Leben und Überleben im Land der Oligarchen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ukraine, eine stille europäische Tragödie: Korruption ist ein allgegenwärtiges Thema - sie hat sich tief in die Gesellschaft gefressen. Ebenso Armut und Elend, nicht zuletzt infolge des Krieges. Die Hoffnung ruht auf der Zivilgesellschaft, die das Land vielfach zusammenhält.

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Die Ukraine, eine stille europäische Tragödie: Korruption ist ein allgegenwärtiges Thema - sie hat sich tief in die Gesellschaft gefressen. Ebenso Armut und Elend, nicht zuletzt infolge des Krieges. Die Hoffnung ruht auf der Zivilgesellschaft, die das Land vielfach zusammenhält.

Wir sind zum Abendessen bei einer Parlamentsabgeordneten in ihrem Haus außerhalb von Kiew eingeladen. Aus den angekündigten 30 Minuten Fahrt werden dann fast zwei Stunden. Auf der unendlich langen Ausfallstraße nach Westen stecken wir im Stau, eingekeilt zwischen teuren SUVs. Unvermittelt geht die holprige, schmale Stadtstraße in eine neue Autobahn über, an der alle paar Kilometer hochmoderne Tankstellen stehen, die sich wohltuend von den Kitschbauten der österreichischen Autobahnraststätten unterscheiden.

Unser Ziel ist eine Ortschaft weit abseits der Autobahn. Am Ende der kilometerlangen, kaum erleuchteten Dorfstraße stehen wir vor einem mit hellen Laternen bekrönten gusseisernen Zaun. Dahinter in der Dunkelheit kann man schemenhaft einen riesigen Ziegelbau ausnehmen. Irgendwo im Park rauscht ein Bach. Es ist eine ehemalige, später verfallene Mühle, aus der die Gastgeberin ein Heimatmuseum mit einer großen Sammlung von Hausikonen gemacht hat, die eine der wenigen Touristenattraktionen in der Umgebung der Hauptstadt ist. Die Renovierung muss viel Geld gekostet haben.

Empfang im Kampfanzug

Olha Bogomolez ist eine kräftige Frau etwa Mitte vierzig mit vollem blondem Haar: Sie entstammt einer alten Adelsfamilie, worauf sie nicht ohne Selbstbewusstsein hinweist. Von Beruf ist sie Ärztin, während der Demonstrationen am Maidan hat sie in der Nähe des Platzes ein Feldspital geführt. Obwohl es schon zehn Uhr abends ist, empfängt sie uns in einem militärischen Kampfanzug. Diese Verkleidung erklärt sie damit, dass sie den ganzen Tag mit Militärs in Kiew verbracht hat. Es ist aber offensichtlich, dass sie damit auch demonstrieren will, wie bereit die Ukrainer sind, voran die Politiker der Regierungskoalition, ihr Land zu verteidigen. Bogomolez, die sehr gewandt Englisch spricht, gehört zur Partei von Präsident Petro Poroschenko. Dessen Angebot, Gesundheitsministerin zu werden, habe sie abgelehnt, sagt sie.

Jetzt kämpft sie im Parlament gegen ein neues Gesundheitsgesetz, durch das die Spitäler privatisiert werden sollen. Das wäre im Interesse der Oligarchen, die es auf die großen Areale der Krankenhäuser in Kiew abgesehen haben, die die letzten Grundstücksreserven für Bauprojekte in der Hauptstadt sind. Sie möchte stattdessen einen Teil der Spitäler zu Pflege- und Altenkrankenhäusern machen, die es in der Ukraine überhaupt nicht gibt. Die Menschen müssten ihre Alten zuhause pflegen, was für die meisten kaum zu bewältigen sei.

Dass das Gesundheitswesen in der Ukraine besonders korruptionsanfällig ist, bestätigt auch der scheidende päpstliche Nuntius. Es müsste etwa für Medikamente Preislisten aus dem Westen zum Vergleich geben, weil die Preise in der Ukraine offensichtlich weit überhöht sind.

Die Korruption ist ein allgegenwärtiges Gesprächsthema in der Ukraine. Sie hat sich tief in die Gesellschaft gefressen, alle beklagen sie, bei Umfragen sagt aber eine Mehrheit der Menschen, sie würden um eines Vorteils willen auch unkorrekt handeln. "Wir haben einfach die traditionellen bürgerlichen Tugenden verlernt", sagt der Gouverneur des Verwaltungsbezirks Lemberg, Oleg Synyutka, im Gespräch mit österreichischen Journalisten.

