit des Menschen: Angst und Unsicherheit sind nicht böse, nicht an sich schlecht. Die Erfahrung von Angst und Unsicherheit ist ein Stachel, weil sie uns auf Grundtatsachen menschlicher Existenz hinweist. In diesem Sinn ist Angst eine zentrale Wahrnehmungsweise, wenn man sich ihr bewusst stellt.

Menschliches Dasein auf dem Planeten Erde ist per se ungesichertes Dasein. Gerade hierin besteht seine Größe und seine Würde. Menschliches Dasein ist Wagnis. Es ist stets umgeben von Gefahren, inneren wie äußeren, die aber zugleich Herausforderungen zu Wachstum und Reife beinhalten. Die eigentliche Herausforderung der menschlichen Existenz besteht nicht darin, dieser Ungesichertheit äußere Sicherheiten entgegenzusetzen. Äußere Sicherheiten wirken bestenfalls wie Bastionen, die uns vom leben selbst abschneiden.

Leben will uns überraschen - durch Glück und Unglück. Wir sollen den Weg mitgehen und eben dadurch beweglich und lebendig werden. Dagegen wird, wer sich verbarrikadiert und einbunkert, unlebendig und starr. Das Leben will uns berühren und bedarf dazu unserer Berührbarkeit. Eine Unmittelbarkeit, die schutzlos Begegnung wagt.

Die eigentliche Hilfe gegen die oftmals beängstigende Unsicherheit des Lebens besteht deshalb nicht in der Schaffung von Sicherheit. Die eigentlich Hilfe besteht in der Entwicklung eines umfassenden Vertrauens, in dem wir wieder und wieder Geborgenheit finden. In den Wechselfällen des Lebens ist die einzige verlässliche Hilfe eines Spiritualität, aus der heraus wir immer von Neuem den Mut zum Leben finden. Eine Spiritualität, die das Sinnlich-Sichtbare relativiert und transzendiert und das menschliche Dasein in einen umfassenden Sinnhorizont stellt.

Ein Bild der Unbehaustheit

Die Geburt des Gottessohns im Stall - ein Bild der Sicherheit? Mitnichten. Viel eher ein Bild der Unbehaustheit, ja des Ausgesetztseins. Immer wieder abgewiesen, der Stall als allerletzter Ort der Zuflucht. Natürlich: dann kommen die Hirten und die Engel und die drei Weisen und wandeln alles in ein Bild der Geborgenheit. Aber nur vorübergehend - um dann erneut umzuschwenken in Verfolgung und Heimatlosigkeit.

Das Leben Jesu ist Urbild für alles Menschsein. Sicherheit hat darin keinen Platz. "Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." (Mt 8,20)

Weisheit des ungesicherten Lebens. Leben als ständige Bewegung, als Pilgerschaft. Immer wieder Kreuz, immer wieder Auferstehung. Sicherheit ist darin nichts als eine gefährliche Illusion.

Der Autor ist Philosoph und arbeitet im Diakoniewerk Gallneukirchen.

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