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In seiner ersten Enzyklika zeigt Benedikt XVI., wie das Konzil weitergeschrieben werden kann.

Als am 25. Jänner 2006 die erste Enzyklika von Papst Benedikt xvi. veröffentlicht wurde, war die Überraschung innerhalb und außerhalb der Kirche beträchtlich. Denn von dem Mann, der 23 Jahre lang als Präfekt der Glaubenskongregation zum Teil scharf pointierte, dogmatische Lehramtstheologie betrieben und als Richtmaß vorgegeben hatte, erwarteten viele eine kompakte, dogmatische Grundsatzerklärung.

Tatsächlich hat der Papst nun eine Grundsatzerklärung verfasst und den Grund-Satz auch programmatisch als Titel gefasst: "Deus caritas est - Gott ist Liebe". Die Überraschung der Enzyklika aber liegt darin - und das kennzeichnet die meisten Überraschungen seit den Anfängen des biblischen Glaubens -, dass der Papst uralte Glaubenseinsichten mit einem ebenso uralten Stil verbunden hat, wie sie beide in der heutigen theologischen Sprache weithin verloren gegangen sind.

Der Grund-Satz

Die uralte Einsicht: Kein Mensch ist Gott; was immer ein Mensch von Gott aussagt (und er muss doch von Gott reden), bleibt brüchig, undeutlich, vage. Der uralte Stil: Er nimmt nicht Maß an schneidiger Technologensprache, an hermetischen Begriffskorsetten einer unbeugsamen Dogmatik oder an flotten pastoralen Sagern; im Stil der Enzyklika verbinden sich dezent poetische, begriffliche, hymnische, ja selbst humoreske Elemente (Nr. 5) zu einem feinsinnigen Gesamtgeflecht.

Damit zeigt die Enzyklika auch an, dass die (kirchliche und theologische) Dogmatik keineswegs die Königsdisziplin des katholischen Glaubens und Nachdenkens ist. Dogmatik ist nicht mehr und nicht weniger als eine wichtige Schutzfunktion für den Glauben, dem sie dient. Und sie steht gewiss nicht über der Praxis der Liebe und noch weniger über dem Gebet oder über der Heiligen Schrift. So gesehen, geht es in dieser Grundsatzenzyklika um Fundamentaleres als um dogmatische Lehre: Es geht um die Basis des gelebten, gefeierten, besungenen und bedachten Glaubens; die Enzyklika möchte "Mut zum Leben und Mut zum Handeln" (Nr. 72) wecken. Mit diesem Grund-Satz bewegt sich das Rundschreiben ganz deutlich auf das Judentum zu, dem gerechtes Tun immer wichtiger war als richtiges Denken.

Eine "katholische" Enzyklika

Die Enzyklika, die in zwei Teilen aufgebaut ist ("Die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte" - "Das Liebestun der Kirche als einer ,Gemeinschaft der Liebe'"), nimmt diesen Bezug aufs Judentum denn auch beherzt auf und gewinnt gerade auch von daher den ihr eigenen katholischen Stil, ganz so, als gehe es von Rom nach Jerusalem: Sie will nicht primär ausschließen, sondern sammeln und zusammenfügen, was zusammengehört und dem Leben des Menschen dient. Kritik an bestimmten Verfallsformen kommt allein aus dieser Integrationsabsicht und will gleichfalls dem Menschen dienen.

So wandert der Papst themenorientiert durch die ganze Bibel, überzeugt von der "inneren Durchdringung der beiden Testamente" (Nr. 12), und nimmt sein Fundament - vom zentralen Bekenntnistext Israels seit Urzeiten: Höre Israel! (Dtn 6,4 ff) Denn da zeigt sich: Der einzige Gott der Welt sucht mit unermesslicher Liebe den Menschen, der von daher auch an die einzigartige Liebe unter seinesgleichen gewiesen wird; dem Monotheismus entspricht die auf Dauer angelegte Monogamie (Nr. 11).