Wer ist überhaupt ein Oligarch, diese ominöse Figur der, wie es ein westlicher Beobachter formuliert, "besonders brutalen postsowjetischen Gesellschaften"? Nicht jeder erfolgreiche Unternehmer und reiche Mann muss einer sein. Der Oligarch ist nicht ein Produkt des "kalten, neoliberalen Turbokapitalismus", wie das mancher Ahnungslose meint, er ist vielmehr eine charakteristische Hinterlassenschaft der Sowjetunion.

Der Oligarch war typischerweise Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes. Durch die Verbindungen, die er hatte, und die einfache Kenntnis von Telefonnummern (in der Sowjetunion gab es keine Telefonbücher) gelang es ihm und seinen Freunden, die herrenlosen Staatsbetriebe zu ihren eigenen Gunsten zu privatisieren. Das Geld dafür nahmen sie vermutlich aus Parteikassen. Respekt vor Recht und Gesetz kennt der Oligarch nicht, denn er ist in einem rechtsfreien Raum groß geworden. Er benutzt (und gelegentlich: erpresst) die Politik für seine Interessen. Oft "halten sich" die großen Oligarchen mehrere konkurrierende Parteien.

Das Straßenbild in Kiew könnte einen täuschen: Man sieht fast nur teure SUVs, aber das sind die einzigen Autos, die für die schlechten Straßen geeignet sind. Die meisten jungen Frauen sind auffallend gut, nicht alle deshalb auch teuer angezogen. Aber schon ein kurzer Blick an einer Autobusstation lässt einen die andere Wirklichkeit erkennen: Die Leute, die hier auf die Fahrt nachhause, irgendwo in den unendlichen Vorstädten mit ihren gigantischen Wohntürmen, warten, sind oft sehr bescheiden gekleidet, wenn sie sich auch die Armut nicht anmerken lassen wollen. Die Busse, in die sie einsteigen müssen, sind augenscheinlich Jahrzehnte alt, zerbeult, rostig und unbequem. Wohnungen in der Stadt sind für normale Leute unbezahlbar, obwohl ständig neue Blocks aus dem Boden schießen.

Kaum wo könnte man die schreckliche Armut des Landes und seine jüngste Tragödie besser erleben als im Militärspital von Kiew. 1755 steht über dem Eingang. Es ist das Baujahr des weitläufigen flachen Baus, der mit seinen vielen grünen Höfen sehr an das Alte AKH in Wien erinnert, nur ist er hier noch als Spital in Betrieb. In einem kleinen Krankenzimmer stehen vier alte Betten, keines hat eine Hebe-Vorrichtung, obwohl hier Schwerstverletzte liegen.

Warum? Warum ich?

Sergij ist ein kräftiger Mann von vielleicht vierzig. Ihm mussten das linke Bein und der linke Arm amputiert werden. Wenn man die Umstände in diesem Militärspital sieht, beschleicht einen der schreckliche Verdacht, dass ihm vielleicht bei besserer Medizin die Gliedmaßen gerettet hätten werden können. Aber die Ärzte hier haben wohl ihr Bestes gegeben.

Sergij ist gefasst, aber die Frage steht ihm ins Gesicht geschrieben: Warum? Warum ich? Seine Frau und die beiden Söhne kommen ihn regelmäßig besuchen, er muss sich keine Sorgen um sie machen. Aber seine eigene Zukunft ist völlig ungewiss. Was wird aus ihm? Rehabilitation, Rollstuhl, vielleicht sogar Prothesen - all das ist in der Ukraine kaum zu bekommen. Seine Chance ist nur, dass jemand mit Verbindungen zum Westen ihm helfen wird.

Im Bett neben Sergij sitzt der 27-jährige Wassilij, den Kopf in den Arm gestützt, verzweifelt und fassungslos. Seine Mutter legt ihm in einer hilflosen Geste die Hand auf die Schulter. Zu reden gibt es nichts mehr. Wassilij wurde bei Luhansk von einer Mine das rechte Bein weggerissen. Eine Prothese wurde ihm versprochen, aber er wartet immer noch darauf. Man hat nicht den Eindruck, dass hier wirklich viel getan werden kann, um die Kriegsinvaliden auf ihr künftiges Leben vorzubereiten.

Alle Hoffnung ruht auf den Freiwilligen und der Zivilgesellschaft, die unterdessen vielerorts den Staat zusammenhalten. Ein Beispiel davon kann man auch im Militärspital sehen, nur wenige Schritte vom Invalidenzimmer entfernt: Aus Spendengeldern wurden ein Lift und eine moderne Intensivpflegestation eingerichtet. "Ich weiß", sagt Olga, die eine "Internationale Organisation zur Unterstützung der Ukraine" leitet, und zeigt auf ein Krankenbett mit einer normalen Hebevorrichtung, "für Sie aus dem Westen ist das ganz selbstverständlich, aber für uns ist es eine Errungenschaft."

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