Geradezu poetisch wendet sich der Papst prophetischen Texten zu und dann in einer längeren Passage dem Hohelied. In ihm entdeckt er die zwei Formen der einen Liebe, die er dann in der griechischen Tradition im Gespann von Eros und Agape wiederfindet: dodim, die suchende Liebe, und ahawa, die findende, sorgende Liebe. Beide sind voneinander niemals zu trennen. So wird jede Legitimation von Leibfeindlichkeit verneint - gerade auch die, die sich im Geschäft mit dem Sex heute flächendeckend ausbreitet. Denn sie entwürdigt den Menschen und macht ihn zur Ware. In der vordergründigen Verherrlichung des Körpers versteckt sich zerstörerischer Hass auf den Leib (Nr. 5).

Das Universal der Liebe

Dodim und ahawa, Eros und Agape sind universal und lassen die Menschen von der Gottesliebe her leben - als Menschen. Da erhebt sich keine mystische Auflösung des Menschen im "namenlosen Ozean des Göttlichen" (Nr. 10), die ja gänzlich unbiblisch ist. Das Katholische, also das Universale der Liebe liegt nicht in der Vereinheitlichung von allem mit allem, sondern in der Humanisierung der Lebenswelt. Und ihr haben einerseits das so genannte "Liebestun" der Kirche, vor allem die Caritas, und andererseits der Staat zu dienen: Der Staat hat für Gerechtigkeit zu sorgen, die Caritas für die Praxis der Liebe. Das sind zwei verschiedene Aufgaben, die miteinander nie identisch werden.

Klar sagt der Papst im zweiten Teil der Enzyklika, dass auch der gerechteste Staat niemals das Leiden aufheben wird. "Liebe - Caritas - wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft [...] Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen. Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht." (Nr. 28). Jesu Identifikation mit den Armen, Obdachlosen, Kranken (Mt 25) wird niemals vergangen sein; das wissen die Heiligen, die als "die wahren Lichtträger der Geschichte" (Nr. 40) in die Finsternisse der Armut und Verzweiflung gegangen sind, um dort die Nächsten zu suchen.

Liebe und Gottesbekenntnis

Diese Liebespraxis hängt am Bekenntnis zu dem einen Gott. Ohne dieses Bekenntnis würde sie kalte Sozialtechnologie. Dass sie also Praxis der Liebe bleibt, d. h. "Zuwendung des Herzens" (Nr. 31) zum Nächsten, die orientiert wird am großen Liebesgesang des Paulus in 1 Kor 13, an dieser "Magna Charta allen kirchlichen Dienens" (Nr. 34), das setzt voraus, dass die Caritas ihren Bezug zu Gott bewahrt. Das aber geschieht durchs Gebet. "Wer betet", schreibt Benedikt xvi., "vertut nicht seine Zeit."

Teresa von Kalkutta hat gezeigt, dass das Gebet für das Handeln aus Nächstenliebe "in Wirklichkeit dessen unerschöpfliche Quelle ist." (Nr. 36). Hier schließt sich der Bogen mit dem Höre Israel! Ohne den einen und einzigen Gott erstirbt die Liebe, ersterben dodim und ahawa, Eros und Agape; ohne den einen und einzigen Gott stirbt der Mensch. Ist aber der Mensch tot, dann erlischt auch die Ahnung Gottes. Das ist katholische Botschaft heute.

Ein großer Sprung?

Diese Enzyklika zeigt durch ihre Themenwahl und ihren Stil auch, wie das Zweite Vatikanische Konzil weitergeschrieben werden kann. Ohne massive Probleme und Gefahren von heute zu trivialisieren, zielt sie gleichwohl nicht auf ein abgeschlossenes Regelwerk der Liebe, das nur noch Lust auf die Unlust macht und liebesferne Bastionen errichtet. Umgekehrt: Die vielfach berechtigte und bedrückende Diagnose, dass die Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in ihrem Sprung gehemmt wurde, erhält in dieser Enzyklika eine offene und hoffentlich dauerhafte Antwort: Wagemutig und frisch ist der Sprung. Er erinnert an damals, da entsprechend dem Propheten Hosea Gott an die frühen Tage dachte, als er Israel jung in der Wüste fand (dodim) und lieb gewann (ahawa).

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien.

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